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Buchkritik «Qué hacemos con Chile» von Mario Waissbluth

Der Deutsche Bundestag kommt nach Chile

El sistema político de Alemania debería implementarse en Chile. Y Mario Waissbluth propone además otras reformas para su país.

Extreme Positionen erstarken, während die politische Mitte sich auflöst; und vielen Politikern gehe es leider vor allem um Postensicherung samt stattlicher Einkünfte und Prestige, anstatt sich um die Anliegen der Chileninnen und Chilenen zu kümmern. So radikal der Befund, so radikal das Gegenmittel: Mario Waissbluth empfiehlt seinem Land, das politische System der Bundesrepublik Deutschland zu übernehmen.

Denn das «Modelo Alemán» biete zahlreiche handfeste Vorteile. Im Gegensatz zum Präsidialsystem wie in den USA und Chile werde im parlamentarischen Regierungssystem der Premierminister oder Kanzler nicht direkt vom Volk gewählt, sondern vom Parlament bestimmt. Regierung und Parlamentsmehrheit seien somit oft eng miteinander verbunden, während das präsidentielle System häufig gekennzeichnet sei von Kämpfen oder gar lähmenden Blockaden zwischen Präsidenten und Parlament.

«Bundesrat chilensis»

Ein weiteres lohnendes Importgut aus deutschen Landen: Bei den Wahlen zum deutschen Bundestag gelte eine Fünfprozenthürde. Nur wenn eine Partei im gesamten Bundesgebiet mindestens fünf Prozent der Zweitstimmen bei Wahlen erhält, zieht sie ins Parlament ein. Viele kleinere Parteien blieben außen vor. Schwierige Entscheidungsfindungen im Parlament würden durch diese Sperrklausel verhindert.

Und auch vom deutschen Wahlsystem mit Erst- und Zweitstimme erhofft sich Ma-rio Waissbluth einen stabilisierenden Vorteil: Mit der Erststimme werden in Deutschland Kandidaten aus einem Wahlkreis direkt gewählt; mit der Zweitstimme entscheiden sich die Wähler nicht für eine Person, sondern eine Partei. Der Clou dahinter: Regionale und nationale Interessen sollen somit ausgewogen im Parlament vertreten sein.

Selbst einen eventuellen «Bundesrat chilensis» hält Waissbluth erstrebenswert für sein Land, ohne allerdings aus Chile einen echten föderalen Bundesstaat zu machen wie Deutschland. Während dort die 16 Bundesländer über den Bundesrat als «Parlament der Länderregierungen» an der Politik mitwirken, könnte der chilenische Senat aber ähnliche Funktionen übernehmen, zum Beispiel überprüfen, ob die beschlossenen Gesetze verfassungskonform sind. 

Omelett gegen die Vertrauenskrise

«Qué hacemos con Chile?», auf Deutsch «Was tun wir mit Chile?», lautet der Titel des Pamphlets, das im Dezember 2025 erschienen ist und in dem der Autor zehn Vorschläge unterbreitet für eine «neue Fortschrittsphase», so der Untertitel. Ganz oben auf der Agenda platziert Waissbluth die Reform des politischen Systems, um die repräsentative Demokratie in Chile wiederherzustellen. Sein Land stecke zwar nicht in einer ökonomischen Katas-trophe oder gar einem Kollaps der Institutionen. Wohl aber in einer Vertrauenskrise, denn ein lähmender Pessimismus habe sich breit gemacht, den es mutig und mit ambitionierten Ideen zu überwinden gelte. «Man muss Eier zerschlagen, um ein Omelett zu machen.»

Wasser-Autobahn von Süden nach Norden

Die frühkindliche Erziehung und Bildung müsse massiv verbessert werden, um nicht nur das sogenannte Humankapital für Chile zu sichern, sondern auch um die Kriminalität präventiv zu senken. Verbrechensbekämpfung und Sicherheit klammert der Autor allerdings komplett aus – das seien Themen für ein weiteres Buch. Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen sowie die Modernisierung des Staates erhalten dagegen eigene Kapitel. 

Mario Waissbluth widmet sich auch der Frage, wie die Wasserversorgung des Landes geregelt werden kann. So schlägt der Ingenieur nichts Geringeres als eine «Wasser-Autobahn» vor, die aus Südchile die großen Bergbauminen im Norden versorgt. Welche ökologischen Folgen es für die Regionen O´Higgins, Maule und Bío-Bío haben könnte, wenn dort massiv Wasser abgezweigt wird, spricht er aber nicht an. Überhaupt kommen Klima- und Umweltschutz sowie Fragen zu den Ökosystemen Wald und Meer praktisch gar nicht im Buch vor. 

