HomeGemeinschaftDer Erlösergemeinde zum 140. Jubiläum

Der Erlösergemeinde zum 140. Jubiläum

Treibende Kraft in Seelsorge, Diakonie und Kulturarbeit

La comunidad eclesial El Redentor de la calle Lota es un referente de la Iglesia Luterana en Chile. Fundada hace 140 años, lideró al término de la II Guerra Mundial la ayuda humanitaria a Alemania. En la actualidad, la institución, además de velar por el bienestar espiritual de sus miembros, se ha abierto a la comunidad con su valiosa oferta cultural. 

Am 19. April 1945, knapp drei Wochen vor der Kapitulation des Dritten Reiches, brachte die Freimaurerloge «Drei Ringe» in Santiago eine Aktion ins Rollen, in der sie um die Spende von Kleidung, Lebensmitteln und Geld bat. Kurz darauf forderte Pfarrer Friedrich Karle während einer Predigt in der Erlöserkirche die Gemeinde auf, sich der Hilfsaktion anzuschließen. Karle sollte fortan eine der treibenden Kräfte der Kampagne sein. Die deutschsprachige katholische Gemeinde und der Deutsch-Chilenische Bund beteiligten sich ebenfalls. In wenigen Wochen konnten 90 Tonnen Lebensmittel, 9.000 Paar Schuhe, über 32.000 Stück Kleidung, über zwei Tonnen Seife, 600 Wolldecken und drei Tonnen Bienenhonig eingesammelt werden.

Der Wissenschaftler Rudolph Amandus Philippi wurde zum ersten Vorstandsvorsitzenden der jungen Gemeinde gewählt.

Am 14. Juni erschien im Cóndor eine Anzeige vom «Comité de Socorro pro damnificados de la Guerra en Alemania», die zu Spenden aufrief, die dem Internationalen Roten Kreuz zum Ankauf von Kleidung, Arzneien und Lebensmitteln überwiesen werden sollten. Das Inserat war von Pfarrer Karle, Fernando Fonck, Osvaldo Koch und Carlos Hepp unterzeichnet. Das Komitee organisierte insgesamt 51 Versendungen von 907 Tonnen Kleidung, Schuhen, Seife und Lebensmitteln.  

Es war zu jenem Zeitpunkt aufgrund der Bestimmungen der Siegermächte noch nicht möglich, die Waren direkt nach Deutschland zu transportieren. Daher mussten die Spenden über das Rote Kreuz nach Schweden gebracht werden. Anfang September liefen die Frachter «Annie Johnson» und «Uruguay» in Göteborg ein, um gegen Ende Oktober Deutschland zu erreichen. Es folgten die Schiffe «Margareth Bakke» und «Peter Christophersen». Es entwickelte sich ein reger Schiffsverkehr, der über fünf Jahre andauerte.

«Dem Hungertod Geweihte konnten gerettet werden»

Am 14. Oktober 1948 veröffentlichte die Tageszeitung «El Mercurio» einen Brief des Präsidenten des Hamburger Hilfskomitees für Deutschland von Welck an das Außenministerium Chiles, in dem es heißt: «Wir verteilen Chiles Spenden an die Bedürftigsten, ohne Berücksichtigung ihrer Konfession oder politischen Überzeugung. Tausende Menschen, die dem Hungertod geweiht waren, konnten gerettet werden. Ich sehe es als meine Pflicht an, Eurer Exzellenz die tiefste Dankbarkeit des deutschen Volkes gegenüber Chile zu versichern.» Am 9. November 1950 hielt das Comité de Socorro seine letzte Sitzung ab, in der es einstimmig seine Auflösung beschloss. Die Beteiligung der Erlösergemeinde und ihres rastlosen Pfarrers Friedrich Karle an diesem Feldzug stellt einen einmaligen Höhepunkt ihrer diakonischen Tätigkeit dar.

Die Kirche der Erlösergemeinde an der Lota 2330 wurde 1933 eingeweiht. foto: Walter Krumbach

Die Evangelische Kirche in Santiago entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, viel später als im Süden des Landes, wo der lutherische Glaube mit den ersten Einwanderern in den 1850er Jahren Wurzeln schlug.

Im Jahr 1884 traf in Santiago der Theologe Wilhelm Sluyter ein, um am Instituto Internacional zu lehren. Er machte Bekanntschaften mit deutschen Familien evangelischen Glaubens, für die er ab Juli 1885 regelmäßig Gottesdienste abhielt. Ein Jahr später lud er zu einer Versammlung ein, um mit der Gemeinschaft die Möglichkeit der Gründung einer deutschen evangelischen Vereinigung zu besprechen. Am 15. August 1886 traf die Gruppe sich abermals. Bei dieser Gelegenheit erfolgte die Vorstandswahl, wobei der Naturwissenschaftler Rudolph Amandus Philippi als Vorsitzender die erste Mehrheit erlangte.

