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sábado, 13. abril 2024
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Vor 200 Jahren starb Ferdinand Franz Wallraf

Kölns «Universaljenie» 

Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824), Gemälde von Johann Anton de Peters, 1792

Er rettete Kunstschätze, entwarf den Melatenfriedhof und benannte die «Kotzgasse» in «Straße der Feinschmecker» um: Ferdinand Wallraf, der vor 200 Jahren starb, gilt als einer der größten Kölner.  

Köln (dpa) – Franz Ferdinand Wallraf war ein Messie. In seiner Wohnung häufte er alle möglichen Sachen an, sodass er kaum noch Platz für sich selbst hatte. Johann Wolfgang von Goethe, der ihn einmal besuchte, mokierte sich: «Der chaotische Zustand ist nicht denkbar, in welchem die kostbaren Gegenstände der Natur, Kunst und des Altertums übereinander stehen, liegen, hängen und sich durcheinander umhertreiben.» Letztlich war es aber eben dieser Chaot, der die heutige Kölner Museumslandschaft begründete. Deshalb gedachte die Stadt auch seines 200. Todestags am 18. März. 

Liberal, katholisch und charismatisch

Ist das Kunst oder kann das weg? Auf diese Frage gab man in Köln Ende des 18. Jahrhunderts meist die Antwort: Kann weg. Köln war damals einfach nur hoffnungslos «out». Die Stadt war erzkatholisch und hatte ihre große Zeit im Mittelalter gehabt. Und beides – die katholische Kirche und das Mittelalter – wurde von den Intellektuellen der Aufklärung zutiefst verabscheut. Die Haltung gegenüber kirchlicher Kunst war ungefähr so wie heute jene gegenüber Betonbauten der 1960er und 1970er Jahre: potthässlich – sollte man abreißen. Damals wurden in Köln zum Beispiel 67 Kirchen und Kapellen abgerissen oder zu Fabrikhallen umfunktioniert. Auch den halb fertigen Dom hätte man liebend gern abgebrochen, aber das ging nicht: Der war einfach zu groß. Also nutzte man das Ding als Kriegsgefangenenlager, Futterspeicher und Pferdestall. Auf gemalten Stadtansichten tat man so, als gäbe es ihn nicht – er fehlte einfach. 

Lithografie des Kunstsammlers inmitten seiner Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum, dessen Gründung auf seinen Nachlass, vorwiegend Säkularisationsgut, an die Stadt Köln zurückgeht.

Einen Kölner gab es allerdings, der anders dachte: den großen Aufbewahrer und Sammler Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824). Er war selbst katholischer Geistlicher, aber auch ein liberaler Aufklärer und Erneuerer – beides in einer Person. «Das war ein höchst spannender Mann», schwärmt die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, selbst eine Kölner Institution. «Er hat sich in alles eingemischt, alles mitbestimmt. Er war ein Kämpfer für Toleranz und Freiheit. Und er muss sehr charismatisch gewesen sein.»

1794 wurde Köln von Frankreich erobert und für 20 Jahre eine französische Stadt. Der Universitätsrektor Wallraf bekam den Auftrag, alle Straßennamen umzubenennen. Das tat er auch – und machte aus der «Kotzgasse» die «Rue des Traiteurs», die «Straße der Feinschmecker», und aus dem «Pissgässchen» die «Passage de la Bourse», die «Börsengasse». Um sich etwas hinzuzuverdienen, dichtete er gegen Honorar Grabinschriften, wie Schock-Werner herausgefunden hat. Auch den Melatenfriedhof, der heute als einer der schönsten Friedhöfe Deutschlands gilt, haben die Kölner ihm zu verdanken. «Der grundsätzliche Entwurf und auch das Eingangstor stammen von ihm», sagt Schock-Werner im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Retter von 40.000 Objekten

Die katholische Kirche, der damals halb Köln gehörte, wurde von der Revolutionsregierung in Paris enteignet. Alle Mönche und Nonnen landeten auf der Straße. Jahrhundertealte Gotteshäuser wurden dem Erdboden gleichgemacht – dass der berühmte Kranz der zwölf Romanischen Kirchen verschont blieb, war nach Recherchen von Schock-Werner vor allem Wallrafs Verdienst. Als Folge der Enteignungen gelangten nun gewaltige Mengen an sakraler Kunst auf den Markt – all die Gemälde, Kreuze, Monstranzen und Flügelaltäre, die die Kirchen und Klöster des «Heiligen Kölns» geschmückt hatten. Die Sachen wollte aber kaum einer haben. 

Das heutige Wallraf-Richartz-Museum in Kölns Innenstadt

So mancher Kunstschatz verließ Köln für immer. Ein gewisser Adolf von Hüpsch kaufte in kurzer Zeit eine Kollektion zusammen, bot sie der Stadt Köln an, die jedoch abwinkte, worauf er die Sammlung nach Darmstadt verkaufte: Dort bildete sie den Grundstock für das Hessische Landesmuseum. Die Brüder Sulpiz und Melchior Boisserée verkauften ihre überaus kostbaren Tafelgemälde altdeutscher und altniederländischer Meister an den König von Bayern, aus dessen Sammlung die Alte Pinakothek in München hervorging.

Ohne Wallraf wäre Köln nicht viel geblieben. Aber dieser Mann war gut für 100 Sammler. So rettete er den «Altar der Stadtpatrone» von Stefan Lochner – heute das Prunkgemälde schlechthin im Kölner Dom. Nachdem Wallraf einmal begonnen hatte, wurde er nach eigenem Bekenntnis «kaufsüchtig» und erwarb alles, was ihm in die Hände fiel – insgesamt 40.000 Objekte, vom versteinerten Vogelnest bis zum Rubens-Gemälde. Wie ein Drache hütete er seine Schätze, fand Goethe, der ihn bewunderte, aber auch kritisierte. Der berühmte Dichter schlug vor, die chaotische Kollektion in «Abtheilungen» geordnet in einem Museum auszustellen – so ist es auch gekommen: Wallraf ist Namensgeber des heutigen Wallraf-Richartz-Museums. 

Politisch war der Sammler und Gelehrte ein ziemlicher Opportunist. Erst dichtete er Lobeshymnen auf Napoleon, dann – nach dessen Fall – Spottverse. Barbara Schock-Werner verteidigt ihn aber auch in diesem Punkt: «Er war ein Stadtpatriot. In jedem politischen System hat er versucht, für die Stadt das Beste herauszuholen – und das bedeutete eben auch, dass er mit den jeweils Herrschenden heulen musste.»

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