83 Jahre elementare Daseinsfürsorge

Man schrieb das Jahr 1929, die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Der Rückgang der Einkünfte aus dem damals führenden Exportgut, dem Salpeter, hatte Chile erreicht, Handelshäuser und Werkstätten mussten schließen, Arbeitslosigkeit bedrohte manchen Deutsch-Chilenen, der bisher redlich von seiner Leistung gelebt hatte.

Aus dieser Not heraus, wie so viele andere Einrichtungen unserer deutsch-chilenischen Gemeinschaft, entstand damals der Deutsche Hilfsverein. Es war Hilfe zur Selbsthilfe. Die staatliche Anerkennung (Personería Jurídica) wurde dem Verein bereits im darauffolgenden Jahr verliehen. Berichte aus jenen Jahren nach mangelte es nicht an Mitgliedern und Sponsoren, die es dem Verein gestatteten, durch Beitragszahlung die Not vieler unserer Mitbürger zu lindern. Man bedenke, dass es damals weder eine geregelte Arbeitslosen- noch eine allgemeine Altersversicherung in Chile gab.

Ganz besonders nahm man sich der älteren Jahrgänge an. Es entstand ein Altersheim im Stadtteil Barrancas (heute Pudahuel), aus dem sich dann später das Claus-von-Plate-Heim entwickelte, benannt nach dem langjährigen Herausgeber des «Cóndors». Er hatte sich besonders für eine gerechte Altersversorgung eingesetzt.

Jahre hindurch war der Hilfsverein die einzige Institution, die sich der Notleidenden annahm.  Heute kennen wir andere Einrichtungen wie die privaten Krankenversicherungen Isapres, die Rentenfonds Afps und so weiter. Es könnte daher der Eindruck entstehen, dass ein Hilfsverein brauchen nicht mehr gebraucht würde. Aber weit gefehlt!

Noch gibt es unter uns einen großen Personenkreis, der auf karikative Unterstützung angewiesen ist – auch wenn es kaum jemand glauben mag angesichts so vieler sozialer Einrichtungen und Verbände.

Sowohl Beitragszahlungen als auch Einnahmen aus Spenden sind zurückgegangen, dementsprechend auch die dadurch möglichen Hilfsleistungen. So konnte man es den Ausführungen des Vorsitzenden des Deutschen Hilfsvereins, Rechtsanwalt Gerardo Scheffelt, entnehmen, der zur Hauptversammlung im 83. Jahr seines Bestehens im Seniorenheim in der Straße Tupungato eingeladen hatte.

Trotz alledem ist es noch erstaunlich, was mit wenigen Mitteln geleistet werden kann, so wie den Damen gedankt werden muss, die sich im Auftrag des Vereins große Mühe geben, dort einzuspringen, wo Not am Mann oder an der Frau ist.

Es liegt im Zuge der Zeit, dass der Staat vieles von dem übernommen hat, was früher der privaten Initiative oblag. Trotzdem sollten wir die nicht vergessen, die nicht im Netz der staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen aufgefangen werden. Es sind weitaus mehr, als wir glauben zu wissen.

 

Von Dietrich Angerstein

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