Die Erlöserkirche entsteht

In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Gemeinde langsam, aber beständig. Als im Jahr 1930 Pfarrer Friedrich Karle hinzukam, wurde der Bau einer geräumigen Kirche als Notwendigkeit anerkannt. Die Gottesdienste wurden in der Christuskapelle an der Straße Santo Domingo abgehalten, «ein unansehnliches, altspanisches Haus», wie Karle es später beschrieb, das nach außen «in keiner Weise als Kirche erkennbar» war.  Die meisten Deutschen und Deutschstämmigen evangelischen Glaubens lebten damals in Providencia und Ñuñoa. 1932 erwarb die Gemeinde ein Grundstück an der Straße Lota, ein idealer Standort inmitten der Wohnhäuser der Mitglieder. Der Architekt Fernando Fonck wurde mit dem Entwurf und dem Bau beauftragt und bereits am 27. August 1933 erfolgte die feierliche Weihe der – noch nicht ganz fertig gebauten – Erlöserkirche. Kinder- und Erwachsenenchöre sangen, der Vorstandsvorsitzende Hermann Stölting hielt eine kurze Ansprache, und vier Pastoren übernahmen den Gottesdienst: der Gemeindepfarrer Karle sowie Stökl aus Valparaíso, Klink aus Temuco und Brien aus Concepción.  

Pfarrer Friedrich Karle war über 35 Jahre die Schlüsselfigur der Gemeinde

In den folgenden Jahrzehnten erlebte die Gemeinde unter der Leitung Friedrich Karles eine beispiellose Blüte. Der dynamische, überaus aktive Seelsorger verstand es, die Gemeindemitglieder zu motivieren, am Kirchenleben engagiert  teilzunehmen. 1965 legte Karle sein Amt nieder, wirkte jedoch noch weiterhin am Kirchenleben mit, bis er im Jahr darauf in den Ruhestand ging.

Karles Rücktritt hatte eine Zäsur zur Folge. Als Nachfolger kamen junge Pfarrer aus der Bundesrepublik Deutschland, die in den Nachkriegsjahren ausgebildet worden waren. In ihrem Buch über den Werdegang der Erlösergemeinde weist Rosmarie Thomsen darauf hin, dass «sie nicht in der Lage waren, die konservative Denkweise der Menschen in der Gemeinde zu verstehen», sowie «die Eigenheiten und Gefühle ignorierten, die diese von der deutschen Einwanderung geerbt hatten».

Ein nicht geringer Teil der Gemeinde zog sich vom aktiven Kirchenleben zurück, was zum Beispiel am Rückgang der Neuzugänge erkennbar ist. Wurden zwischen 1955 und 1965 jährlich durchschnittlich 115 Kinder getauft, so waren es 1974 nur 19. 

Der Riss

Einweihung der Kirche am 27. August 1933
Fotos: Archiv Walter Dümmer

Nach dem Militärputsch im Jahr 1973 erlitt die Kirche einen Riss. Ein Teil ihrer Mitglieder zeigte sich der neuen Regierung gegenüber dankbar, da sie der vermeintlichen bevorstehenden Gefahr einer kommunistischen Diktatur nach kubanischem Vorbild vorgebeugt und den chaotischen politischen Zuständen, darunter der Willkür der Enteignungen, ein Ende bereitet hatte. Andere wiederum, angeführt von Pastor Helmut Frenz, setzten sich für die Verfolgten der Militärs ein. Frenz wurde zur Reizfigur eines Großteils der Kirchenmitglieder. Später äußerte er dazu: «In den Zeitungen wurden rund 600 Unterschriften von Gemeindemitgliedern veröffentlicht, die meinen Rücktritt forderten.» Im Oktober 1975, als Frenz sich in Genf aufhielt, verordnete die Regierung ein Einreiseverbot des Geistlichen.

Die Spaltung hatte die Gründung einer neuen Gemeinde zur Folge. Für die angeschlagene Kirche an der Straße Lota begann nun eine äußerst schwierige Periode, die jedoch durch das entschlossene Handeln des Vorstands, vor allem seines Vorsitzenden Julio Lajtonyi, gemeistert werden konnte. Dazu kam, dass die Kirche in jenen Jahren eine Pfarrergruppe zusammenstellte, die sich bei der Gemeinde großer Beliebtheit erfreute und von ihr vollen Rückhalt erhielt. Persönlichkeiten wie Günter Weber und besonders Richard Wagner und Kurt Gysel prägten das Gemeindeleben nachhaltig.   

