Mehrheiten und Minderheiten

Liebe Cóndor-Leser,

 

in zwei Wochen ist Bundestagswahl, doch dank der Briefwahl habe ich schon jetzt gewählt. Mein Kreuz bekam die Partei, die wahrscheinlich nicht den Kanzler stellen wird. Denn traut man den Umfragen, dann wird die CDU bei 40 Prozent gehandelt und damit Bundeskanzlerin Angela Merkel als Siegerin eine dritte Legislaturperiode bevorstehen. Die Sozialdemokraten dagegen dümpeln bei 25 Prozent – es sieht nicht gut aus für den SPD-Kandidaten Peer Steinbrück.

Wieso ich auf den wahrscheinlichen Verlierer der Wahl gesetzt habe? Die Antwort ist recht simpel: Weil ich nicht möchte, dass die CDU haushoch gewinnt. Es ging mir also nicht unbedingt um politisch-ideologische Überzeugungen oder ein Wahlprogramm, sondern um eine taktische Unterstützung der Minderheit gegen die Mehrheit.

Denn eine Minorität – das sagt ja schon der Name – ist zahlenmäßig unterlegen und hat es daher nicht immer leicht. Das gilt nicht nur für die Politik. Sprachliche Minderheiten müssen sich immer gegen die Mehrheitssprache behaupten. Gelingt das nicht und beugt sich die kleinere Gruppe der größeren und nimmt deren Sprache an, dann wird damit das eigene Idiom irgendwann zu Grabe getragen.

Eine seltsame Ausnahme macht hin und wieder die deutsch-chilenische Gemeinschaft. Bei so manchen Veranstaltungen passt sich dort die Mehrheit der Minderheit auf wundersame Weise an. Sitzen beispielsweise viele Deutschsprachler zusammen und befinden sich nur ein, zwei Spanischsprachige darunter, dann wird spanisch anstatt deutsch gesprochen. Das mag aus Höflichkeit geschehen oder auch mit dem Hinweis darauf, dass Spanisch schließlich die offizielle Landessprache sei.

Mitunter spielt aber auch Schüchternheit wohl eine Rolle. Wer sich nicht sicher im Deutschen fühlt, weicht lieber auf Spanisch aus. Dieses Argument ist allerdings fadenscheinig und bequem, denn wo bitteschön soll sonst noch Deutsch praktiziert werden, wenn nicht in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft?

Und so dürfte es dieses Wochenende wieder spannend sein zu sehen, ob auf der Jahresversammlung des Deutsch-Chilenischen Bundes (DCB) eher auf Deutsch oder Spanisch debattiert wird. Praktisch alle Teilnehmer sind höchstwahrscheinlich des Spanischen mächtig, doch wie viele verstehen gleichzeitig Deutsch? Geben in einer Gruppe von – sagen wir – 100 Personen fünf rein Spanischsprachige den Ausschlag, auf Spanisch zu diskutieren? Müssen sich die «restlichen» 95 dieser Minderheit aus Rücksicht unterordnen? Welches zahlenmäßige Verhältnis ist entscheidend? Sollte man vielleicht darüber abstimmen lassen, welche Sprache auf der DCB-Sitzung angewendet wird?

Über solche Kleinigkeiten zu Gunsten und zum Nachteil von Minderheiten braucht sich Frau Merkel allerdings wohl kaum Gedanken machen. Sie kann selbst mit einer einfachen Mehrheit regieren. Theoretisch reichen zwei Ja-Stimmen gegen eine Nein-Stimme.

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