100 Jahre Deutsch-Chilenischer Bund: Historisches Jubiläum in Concepción

Medaillenvergabe auf der DCB-Tagung in Concepción: Ricardo Hepp, Rosmarie Prim, Alejandra Kantor und Ricardo Hempel
Medaillenvergabe auf der DCB-Tagung in Concepción: Ricardo Hepp, Rosmarie Prim, Alejandra Kantor und Ricardo Hempel

Der Deutsch-Chilenische Bund (DCB) wurde 1916 in Concepción gegründet. Anlässlich des großen Jubiläums fand nun in der Stadt am Biobio-Fluss die 100. Jahresversammlung statt.

Von Arne Dettmann

«100 Jahre sind keine schlechte Zahl. Wir haben in dieser Zeit einiges geschafft.» Mit diesen Worten läutete René Focke die historische 100. Jahresversammlung des DCBs am vergangenen Samstag im Auditorium der Deutschen Schule Concepción ein. Der Vorsitzende ging in seiner Begrüßungsrede auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg ein – Zeiten, in denen die damaligen Mitglieder Engagement und Einsatz bewiesen und mit ihrem «Überlebenswillen», so Focke, die Deutschen Schulen und die deutsch-chilenischen Institutionen vor der Schließung durch die chilenische Regierung bewahrt hätten. Dabei habe der DCB als Solidaritätsbündnis sein Ziel bis heute nie aus den Augen verloren: die Erhaltung und Förderung der deutschen Sprache und Kultur sowie die Stärkung und Förderung der deutsch-chilenischen Gemeinschaft.

Der anschließende Bericht des DCB-Geschäftsführers Christian Kroneberg bewies eindrucksvoll, dass der Bund seine Aufgabe auch 100 Jahre nach seiner Gründung nicht nur pflichtbewusst wahrnimmt, sondern zudem eine äußerst rege Tätigkeit aufweist: 478 Mitglieder zählt der DCB derzeit, darunter befinden sich 23 Deutsche Schulen, 7 Studentenverbindungen und 19 weitere Institutionen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr lud der DCB zu 115 Kulturveranstaltungen, darunter Malerei-Ausstellungen, Kino, Vorträge, Konzerte und Theateraufführungen bis hin zur Weinprobe – ganze 2.728 Teilnehmer waren dabei. Christian Kroneberg: «Fast jeden Sonntag hatten wir ein Konzert im Angebot.»

Zum weiteren Programm zählen der Märchenkreis und Osterbasteln für Kinder, Frühschoppen für alle Junggebliebenen und das Sommerjugendlager, das nun erstmals nicht mehr am Lanalhue-, sondern zukünftig am Llanquihue-See statt finden soll. Darüber hinaus organisiert der DCB Deutschkurse und einen Schüleraustausch, an dem jüngst 230 chilenische und in Gegenrichtung 81 deutsche Schüler teilnahmen.

Insgesamt also ein vielfältiges Aktivitätenspektrum, das über Werbung, Sponsoring, Mitgliedsbeiträgen sowie Einnahmen aus Veranstaltungen finanziert und über Schirmherrschaften, Marketing und Kooperationen unterstützt wird.

«Die Kulturveranstaltungen sind unser größter Ausgabeposten bei verhältnismäßig geringen Einnahmen», erklärte Christian Kroneberg, worauf DCB-Präsident René Focke ironisch-süffisant fragte, ob man daher das Kulturprogramm – das Herzstück des DCBs – streichen sollte. Focke: «Das wäre in etwa so, als wenn ein Buchhalter einer Kirche empfehlen würde, die Gottesdienste nicht mehr zu machen. Oder einer Reederei zu raten, keine Schiffe mehr zu unterhalten.» Kurzum: Der DCB ist sich seiner Verantwortung bewusst, deutsche Kultur auch weiterhin aktiv zu fördern und das hohe Niveau keinesfalls abfallen zu lassen.

Dem Geschäftsbericht folgte ein Vortrag des Psychiaters Dr. Otto Dörr, der das «Vermächtnis» von Johann Wolfgang Goethe analysierte, ein Gedicht, das als poetisches Testament des bedeutendsten Repräsentanten deutscher Dichtkunst gilt.

