Alea iacta est

Der verfluchte Zauberwürfel

Zauberwürfel
Bitte recht freundlich drehen, aber nicht durchdrehen: der Zauberwürfel, hier in Form einer Pyramide.

Liebe Cóndor-Leser,

sicherlich kennen Sie noch den Zauberwürfel, jenes Drehpuzzle-Spiel, das sich Anfang der 80er Jahre großer Beliebtheit erfreute. In der Grundstellung sind die einzelnen Steine so geordnet, dass jede Seite nur eine Farbe aufweist: einheitlich weiß, gelb, grün, rot, blau und orange. Dann wird die schöne Ordnung durch zufälliges Verdrehen der Steine aufgehoben. Intelligente Zeitgenossen machen es sich nun zur Aufgabe, die Steine so zu drehen und zu wenden, dass die Grundstellung wieder hergestellt wird.

Ich gebe es zu: Ich habe es noch nie geschafft – bis auf ein einziges Mal. Im Dezember brachte der Weihnachtsmann unserem Sohn Kai einen Zauberwürfel als Geschenk. Dieser besitzt die Form einer Pyramide, aber das Prinzip ist das Gleiche. Man muss drehen und drehen und drehen, bis endlich alle Seiten wieder schön einfarbig erscheinen.

Wie ich es hinbekommen habe, ist mir ein Rätsel. Der Pyramidenbau war auf einmal fertig. Ich habe versucht, das Erfolgserlebnis zu wiederholen, ja womöglich eine logische Strategie zu entdecken, wie mein Jahrhundertwerk erneut gelingen könnte. Halt logisches Drehen, eben nicht aufs Geratewohl, sondern schlau durchdacht.

Doch Fehlanzeige. Dafür steigerte sich allerdings meine Wut auf dieses Spielzeug, das sich meinen Gedankengängen und Drehungen widersetzt. Bekomme ich eine Farbseite mit Mühe und Not vollständig gesetzt und will dann euphorisch gleich die nächste schaffen – und da zerschlägt´s mir wieder die heile Seite.

Das ist allerdings noch nicht das Schlimmste. Unser Sohn nahm diesen Zauberwürfel natürlich auch in die Hand und drehte und drehte und drehte und – voilà! Er hatte es geschafft. «Eins zu eins, Papa.»

Das war vor zwei, drei Wochen. Ich bin zwar kein Neurowissenschaftler, aber irgendetwas muss in der Zwischenzeit mit unserem Sohn passiert sein. Immer und immer wieder drehte er den Cubo Rubik in seine Grundstellung zurück, jedes Mal schneller und schneller, teilweise in weniger als einer Minute. Ich habe versucht, beim Zuschauen seine Lösungsmethode abzugucken, aber er dreht und verdreht die kleinen Steine so flink, dass mir fast schwindelig wird. «20 zu eins, Papa.»

Und langsam dämmerte es mir: Dieser siebenjährige Knirps hat vielleicht überhaupt keine logische Strategie. Vielmehr dreht er aus purem Instinkt, rein intuitiv. Kann das möglich sein? Mein gesunder Menschenverstand sträubt sich gegen diese Vorstellung. Wissenschaftler meinen herausgefunden zu haben, dass es 490 Millionen Stellungen beim Zauberwürfel gibt, für die nie mehr als 20 Züge notwendig sind, um zur schönen Grundordnung zurückzukehren – und mir will kein einziger Weg gelingen?

Schon der Unterschied macht mich rasend: Ich drehe langsam und muss lange nachdenken – Sohnemann rührt wie mit einem Schneebesen am Zauberwürfel und scheint überhaupt nicht nachzudenken. Ich gebe nach 30 Minuten auf – er sagt: «30 zu eins.»

Schließlich habe ich eine Entscheidung getroffen: Der Zauberwürfel ist verflucht. Verhext! Er wurde gemacht, nur um mich zu ärgern. Aber ich will mich nicht weiter darüber ärgern. Ich werde dieses Unding nicht mehr anfassen. Alea iacta est!

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