Dietrich Fischer-Dieskau in Luxusedition

Von Walter Krumbach

Der französische Musikdokumentar-Filmregisseur Bruno Monsaingeon hat mit seiner Kamera über zwei Jahrzehnte lang Interviews, Meisterklassen und Liederabende Dietrich Fischer-Dieskaus festgehalten. 2013, ein Jahr nach dem Tod des großen Sängers, veröffentlichte Monsaingeon eine 30-mal-30-Zentimeter-Kassette mit sechs Blu-rays und einem großformatigen, über 200 Seiten starken Bilderbuch mit zahlreichen, bisher zum Teil unveröffentlichten Illustrationen über das Leben und Schaffen Fischer-Dieskaus.

Die sechs Platten bringen Schumanns Zyklen «Liederkreis» und «Dichterliebe», zahlreiche Schubertlieder, darunter den Zyklus «Die schöne Müllerin». Dazu kommen Meisterklassen mit insgesamt acht Gesangsstudenten und zwei lange Gespräche zwischen Fischer-Dieskau und Monsaingeon. Das erste, «Die Stimme der Seele», zeichnete der Produzent 1995 auf. Das zweite, «Letzte Worte», entstand 2008/2009.

Der Sänger, dem oft Scheuheit und Zurückhaltung vorgeworfen wurde, zeigt sich von seiner extrovertiertesten Seite und erzählt aus seinem Leben, von seinen Begegnungen und der Zusammenarbeit mit hervorragenden Persönlichkeiten, wobei eine Menge an Information ans Tageslicht kommt. Der Künstler stellt eine scharfe Beobachtungsgabe und Sinn für Humor unter Beweis. So plaudert er zum Beispiel unbefangen über seine Kindheit: «Meine Mutter sang ziemlich, wie soll ich sagen, – scheußlich. Sie hatte eine Piepsstimme und versuchte sich im Gesang, war dabei aber nur mäßig erfolgreich. Schon damals habe ich mir vorgenommen: ‚Ich werde das eines Tages besser machen!‘»

Oder etwa die Sängerin Kirsten Flagstadt, die er in schillernden Farben während der gemeinsamen Aufnahme von Wagners «Tristan» unter Furtwängler in London beschreibt: «Der Flagstad machte es überhaupt nichts aus, einen ganzen Tag vor dem Mikrofon zu stehen und Fortissimo-Töne zu brüllen. Das war völlig egal, die häkelte etwas für ihr Enkelkind, legte es weg, stand auf, und dann kam Isolde!»

Natürlich enthalten die Gespräche, zumal sie von einer intellektuellen Ausnahmeerscheinung sondergleichen geführt werden, weit mehr als nur Anekdoten. Der Zuhörer wird vielmehr Zeuge, wie sich das Musikleben während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Fischer-Dieskau erzählt von der Zusammenarbeit mit Sängerkollegen, berichtet von der Begegnung mit Komponisten, seiner Auseinandersetzung mit deren Werken und den darauffolgenden Uraufführungen. Als Liedersänger gibt er Auskunft über die gemeinsame Tätigkeit mit herausragenden Pianisten wie Swjatoslaw Richter, Daniel Barenboim, Gerald Moore, Alfred Brendel und Hartmut Höll. Ebenso kommen die großen Regisseure zur Sprache, wobei er seine Enttäuschung über die gegenwärtige Tendenz gewisser Inszenatoren, die Absichten des Komponisten zu ignorieren, nicht verschweigt. 

«Die Stimme der Seele» ist mit Konzert- und Opernausschnitten der außerordentlich langen Karriere Fischer-Dieskaus reich illustriert. In «Letzte Worte» hält der Mittachtziger noch einmal Rückschau, rekapituliert und schlussfolgert; wobei er nie schulmeistert, aber oft schelmenhaft wirkt.

Diese Gespräche und die mitgeschnittenen Liederabende sind das Herzstück der Produktion. Fischer-Dieskaus Künstlertum war zurzeit der Musikaufnahmen im Zenit, und das will viel heißen. Leider sind die Bilder der Konzerte von unterschiedlicher Qualität, so etwa von mittelprächtig bis recht gut.

Die Meisterklassen sind sicher ein Leckerbissen für Experten, nicht so für musikbegeisterte Laien. Fischer-Dieskau unterbricht seine Zöglinge fast nach jedem Takt, lässt an jeder Silbe feilen, erklärt den Sinn von jedem Vers, fordert, ermutigt oder bemängelt, allerdings äußerst taktvoll, ohne wehzutun. Bei den nicht besonders begabten Schülern stellt sich beim Zuschauer nach einer gewissen Zeit Langeweile ein, bei den herausragenden dagegen, wie etwa Dietrich Greve und Dietrich Henschel (Blu-ray Nummer sechs) ist man mit wachsender Spannung mit dabei.  

Die Luxusedition ist jedem Musikinteressierten zu empfehlen. Leider ist sie im Inland nur auf Bestellung zu haben. Einige Platten sind auf Englisch und Französisch untertitelt. «Die Stimme der Seele» ist in jenen Sprachen synchronisiert. Keine spanischen Untertitel!

 «Dietrich Fischer-Dieskau», Deutschland, Frankreich, 2013. Regie, Produktion, Drehbuch: Bruno Monsaingeon. Musik: Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Wolfgang Amadeus Mozart u. a. Spieldauer: 695 Min.

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Ton                 ****
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