Lasst die Zwerge los!

Liebe Cóndor-Leser,

 

kennen Sie die Backyardigans? Für viele Kinder sind diese Comicfiguren die absoluten Stars. Die fünf übermütigen Vorschulfreunde tummeln sich regelmäßig auf dem TV-Kinderkanal «Discovery kids», wo sie dank ihrer lebhaften Fantasie beim Spielen auf dem Hinterhof (daher übersetzt «Die Hinterhofzwerge») auf atemberaubende Reisen gehen. Mal als Piraten auf großer Fahrt, als Goldgräber oder Saurierjäger. Und bei ihren Abenteuern beeindrucken sie die kleinen Zuschauer immer wieder mit tollen Tanz- und Gesangsszenen.

Die Welt vor dem Fernsehbildschirm ist allerdings weniger sorgen- und stressfrei. Die Tageszeitung «El Mercurio» berichtete kürzlich, dass an immer mehr Schulen in Chile schon im Kindergarten Leistungstests durchgeführt werden. Bereits Vier- bis Fünfjährige müssen dabei ihr Sprachvermögen, logisches Denken und Mathematikverständnis unter Beweis stellen und erhalten dafür sogar schon Schulnoten. In einem Fall bewertet nicht einmal mehr die Kindergärtnerin, sondern ein externes Unternehmen den Leistungsstand der Schützlinge.

Auch unser Sohn Kai – er ist zweieinhalb Jahre alt – bekam kürzlich von der Kinderkrippe sein erstes Zeugnis mit nach Hause. Befürworter dieser frühen Einstufung argumentieren, dass Eltern damit ein nützlicher Hinweis gegeben wird, wo Defizite in der Erziehung auszugleichen sind. Schön und gut. Doch Kritiker halten das Ganze für übertrieben und sogar kontraproduktiv.

Ich befürchte, dass mit diesen Tests unsere kalte Leistungsgesellschaft auch vor den Kleinsten nicht mehr halt macht. Kinder sollen möglichst frühzeitig viele Sprachen lernen, um später in der Berufswelt weit zu kommen. Sie werden zu Ballettkursen und Querflötenunterricht geschleppt, ohne oftmals dabei zu fragen, ob es überhaupt Interesse hat. Elterliche Intuition und Liebe werden ersetzt durch Ratgeber und Verhaltenstherapeuten, die einem schon sagen, was gut ist und wie man aus den Kleinen am meisten herausholt.

«Das überförderte Kind – Wie viel Ehrgeiz verträgt eine gute Erziehung», hat das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in seiner jüngsten Ausgabe getitelt. Kinder müssen demnach jede Menge leisten: in der Schule glänzen, den Eltern genügen, zufriedene Menschen werden und die Zukunft von Volkswirtschaften garantieren. «Häufig halten sie dem Druck kaum stand», heißt es weiter. Der Stress beginnt schon in jungen Jahren.

Unser Sohn Kai ist großer Backyardigans-Fan. Und natürlich bin ich mit ihm im Teatro Teletón zum Konzert dieser lustigen Truppe gegangen. Er war völlig aus dem Häuschen und rannte zu seinen Stars auf die Bühne. Hoffentlich kann er sich diese Unbeschwertheit und kindliche Sorgenfreiheit möglichst lange bewahren – im Land der Hinterhofzwerge, wo noch unbedarft gespielt wird und keine Noten sowie Leistungsansprüche Einzug halten.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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One Comment

  1. Sehr geehrter Herr Dettmann, mit solchen „Noten“ wird den Kindern die Kindheit genommen! Den Artikel im „Spiegel“ habe ich gelesen und kann nur vor der „Über-Förderung“ warnen. Ich arbeite als freiberufliche Autorin und bin mit „Märchen aus der Truhe“ in Kitas und Grundschulen in Berlin und Brandenburg unterwegs. Kinder sollten auch einige grundlegende Dinge lernen, z. B. Höflichkeit und das Miteinander in der Familie und in den Kitas bzw. Schulen.
    Viele Grüße, Cornelia Bera

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