Der andere «Schiwago»-Film
Boris Pasternaks Roman über die tragische Figur eines Arztes, der in den Wirren der Oktoberrevolution und des Ersten Weltkriegs seine Geliebte Larissa ebenso verehrt wie seine Ehefrau Tonja, beide verliert und dabei zugrunde geht, wurde in den 1960er Jahren unter der Regie von David Lean mit Omar Sharif, Geraldine Chaplin und Julie Christie in den Hauptrollen verfilmt (siehe Blu-Ray-Report im Cóndor vom 25. Januar 2013) und gilt seitdem als Meisterwerk und Filmklassiker.

Dessen ungeachtet wagte sich ein britisch-deutsch-amerikanisches Produzententeam kurz nach der Jahrtausendwende an den aufrüttelnden Stoff heran, um einen Zweiteiler für das Fernsehen in Szene zu setzen. Ähnlich wie ihr Vorgänger, hält sich diese Version weitgehend an die literarische Vorlage. Den Akzent setzt sie jedoch nicht, wie Leans Film, auf die historischen Geschehnisse, sondern auf die innermenschlichen Beziehungen, die hier wiederholt in ihrer tiefen Tragik dargestellt werden, wobei sich Regisseur Giacomo Campiotti keine Grenzen setzt und überdies fast unerträgliche Grausamkeiten zeigt, die während der großen Hungersnot nach der Revolution vorkamen.
Ein besonderes Lob gebührt der Rollenverteilung. Die international zusammengestellte Schauspielerriege ist typengerecht ausgewählt, was der Darstellung eine einheitliche hohe Qualität sicherstellt. Campiotti arbeitet die verschiedenen Figuren mit seinen Darstellern optimal aus. Jede Partie, auch die kleinste Rolle, «stimmt».
Die Außenaufnahmen entstanden meist in Prag und der Slowakei, wobei ausgesucht schöne Landschaftsbilder eingefangen werden konnten, die zudem der Handlung eine wirkungsvolle Authentizität verleihen. Von einigen kleinen Fehlern abgesehen – wie etwa die Oberleitung über den Schienen, die im Moskauer Bahnhof deutlich zu sehen ist – konnte das Russland um 1917 überzeugend und eindrucksvoll nachgezeichnet werden.
Die Kameraarbeit von Blasco Giurato zeichnet sich durch eine sorgfältige Bildkomposition aus. Einmalig ist etwa die Darstellung des harten russischen Winters. Bedauerlicherweise ist sie infolge der schlechten Wiedergabe so gut wie wirkungslos. Beide Teile des Films, einschließlich der Titeltexte und des Nachspanns, sind in einem derartigen Maße grobkörnig und unscharf, dass das Bild äußerst unsauber wirkt, was den Betrachter auf die Dauer ermüdet. Eigenartigerweise ist die spanische Untertitelung jedoch gestochen scharf eingeblendet. Wie erklärt sich dieser Unterschied, der dem Zuschauer sofort auffällt?
Der Ton ist dagegen einwandfrei ausgearbeitet und wiedergegeben, ohne allerdings die Möglichkeiten des Multikanalsystems zu nutzen. Dem Benutzer stehen zwei Sprachfassungen zur Verfügung: Englisch und Spanisch.
Auf Bonusmaterial verzichteten die Herausgeber gänzlich.
«Doktor Schiwago»,
Vereinigtes Königreich, Deutschland, USA 2002
Regie: Giacomo Campiotti
Produktion: Anne Pivcevic, Hugh Warren
Drehbuch: Andrew Davies
Kamera: Blasco Giurato
Ton: Bruce Wills
Schnitt: Joe Walker
Musik: Ludovico Einaudi
Mit Hans Matheson, Alexandra Maria Lara, Keira Knightley, Sam Neill, Bill Paterson, Celia Imrie, Kris Marshall, Sam MacLintock, Hugh Bonneville u. a.
Spieldauer: 3 Stunden 48 Min.
Bild : *
Ton: ***
Darbietung: ****
Extras: *



