«Unsere Identität und Geschichte bewahren»
Die Sammlung im Emil-Held-Archiv umfasst Bücher, Briefe, Baupläne, Zeitungen, Postkarten, Fotografien, Filmaufnahmen, Protokolle, Urkunden sowie Manuskripte und deckt einen weiten Zeitraum ab – von der Entdeckung und Eroberung Chiles über die Kolonialzeit bis hin zu den großen Einwanderungswellen des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie geht zurück auf die jahrzehntelange Sammler- und Forschungsarbeit von Emil Held Winkler (1898–1996). Die Schenkung des Nachfahren von Einwanderern aus Sachsen wurde zur Grundlage der heutigen Bibliothek und des historischen Archivs Emil Held Winkler. Durch die Zusammenarbeit der Familie Held, der Brüder Sven und Wolf von Appen, die mit einer großzügigen Spende beitrugen, des Club Manquehue, der das Grundstück zur Verfügung stellte, sowie durch die Mitwirkung des Architekten Javier Anwandter konnte das Gebäude errichtet und das Lebenswerk von Emil Held in institutioneller Form bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Emil Held betrieb auf seinem Gut bei Purranque Landwirtschaft und war zwischen 1938 und 1941 Gemeinderat in Río Negro, 1941 wirkte er als Mitgründer der Gemeinde Purranque mit, wo er zum ersten Bürgermeister gewählt wurde. Er übte dieses Amt bis 1944 aus. Bis 1960 war er in der Politik aktiv, mal als Gemeinderat und dann zweimal wiedergewählt als Bürgermeister.
Der leidenschaftliche Sammler
Wann immer es ihm möglich war, widmete sich der engagierte Mann seinen gesammelten Dokumenten. Welche enorme Leistung und welches Engagement über Jahrzehnte diese Arbeit bedeutete, erzählt Martina Held, seine Tochter (siehe auch Seite 16):
«Als im Jahr 1952 der 100. Jahrestag der Ankunft der ersten deutschen Familien am Llanquihue-See gefeiert werden sollte, wurde mein Vater beauftragt, die Geschichte der Einwanderung zu erforschen. Damals begann seine Leidenschaft fürs Sammeln.

foto: privat
Er machte alles allein: Er ging von Haus zu Haus, besuchte die Nachfahren der Einwanderer und fragte nach Fotos, Urkunden, alten Pässen, Bibeln und Gebrauchsgegenständen. Er schaffte sich eine Kamera an, mit der er alles fotografierte und selbst entwickelte – damals noch auf Glasplatten. Schließlich baute er im Haus einen Keller aus Beton mit Eisentüren, um die Dokumente sicher vor Feuer und Erdbeben aufzubewahren.
Der Archivraum war rechteckig; an den Wänden hingen Pläne, Zeitungsausschnitte und Zeichnungen.
Rund 40 Kisten von Chile nach Deutschland und zurück
Er katalogisierte jedes Stück von Hand. Meine Schwester und ich halfen beim Saubermachen und Ordnen, doch die eigentliche Arbeit machte er allein. Seine gesamte freie Zeit neben der Landwirtschaft und seinem Amt als Bürgermeister von Purranque widmete er der Sammlung und Archivierung.
In den 1970er Jahren, als unserer Familie mit Enteignung gedroht wurde – unter anderem auch des Archivs –, zogen wir für vier Jahre nach Deutschland. Mein Vater baute mit seinem Holz, das von selbst gefällten Bäumen stammte, 40 Kisten. Damals war er bereits 74 Jahre alt! Die Kisten wurden auf das Schiff verladen, mit dem wir übersetzten. Zuerst kamen sie in unsere Wohnung in Bayern, später an die Bergstraße – und schließlich, 1975, wieder zurück nach Chile. Alles auf seine eigenen Kosten.
Nach unserer Rückkehr wurde das Archiv immer bekannter. Es kamen immer mehr Interessierte und Forscher, auch aus dem Ausland. Wir hatten viele Gäste, und meine Mutter, Maria Höchtl, unterstützte meinen Vater unermüdlich.
Viele wollten ihm helfen, das Archiv im Süden Chiles unterzubringen – darunter Antonio Felmer und Carlos Ignacio Kuschel, mit denen er eng befreundet war.
Mich persönlich berühren aus dieser Sammlung besonders die Briefe meiner Urgroßeltern Rosine Schönherr und Julius Held, die sie nach Sachsen, ihre Heimat, schickten. Darin beschrieben sie ihr neues Leben in Chile – wie beschwerlich und hart die Arbeit war, dass es Überfälle gab und sie sich einmal sogar im Llanquihue-See verstecken mussten.»
5.000 Originaldokumente und 18 Veröffentlichungen

fotos: Emil-Held-Archiv
Insgesamt hat Emil Held über 5.000 Originaldokumente zusammengetragen und 18 Schriften herausgegeben. Für seine herausragende Arbeit erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Dank seiner Arbeit kann der DCB dieses umfassendste Archiv über die deutsche Einwanderung allen Interessierten zur Verfügung stellen. Es gilt als zentrale Quelle für Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen und Interessierte, die sich mit der deutsch-chilenischen Geschichte auseinandersetzen. Es ist sowohl ein Ort der Bewahrung als auch ein Ort des Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
«Für den DCB ist es sehr wichtig, das Kulturerbe unserer Ahnen der Gemeinschaft in Chile zugänglich zu machen, um unsere Identität und Geschichte zu bewahren. Das Kulturerbe ist nicht nur ein Zeugnis der Vergangenheit, sondern auch ein lebendiges Element, das die kollektive Identität und das Zugehörigkeitsgefühl der Bürger stärkt. Durch seine Erhaltung und Aufwertung wird das historische Gedächtnis bewahrt, der Respekt vor der kulturellen Vielfalt gefördert und die Weitergabe dieses Erbes an künftige Generationen gewährleistet, wodurch die nationale Identität und der Stolz eines Volkes auf seine Wurzeln gefestigt werden.»
– Hartmut Claussen, DCB-Geschäftsführer
«Unser Ziel ist es, dass die Nachkommen dieser Siedler eine Möglichkeit haben, sich über ihre Herkunft, ihre Kultur und ihre Werte zu informieren und so den Beitrag dieser Menschen in die Zukunft fortzuführen. Regelmäßig veranstalten wir Vorträge über den Beitrag, den die Einwanderer ihrer Zeit für Chile geleistet haben: etwa der Naturforscher Bernhard Eunom Philippi oder Oberst Emil Körner, der unser Heer im preußischen Stil organisierte. Ebenso möchten wir Historikern und Forschern, die Informationen über unsere Einwanderer suchen, schnellen und unkomplizierten Zugang bieten – sowie Familien unterstützen, die die deutsche Staatsbürgerschaft ihrer Vorfahren wiedererlangen möchten.»
– Guillermo Strodthoff, Vorsitzender des Comité de Archivo

«Zum 40-jährigen Jubiläum wird erstmals eine digitale Plattform vorgestellt, die einen Teil unseres Materials online verfügbar macht – ein erster Schritt, dem wir weitere Digitalisierungen folgen lassen möchten. Dafür sind wir jedoch auf finanzielle Unterstützung angewiesen.»
«In den vergangenen 40 Jahren hat sich das Archiv stetig erweitert: Ausgehend von der Sammlung Emil Held Winklers beherbergt es heute Unterlagen zahlreicher Persönlichkeiten, Familien und Institutionen der chilenisch-deutschen Gemeinschaft. Dadurch ist der Informationsbestand kontinuierlich gewachsen.»
– Daniela Casanova, Leiterin des Emil-Held-Archiv



