Preußens Gloria in Chile

Liebe Cóndor-Leser,

im März dieses Jahres wurde die Wehrpflicht in Deutschland abgeschafft. Gott sei Dank, muss man sagen, denn Sinn und Zweck des Militärdienstes waren seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der Auflösung des Ost-West-Konfliktes überflüssig geworden. Ohnehin fragte ich mich 1995, als ich für ein Jahr zum Bund musste, warum Politiker immer wieder das Leitmotiv vom «Staatsbürger in Uniform» so hochlobten. Meine eigene Vereidigung fand jedenfalls hinter hohen Kasernenmauern statt, abgeschottet von der Öffentlichkeit, weil es sonst wahrscheinlich – wie leider oftmals geschehen – eine Gegendemonstration mit schlimmen Buh-Rufen gegeben hätte. Nach zwei verlorenen Weltkriegen haben Soldatenstiefel auf deutschem Boden alles andere als einen guten Ruf.
Doch im Ausland schaut es anders aus. Jährlich im September wird auf der Fifth Avenue in New York die Steuben-Parade abgehalten, die von Deutsch-Amerikanern – immerhin 15 Prozent aller Amerikaner sind deutscher Abstammung – gegründet wurde. Der Umzug ist nach Freiherr Friedrich Wilhelm von Steuben benannt, einem preußischen Offizier, der als General dem Oberbefehl George Washingtons unterstand und als Erneuerer der Armee zum Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes avancierte.
Auch in Chile machte sich ein deutscher Offizier um die Modernisierung des Heeres verdient. Emil Körner war ab 1885 zunächst Militärberater und schließlich Generalinspekteur des chilenischen Heeres. Er lehrte die Fächer Taktik, Militärgeschichte sowie Ballistik, führte die Wehrpflicht ein und trug zu einer «Preußifizierung» der chilenischen Armee bei.
Einen Teil von Preußens Gloria konnte man am vergangenen Sonntag bewundern. Gekleidet in schwarzen Hosen, blauer Jacke und Pickelhaube auf dem Kopf ritt das Regimiento de Caballería Blindada Nº 1 «Granaderos» beim Hissen der Landesflagge am Regierungspalast La Moneda vorbei. Die Schwadron eskortiert den Präsidenten bei offiziellen Zeremonien wie zur Rede am 21. Mai oder der Militärparade am Dieciocho. Und seit dem 11. Dezember 2011 greift es wieder auf die Uniformen von 1905 zurück.
«Wir sind ein junges Land, weisen aber bereits Traditionen und Symbole auf», sagte Präsident Sebastián Piñera zu diesem Anlass. «Insbesondere unser Heer, das sich auf Schlachtfeldern heroische und glorreiche Momente erkämpfte.»
Tja, ein solcher Satz wäre in Deutschland sicherlich undenkbar. Und öffentliche Auftritte wie Vereidigungen gibt´s dort nun eh nicht mehr. Wer sich also für preußische Militärgeschichte interessiert, geht in Deutschland ins Museum – oder fährt in die USA und nach Chile, wo die Uniformen noch live zu bewundern sind.

Herzlichst Ihr,

Arne Dettmann

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