Ich bin ein Netflixianer

Von Arne Dettmann

Die Sucht begann mit dem neuen Fernseher. Denn dessen Bildschirm war nicht nur viel größer, sondern er verfügte – im Vergleich zum vorherigen Steinzeitmodell – auch über einen Internetanschluss. Das wiederum ermöglichte den Zugang zur US-Online-Videothek Netflix, bei der Filme und Serien abrufbar sind.

Wie bitte? Ich und Fernsehserien? Niemals! Die letzte Serie, die ich wirklich jede Woche aufmerksam und regelmäßig verfolgt hatte, waren die Action-Krimi-Folgen um das Superauto «Knight Rider». Und das war von 1982 bis 1986. Serien hatten für mich seitdem immer diesen zweifelhaften Ruf von Oberflächlichkeit, eben wie lateinamerikanische Telenovelas, billig und blöd gemacht, die niederen Instinkte ansprechend. Zu Deutsch: Seifenopern.

Doch dann schlug meine Frau vor ein paar Jahren vor, dass wir uns mal «Breaking bad» auf Netflix anschauen sollten. Sie hatte diesen Tipp von Freunden erhalten.

Am Anfang lehnte ich diesen Vorschlag kategorisch ab, wollte dann aber auch kein Spielverderber sein und dachte – typisch norddeutsch: Na gut, wir probieren es mal aus. Die Serie startet bei mir mit zehn Minuspunkten und hat dann die faire Chance, sich auf null hochzuarbeiten. Wenn sie das nicht in zwei, drei Folgen schafft, lasse ich die Guillotine eiskalt heruntersausen: Zeigefinger auf den Aus-Knopf und Ende.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Wir sahen uns alle 62 Episoden an, teilweise zwei, drei an einem Abend! Die packende Geschichte um einen krebskranken Lehrer, der sich vom biederen Kleinbürger zum rücksichtslosen Drogenkriminellen wandelt, war einfach zu gut. Tolle Schauspieler, eine facettenreiche Handlung, ungewöhnliche Kameraperspektiven und eine fesselnde Musikuntermalung – «Breaking bad» erhielt 2013 den Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde als best bewerteste Serie der Welt. Wohl zu Recht.

Nun gab es für uns kein Halten mehr. Es folgte die US-amerikanische Serie «House of Cards», ein Politikthriller und gleichzeitig Drama um einen fiesen US-Präsidenten, genial gespielt von Kevin Spacey. Bilanz hier: 52 Episoden in vier Staffeln.

Mit «Homeland» lief der Fernseher dann so richtig heiß: Islamistische Terroranschläge, CIA-Agenten im Einsatz, Spionage und Schießereien machen diese Serie spannend und brandaktuell – erstaunlicherweise ohne Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Schließlich verfolgten wir den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar, der bei «Narcos» in 20 Folgen auf Netflix sein Unwesen trieb.

Nun haben wir gerade «Vikings» abgeschlossen. Die Geschichte um den legendären Wikinger-Anführer Ragnar Lodbrok machte uns sogar selbst zu Plünderern, da die bisher letzten Folgen noch nicht auf Netflix liefen und wir sie uns illegal über Raubkopien im Internet ansahen. Ein anderes abschreckendes Beispiel, wohin Serien-Sucht führen kann, ist an meiner Frau zu beobachten: Sie meint, ich würde dem Wikinger-König sehr ähnlich sehen…

Doch ich kann nach all dem sagen: Ich bin ein Netflixianer!

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