Visums-Wahnsinn in Chile

Liebe Cóndor-Leser,

Chile ist das Land in Lateinamerika, das in den vergangenen Jahren den höchsten Anstieg an Einwanderung erlebt hat. Laut der UN-Wirtschaftskommission Cepal sowie der Internationalen Arbeitsorganisation betrug der jährliche Zuwachs im Schnitt 4,9 Prozent. Gute Erwerbsmöglichkeiten, Sicherheit und wirtschaftspolitische Stabilität machen Chile attraktiv – doch weiß das Land mit dieser neuen Immigranten-Situation auch umzugehen?

Diese Frage stellt sich Katharina Wittmann, nachdem sie eine Verwaltungsodyssee mit der chilenischen Ausländerbehörde hinter sich hat.

Bienenstöcke in Santiago de Chile: Die Deutsche Katharina Wittmann verkauft in Chile ihren selbst gemachten Honig. Doch eine definitive Aufenthaltserlaubnis konnte ihr die Ausländerbehörde noch immer nicht ausstellen.
Bienenstöcke in Santiago de Chile: Die Deutsche Katharina Wittmann verkauft in Chile ihren selbst gemachten Honig. Doch eine definitive Aufenthaltserlaubnis konnte ihr die Ausländerbehörde noch immer nicht ausstellen.

Die Deutsche kam am 14. November 2013 mit einem Touristenvisum ins Land, gültig für ein Jahr. In der Zwischenzeit begann die studierte Biolandwirtin mit dem Aufbau ihres eigenen Geschäfts: Sie betreibt mehrere Bienenstöcke in Santiago und verkauft Honig. Die Sache hatte nur einen Haken: Die 33-jährige Münchnerin war zwar im Besitz eines chilenischen Ausweises (carnet) sowie der chilenischen Steuernummer (RUT). Doch zur Ausstellung von Rechnungen (boletas und facturas) an ihre Kunden war sie rechtlich eigentlich nicht befugt. Denn da war ihr Ausweis bereits abgelaufen. Und ohne eine gültige «número documento» auf dem Carnet kann man keine Factura eléctronica ausstellen sowie Geschäftsbücher in das digitale Steuersystem SII hochladen.

Die Firmengründerin war allerdings nicht auf den Kopf gefallen und beantragte das Visum «titular», dass ihr aufgrund ihres Universitätstitels auch zuerkannt wurde. Dieses Visum konnte sie zweimal verlängern, dann war aber am 19. Juni 2016 Schluss. In weiser Voraussicht hatte sie bereits die «permanencia definitiva» benantragt, die unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis.

«En trámite» stempelte die Ausländerbehörde auf einen Beleg – «in Bearbeitung». Und diesen Stempel musste sich die Imkerin alle zwei Monate erneut ins Dokument eintragen lassen, denn zu einer Entscheidung konnte sich die Extranjería irgendwie nicht entschließne. Katharina Wittmann: «Ich verlor langsam aber sicher die Fassung. Ich bat eine Freundin, mich zu den Behördengängen zu belgeiten, sonst hätte ich das alleine psychologisch gar nicht mehr durchgestanden.»

Lange Schlangen vor dem Schalter sowie endlose Wartezeiten machten die Deutsche mürbe, das Ausgeliefertsein an anonyme, bürokratische Mächte und die absurde Situation ohne Ausweg nahmen einen kafkaesken Zustand an. In Facebook boten Personen gegen Bezahlung an, sich für Antragsteller morgens in die Schlange zu stellen und einen Platz frei zu halten.

Zwischendurch kam der Deutschen in den Sinn, ihren chilenischen Freund zu heiraten, um somit die ersehnte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und dem Visums-Wahnsinn zu entrinnen. Doch der Schachzug «Mann für Visum» kam der Bienenzüchterin nicht gerade romantisch vor. Außerdem konnte auch das Registro Civil keine eindeutige Aussage machen, ob eine Ehe ohne gültigen Ausweis überhaupt möglich ist. «Ich rief mehrmals an, schaute zweimal persönlich vorbei: immer unterschiedliche und sich widersprechende Informationen.»

Vor Kurzem hat nun die Extranjería den Antrag auf eine «permanencia definitiva» abgelehnt und ein befristetes Visum auf ein Jahr ausgestellt, einen neuen Ausweis inklusive. Katharina Wittmann ist enttäuscht. «Ich hätte mit meinem Honig-Geschäft schon viel weiter sein können, wenn mir der Staat nicht so viele Hürden in den Weg gelegt hätte. Als Firmengründerin will ich doch etwas zum Land beitragen. Chile hat es mir allerdings schwer gemacht und schneidet sich damit ins eigene Fleisch.»

Allgemein gefrustet war offenbar auch Rodrigo Sandoval, der Leiter der chilenischen Extranjería, der vergangene Woche das Handtuch warf und von seinem Posten zurücktrat. Seine Begründung: Endlose Verzögerungen beim neuen Einwanderungsgesetz, das sich derzeit im Parlament zur Diskussion befindet, sowie eine ausbleibende Modernisierung seiner Behörde.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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3 Comments

  1. Weiter,immer weiter Katharina !!!

  2. AuchK.

    @Arne: das Touristenvisum ist nur für 90 Tage gültig. Das war auch schon 2013 der Fall.
    @Katharina: ich bewundere dein Durchhaltevermögen und den Honig möchte ich gern mal probieren. 😉

  3. Enrique Ostertag

    Wie kann ich Ihnen helfen, nach Hause zu kommen?

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