Damit solche Unterwasser-Pipelines wie auch andere große Investitionsprojekte in Chile Realität werden, sollten vielmehr Genehmigungsverfahren und überzogene Umweltauflagen endlich beschleunigt beziehungsweise auf ein gesundes Normalmaß herabgesenkt werden – Vorschlag Nummer vier: «Ballast abwerfen und Leinen lösen».

Soziale Ungleichheit und Solidarität

Der Akademiker und Hochschullehrer Waissbluth untermauert seine Ausführungen anhand von Studien und mit Belegen in Fußnoten. Tabellen und Statistiken reichern sein Manifest an. Dennoch: Bisweilen verlässt der Autor den seriösen Pfad. Um eine bessere Kinderbetreuung zu finanzieren und das Erziehungswesen zu verbessern, erbittet und – so wörtlich – erfleht der Autor von Unternehmern und den «Reichen», ihre Taschen zu öffnen. Das liest sich zwar sehr menschlich und engagiert, aber der Unternehmer und Berater Waissbluth müsste selbst wissen, dass uneigennütziges Handeln ohne Gegenleistung nur schlecht mit der Marktwirtschaft zu vereinbaren ist. 

An anderer Stelle trauert der Autor dem nicht realisierten Wasserkraftprojekt Hidroaysén nach, angeblich kaputt gemacht durch Umweltaktivisten, Kampagnen ausländischer Nichtregierungsorganisationen und den eigenen chilenischen Gegnern in den Behörden. Aber der Wissenschaftler Waissbluth liefert keinen einzigen Hinweis, zu welchem Preis das Wasserkraftwerk seinen Strom je verkauft hätte – ganz umsonst und selbstlos, wie er es von den Unternehmern einklagt, wäre es wohl nicht gewesen. Dass Chile mittlerweile mehr als 60 Prozent seines Stroms aus Wind- und Sonnenkraft bezieht, erwähnt er mit keinem Wort. Dabei hatten die Investoren von Hidroaysén einst gewarnt, dass ohne ihr beabsichtigtes Wasserkraftwerk Chile bald im Dunkeln liegen würde.

Rohstoffe und Energiewende

Mario Waissbluth war in seiner beruflichen Laufbahn auch Vorstandsmitglied des staatlichen Kupferunternehmens Codelco. Doch just beim Thema Bergbau und Export bleibt der Autor seltsam einfallslos: Keine Vision oder Strategie, wie sich Chile mit Kupfer und Lithium auf dem globalen Markt behaupten und vielleicht sogar die Rolle des reinen Rohstofflieferanten überwinden kann.

Erwähnenswert wäre hier ein Hinweis auf die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gewesen, die Chile beim Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft unterstützt. Aufgrund des riesigen Potenzials an erneuerbaren Energien und somit niedriger Produktionskosten weist Chile in diesem Zukunftsbereich einen klaren Wettbewerbsvorteil auf. Gerne hätte der Leser hier neben dem «Bundesrat chilensis» auch etwas über die «Energiewende chilensis» erfahren.

Niedrige Geburtenrate und Einwanderung 

Dennoch bleibt das Buch im Ganzen eine willkommene Einladung, sich kritisch mit dem aktuellen Chile auseinanderzusetzen. Die Sprache ist gut verständlich gehalten, die nur 155 Seiten sind für begeisterte Leser an nur einem Wochenende zu schaffen. Waissbluth schreibt angenehm konstruktiv und ambitioniert. Und er scheut sich nicht davor, unbequeme Herausforderungen auszusprechen.

Chile habe weltweit mit 1,0 Kindern pro Frau eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit, was den Mangel an Arbeitskräften verstärke. Entsprechend müsste das Renteneintrittsalter für beide Geschlechter auf 70 Jahre her-aufgesetzt werden; derzeit gelten 60 Jahre für Frauen und 65 Jahre für Männer. In diesem Zusammenhang sei eine verstärkte Einwanderung als «demografische Chance» zu betrachten, auch wenn viele seiner Landsleute eine unkontrollierte Zuwanderung mit Sorge betrachten.

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