Fahren mit der Deutschen Bahn

Nichts für Nörgler, eher was für Träumer

Fahren mit der Deutschen Bahn - Blick aus dem Zugabteil. Hier im Foto nicht zu sehen: der angenehme Fahrtwind. Foto: Arne Dettmann
Fahren mit der Deutschen Bahn – Blick aus dem Zugabteil. Hier im Foto nicht zu sehen: der angenehme Fahrtwind. Foto: Arne Dettmann

Unser Cóndor-Autor Arne Dettmann erklärt, warum er sich über die Deutsche Bahn ärgert und doch so gerne mit ihr Zug fährt.

Bevor diese Fahrt überhaupt beginnt, werden wir ausgebremst: Anstatt des gebuchten Intercity Express (ICE) bekommen wir einen Intercity (IC) vorgesetzt. Der Unterschied liegt scheinbar nur in einem Buchstaben. Aber der ICE, die schnellste Zuggattung der Deutschen Bahn, das Flaggschiff mit mehr Komfort, hat – wieder einmal – einen technischen Defekt. Und die zweite Wahl IC trudelt schließlich mit 20 Minuten Verspätung in den Hamburger Bahnhof ein. Lange Gesichter bei meiner Frau und unseren beiden Söhnen.

Seit sechs Monaten wohnen wir nun in Deutschland, dreimal sind wir mit der Deutschen Bahn (DB) gefahren. Auf dem Rückweg von der Nordsee gab´s Verspätung, wir verpassten den Anschlusszug. Nach Österreich fiel der besagte ICE aus, Pech gehabt, auch die Platzreservierungen waren damit futsch. Und auf der Fahrt zurück war der Zug dann so überfüllt, dass die Fahrgäste auf dem Boden saßen. Wer hatte da zu viele Tickets verkauft, so dass ich das Gefühl nicht los wurde, in einem Viehtransporter zu sein?

Und so stiegen wir über die Personen hinweg bis zum Bordrestaurant. Dort war der Bildschirm, der eigentlich das Menü anzeigen soll, mit einem Blatt Papier überklebt: «Heute leider nur eingeschränkter Service.» Bier gab es keins mehr, dafür ergatterten meine Frau und ich die zwei letzten kleinen Flaschen Rotwein.

Man mag so etwas noch locker mit Humor wegstecken. Weniger witzig war allerdings meine Fahrt nach Braunschweig. Der ICE fiel flach, der IC kam eine halbe Stunde später, ich verpasste den Anschlusszug in Hannover und hetzte zur Beerdigung meiner verstorbenen Kollegin Petra Wilken, als fast schon alles vorbei und die Urne in der Erde war.

Deutsche Bahn mit geschlossenen Bordbistros und Verspätungen

Einzelfälle? Mitnichten. Seit Jahren rattert die Deutsche Bahn mit Problemen durchs Land. Fehlende Reservierungsanzeigen, Steckdosen ohne Strom, geschlossene Bordbistros: Mehr als die Hälfte der im Juni eingesetzten Fernzüge waren mit technischen Defekten und Einschränkungen unterwegs. Das macht Bahnfahren nicht gerade zum Nonplusultra. Wenn mehr Menschen die klimafreundlichen Züge nutzen sollen, dann müsste die Politik in den Staatsbetrieb DB investieren und für mehr Pünktlichkeit sorgen.

Trotz dieser beschriebenen Mängel und Ärgernisse: Bahnfahren in Deutschland kann so schön sein. Die lieblichen Landschaften ziehen an den Fenstern vorbei, gedankenverloren blicke ich auf Felder, Seen und Wälder, dazwischen kleine und größere Städte, einsame Dörfer. Im Flugzeug verliert der Mensch die Bodenhaftung, die Erde liegt entfremdet und unnahbar unter einem. Und eine lange Reise im Auto ist einfach nur anstrengend. In einem Regionalzug dagegen sieht die Sache anders aus.

Unsere Mitfahrerin im überhitzten Abteil nörgelt. Worüber? Natürlich über die Bahn. Ich aber lasse mir meine Zugfahrt nicht vermiesen. Ich stehe auf, gehe auf den Gang, ziehe die Fensterscheibe hinunter, blicke stumm hinaus. Der Fahrtwind sorgt für Abkühlung. Deutschland, ein Sommertraum 2019.

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