«Musika ist der besten Künste eine»

Die Musik spielt in der evangelischen Kirche bekanntlich seit ihrer Gründung eine große Rolle. Martin Luther meinte dazu: «Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes eine ist die Musika, der ist der Satan Feind, damit man viel Anfechtung und böse Gedanken vertreibet, der Teufel erharret ihr nicht. Musika ist der besten Künste eine. Die Noten machen den Text lebendig. Sie verjaget den Geist der Traurigkeit.» Und: «Wer nicht Gefallen hat an solch lieblich Wunderwerk, wie Musika eins ist, das muss ein rechter Ochs sein.» Luther selbst komponierte zahlreiche Choräle, von denen besonders einer, «Ein feste Burg ist unser Gott», als «die Marseillaise der Lutheraner» auch außerhalb der evangelischen Kirche berühmt und beliebt ist. 

Die Musikpflege ist in der Erlösergemeinde seit ihrer Gründung ein Hauptbestandteil nicht nur der Gottesdienste. Gegenwärtig pflegt sie zum Beispiel einen Chor, der gelegentlich Konzerte gibt und bei besonderen Gelegenheiten bei den Amtshandlungen mitwirkt.

Bereits 1934 weihte die Erlöserkirche ihre Orgel ein. Das wertvolle, zweimanualige Instrument mit acht Registern und 360 Pfeifen aus dem Hause Walcker ist heute noch mit seinem originalen Klang im Einsatz, da es regelmäßig sorgfältig gewartet wird.   

Der erste Organist war Hermann Kock, ein Bach-Experte von Format. Der Pastorensohn spielte bereits als Zwölfjähriger Stücke des großen Barockmeisters an der Orgel der evangelischen Kirche in Osorno. In Leipzig ließ er sich als Pianist, Organist und Chorleiter ausbilden. Seine außerordentliche Technik und seine tiefe Verbundenheit mit Bachs Musik ließen ihn im Inland zu einem der bedeutendsten Organisten heranreifen. Er weihte das Instrument der Erlöserkirche während eines Festgottesdienstes am 29. Juli 1934 ein. Nach der Predigt spielte er die berühmte Toccata und Fuge in d-Moll von Bach. Am gleichen Abend gab er zusammen mit dem Männerchor Frohsinn ein Konzert. Bei dieser Gelegenheit interpretierte Kock Werke von Buxtehude, Liszt und Reger.

In den 1950er Jahren übernahm Gerd Zacher die Organistenstelle. Der herausragende Musiker beschränkte seine Tätigkeit nicht nur auf die Begleitung der Gottesdienste, sondern war auch als Pianist, Chor- und Orchesterdirigent aktiv. Zudem setzte er sich für zeitgenössische Musik ein. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland engagierte er sich für neue Musik und war sogar an Schallplattenaufnahmen für die Deutsche Grammophon beteiligt.

Der Altar mit dem Kruzifix, das der Bildhauer Peter Horn aus Holz schuf
foto: Walter Krumbach

Helmut Arias war 34 Jahre als Organist der Erlöserkirche tätig. Dieser zurückhaltende, bescheidene Musiker beherrschte auf optimale Weise die Kunst der Choralbegleitung. Er hielt sich stets an den Notentext, ohne sich Freiheiten zu nehmen; eine ideale Spielart, um die Gemeinde zu begleiten, die sich ja aus Amateursängern zusammensetzt, wobei seine Leistung immer höchstes Niveau war.

Gegenwärtig ist Patricia Rodríguez Seeger die Titularorganistin. Sie machte an der Universidad de Chile ihre Ausbildung zur Pianistin mit einem «summa-cum-laude»-Abschluss und erhielt zusätzlich an der Hochschule für Musik und Theater Hannover ihre Urkunde als Diplom-Musikerin. Außerdem ließ sie sich bei Miguel Letelier als Organistin ausbilden. Patricia Rodríguez, die bereits über 30 Jahre ihr Amt innehat, besitzt die Fähigkeit, auch technisch schwierigste Werke vom Blatt zu lesen und souverän und stilsicher vorzutragen. Ihren Vor- und Nachspielen zu lauschen, ist ein Genuss. Überdies ist sie als Teilnehmerin bei Kirchenkonzerten sowohl als Organistin als auch als Pianistin gefragt.    

Die Spaltung der Kirche hält nun bereits über ein halbes Jahrhundert an, wobei die Tatsache ins Auge fällt, dass ihre Ursache nicht theologisch, sondern politisch bedingt war. In den letzten Jahrzehnten sind verschiedentlich Annäherungsversuche unternommen worden. Gegenwärtig sind beide Parteien sich bereits soweit entgegengekommen, dass nicht nur Gespräche geführt, sondern auch gelegentlich gemeinsame Gottesdienste abgehalten werden. In diesem Sinne liegt der Gedanke nahe, dass eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit möglich ist..

Quellen: Rosmarie Thomsen: «130 años construyendo sueños – Historia de la comunidad ‘El Redentor’»; Vorstandssitzungsprotokolle der Erlösergemeinde 1945-1950

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