Kein Wasser für Santiago

Liebe Cóndor-Leser,

 

vergangene Woche drehte der private Wasserversorger Aguas Andinas rund 600.000 Kunden in Santiago den Hahn ab. Der Grund: Starke Regenfälle in den Anden hatten mächtig viel Schlamm in die Aufbereitungsanlagen geschwemmt, die Filter hätten diesem Sedimentansturm nicht stand gehalten. Kein Duschen, kein Baden, keine Klospülung, kein Wasser zum Kochen und Trinken. Zwei Millionen Menschen in 21 Gemeinden waren betroffen, erst um Mitternacht ließ Aguas Andinas die trocknen Leitungen wieder wässern.

Ende gut, alles gut? Wohl kaum. Die Kritik von Seiten der Behörden, der Wasserversorger hätte viel zu spät über die Problematik informiert, ist dabei nur ein Aspekt. Noch viel schwerer wiegt, dass es bereits 2008 die gleichen Schwierigkeiten gab und das Unternehmen in der Zwischenzeit also offenbar nichts unternommen hat, diese brenzlige Situation zu entschärfen oder Notfallpläne aufzustellen. Anstatt zu investieren wurde lieber in Kauf genommen, mal eben einem Drittel der Hauptstadteinwohner das Wasser zu kappen.

Doch auch der Staat – konkret: die Aufsichtsbehörde – hat kläglich versagt. Wer eine so lebenswichtige Ware wie Wasser in privatwirtschaftliche Hände gibt, muss sicherstellen, dass die Versorgung funktioniert. Mit Kontrollen und notfalls saftigen Strafen. Wer das für übertrieben hält, der male sich nur einmal das Bild aus, die von Aguas Andinas verordnete Dürre mitten im Hochsommer hätte zwei, drei Tage lang angehalten.

Für Aguas Andinas hat sich der Super-Gau glücklicherweise ein paar Tage vor dem großen EU-Lateinamerika-Gipfel in Santiago ereignet und nicht direkt während der internationalen Konferenz. Nicht auszudenken, wenn Angela Merkel durch den Stadtteil Providencia gefahren wäre und sich über die vielen Geschäfte, Büros und Restaurants gewundert hätte. Diese wurden wegen des fehlenden Wassers einen ganzen Tag lang geschlossen.

Auf die Frage der Bundeskanzlerin, was denn hier los sei, hätte man dann nämlich verblüffend ehrlich antworten müssen: «Es hat in Chile stark geregnet. Deshalb gibt es jetzt kein Wasser.»

 

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*