Im Anschluss kamen Vertreter deutsch-chilenischer Institutionen zum Zuge:

  • Der Anwalt Christian Schmitz berichtete über seine Tätigkeit als deutscher Honorarkonsul in Concepción.
  • Bibliothek und Emil-Held-Archiv des DCBs: Vorstandsmitglied Pablo Prüssing erklärte, dass mittlerweile 12.000 historische Dokumente sowie 9.500 Fotos digitalisiert und im Internet abrufbar seien. Das Archiv Schwarzenberg umfasse 35.000 Namen von deutschen Einwandererfamilien.
  • Über die deutsch-chilenische Zeitung Cóndor und deren Tätigkeiten sowie die Verlagsstruktur referierte der Herausgeber und Geschäftsführer Ralph Delaval. Chefredakteur Arne Dettmann stellte die Internetseite www.condor.cl und die Facebook-Präsenz vor.
  • Renato Valverde berichtete über die Burschenschaft Montania, die 1924 in Concepción gegründet wurde.
  • Christian Piel sprach über den Bund chilenischer Burschenschaften, der 1966 ins Leben gerufen wurde und Stipendien für einen einjährigen Aufenthalt in Chile und Deutschland vergibt.
  • Werner Hohf referierte als Geschäftsführer über die Deutsche Schule Concepción, die auf eine fast mehr als 130-jährige Geschichte zurückblickt (Gründung 1888). Im Jahr 2008 zog die Schule vom Stadtzentrum nach San Pedro de la Paz auf der anderen Seite des Biobio-Flusses, wo sie weiter «mit Volldampf in die Zukunft»expandiert: Derzeit zählt sie 1.215 Schüler, im Jahr 2020 sollen es bereits 1.400 und im Jahr 2028 geschätzte 1.600 sein.
  • Für die evangelisch-lutherische Kirche in Concepción legte Vorstandsmitglied Roland Reinbach den Bericht vor. Die Gemeinde wurde 1904 gegründet umfasst derzeit 130 Familien beziehungsweise 200 Mitglieder.
  • Der Vorstandsvorsitzende des Goethe-Zentrums in Concepción, César Müller, erzählte, dass derzeit 110 Personen an Deutschkursen teilnehmen würden. Das Zentrum existiert seit 57 Jahren.
  • Anselmo Villagra zeigte die Geschichte der 5. Deutschen Feuerwehrkompanie der Stadt Talcahuano auf. Die Wehr wurde 1908 ins Leben gerufen und stützt sich bei ihrer Arbeit auf 120 Freiwillige.
  • Die 7. Feuerwehrkompanie Concepción wurde 1949 gegründet, so Christian Walter. Aktuell gibt es 70 Freiwillige – darunter 15 deutschsprachige – und 20 Mitglieder in der Jugendfeuerwehr. An gesellschaftlichem Leben fehlt es in der Wehr offenbar nicht. Walter: «Wir löschen Brände, teilweise auch ein wenig Durst.»
  • Für den Deutschen Sportverein Concepción berichtete Vorstandsmitglied Klaus Bornhardt in Vertretung für den Vereinspräsidenten Christian Westermeyer. Im Jahr 1886 gegründet, feiert der Club Deportivo Alemán nunmehr sein 130. Jubiläum. Er zählt 430 Mitglieder mit insgesamt 1.200 Sportlern. Zu den sieben Sparten zählen unter anderem Volleyball, Rudern, Hockey und Fußball. Darüber hinaus bietet der Verein aber auch Schwimmstunden, Skatrunden und Konzerte an.

Im Anschluss an die Jahresversammlung gab es ein gemeinsames Mittagessen im neuen Vereinsheim des Club Deportivo Alemán mit herrlichem Ausblick auf die Laguna Chica. Am Abend trafen sich die Teilnehmer erneut in der Deutschen Schule Concepción, um dort die Verleihung der DCB-Medaillen vorzunehmen (siehe Bericht Seite 6). Ein geselliger Cocktail im Sportverein beendete schließlich den Abend.

Am Sonntag lud der DCB zu einer gemeinsamen Wanderung vom Park Ecuador aus hoch auf den Cerro Caracol zum Bismarckturm, auch als Mirador Alemán bekannt. Dort oben in einer Höhe von 80 Metern angekommen, genossen die Teilnehmer bei Bretzeln und Bier den fantastischen Blick auf Concepción unter einem strahlend blauen Himmel. Klaus Bornhardt vom Sportverein hatte am Vortag darauf hingewiesen, dass der 1921 errichtete Turm restaurationsbedürftig sei und die deutsch-chilenische Gemeinschaft sich derzeit dafür einsetze, die Aussichtplattform zu erneuern und den Turm damit in seinem ursprünglichen Glanz erstrahlen zu lassen.

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Die Teilnehmer auf der Wanderung zum Bismarck-Turm in Concepción

Die 100. Jahresversammlung endete also mit dem Thema, mit dem sie auch begonnen hatte: der Kulturförderung. Denn bereits am Freitag hatte sich in der Halle der Deutschen Schule das Jugendorchester von Curanilahue präsentiert. Unter Leitung von Jerson Mella Bravo waren Stücke von Händel, Vivaldi, Brahms und Strauss aufgeführt worden. Die 7- bis 18-jährigen Musiker kommen aus einkommensschwachen Familien, wie der Orchesterleiter erklärte. Es sei daher eine besondere Ehre gewesen, dass der DCB seinem Ensemble die Möglichkeit bot zu zeigen, dass trotz schwieriger Rahmenbedingungen Kulturdarbietungen möglich sind und Musizieren in diesem Fall sogar neue Perspektiven eröffnet.

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