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viernes, 12. julio 2024
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Porträt – Iris Boeninger

Wirtschaftsexpertin und Politikerin

«Lieben, umarmen, helfen»

Für Iris Boeninger ist wie für ihren Vater Edgardo Boeninger, den ehemaligen Minister der Regierung Aylwin, die Politik ein wichtiges Betätigungsfeld. Seit 2022 ist die Wirtschaftswissenschaftlerin Mitglied des Nationalen Rats des Lateinamerikanischen Zentrums für Wirtschafts- und Sozialpolitik der Pontificia Universidad Católica de Chile, Clapes UC. Die vielseitig begabte Frau erzählt im Cóndor-Interview über ihre bewegte Kindheit, ihre deutschen Vorfahren, eine Unternehmerfamilie der Duisburger Tabakindustrie, und ihr erfülltes Leben mit ihrer Patchwork-Familie mit sieben Kindern.

«Chile ist meine Seele, mein Land, mein Meer, mein Gebirge. Hier bin ich geboren und aufgewachsen», leitet Iris unser Gespräch ein. Sie erinnert sich an eine bewegte Kindheit, geprägt von Trennungen, Traurigkeit, Einsamkeit, aber auch von vielen Freuden. Ihr Bruder Rolando ging schon im Alter von vier Jahren auf eine Sonderschule für Gehörlose in Buenos Aires, und die Eltern waren oft bei ihm. Iris besuchte das Santiago College, für sie ein Zufluchtsort mit Freunden und für das Erlernen nicht nur von Wissen, sondern auch von Werten, «die im Leben so wichtig sind, dass sie auch heute noch gelten».

Sie hat an der Universidad Católica Wirtschaftswissenschaften studiert. Ihren Abschluss machte sie aber in Argentinien: «Ich musste auswandern, um meine Mutter zu pflegen. Später wurde mein Titel von der Universidad de Chile anerkannt.»  Schon als Kind habe sie mit ihren Klassenkameraden in der Bibliothek viel gezeichnet. Kunst in all ihren Erscheinungsformen interessierte sie schon immer, wie sie erzählt: «Als ich noch sehr klein war, nahm mich meine Mutter mit ins Stadttheater und kaufte mir kleine, in Schokolade kandierte Orangen, um mein Interesse an der Musik zu wecken. Sie weckte mein Interesse nicht nur an der Musik, sondern auch an Orangen!» 

Iris‘ Großvater väterlicherseits, Edgar Böninger, wurde in Duisburg geboren. Die Familie Böninger, eine Unternehmerfamilie der Duisburger Tabakindustrie, erwarb im Jahr 1774 eine Wassermühle, die ursprünglich den Johannitern gehörte, und bauten sie zu einem herrschaftlichen Sommersitz aus. Den Privatgarten legte man vor den Toren der Stadt an und übergab ihn 1912 der Öffentlichkeit. Die Anlage ging 1921 in den Besitz der Stadt Duisburg über. Die Bomben des Zweiten Weltkrieges ließen von dem 700 Jahre alten Baudenkmal nur noch eine Ruine übrig. Hier befindet sich heute der Böninger Park. 

Die Großmutter väterlicherseits, Elizabeth Kausel, hatte einen Hochschulabschluss in Mathematik, die Großmutter mütterlicherseits, Águeda Benítez, war Dichterin und Schauspielerin.

«Mein Vater, Edgardo Boeninger Kausel, war Ingenieur, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler und Politiker. Er war Rektor der Universidad de Chile, Minister unter Präsident Patricio Aylwin und Senator. Meine Mutter Azhyade von Kretschmann Benítez, Künstlerin, Bildhauerin und Töpferin, hat alles getan, damit wir in schlechten Zeiten überleben konnten. Mein Bruder Rolando ist heute Biochemiker und Fotograf», berichtet Iris Boeninger. Dass sie sich für ein Wirtschaftsstudium entschied, lag einerseits an ihrem Talent für Mathematik, andererseits aber auch am Einfluss ihres Vaters. Obwohl sie sich auch für Architektur begeisterte und Innenarchitektur studierte, ist sie glücklich mit ihrem Beruf. 

Gut ausgerüstet und vorbereitet arbeitete sie in Chile und Argentinien, wo sie mehrere Jahre lebte, in der Leitung großer Unternehmen im Bereich Energie und Banken sowie in Wirtschafts- und Unternehmensberatungen. In Chile gewann sie einen öffentlichen Wettbewerb als Leiterin von ProChile in Argentinien, war Direktorin der Banco del Estado de Chile und Botschafterin in Uruguay. 

Auβerdem war sie in internationalen Organisationen tätig, wie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, und von 2018 bis 2022 Botschafterin der Asociación Latinomericana de Integración. Schlieβlich wurde sie von Felipe Larrain in den Nationalen Rat des Lateinamerikanischen Zentrums für Wirtschafts- und Sozialpolitik der Pontificia Universidad Católica de Chile, Clapes UC, berufen. 

Nach ihren Zukunftsplänen gefragt, erklärt Iris Boeninger: «Ich gehöre dem politischen Komitee der Partei Amarillos por Chile an. Zu meinen Plänen für dieses Jahr gehören verschiedene Projekte, darunter Interviews in den Medien, das Schreiben eines Buches, das ich bereits konzipiert habe, und die Fortsetzung meiner Arbeit als Kolumnistin. Daneben werde ich mein Studium bei Juan Verá Gil fortsetzen, was ich angesichts des schwierigen Dialogs zwischen Politikern und Bürgern in Chile sehr wichtig finde. Wir sind nicht allein in der Welt, deshalb müssen wir aufmerksam sein, was mit den Menschen um uns herum geschieht, mit denen, die leiden. Lieben, umarmen, helfen – immer, wenn wir können!»

In erster Ehe war Iris mit dem Schweizer Jorge Fassbind verheiratet, der perfekt Deutsch sprach und im Bankensektor arbeitete. Das Paar adoptierte die Töchter Josefina und Julieta, heute 31 und 32 Jahre alt, «die beste Entscheidung meines Lebens», so Iris. 

Seit 18 Jahren ist sie mit ihrem zweiten Ehemann verheiratet, dem in Italien geborenen Giuseppe Condito, der fünf Kinder hat. Zu dieser Partnerschaft sagt sie: «Gemeinsam haben wir also sieben Kinder, und die Integration dieser Patchwork-Familie ist eine sehr schöne Erfahrung.» 

In ihrer Freizeit schreibt sie Gedichte, malt mit Leidenschaft – ihre Werke wurden in Argentinien, Chile und Italien ausgestellt – und trifft sich mit Freunden, um über Politik, das Leben und die Welt sprechen. 

Obwohl ihr Lieblingsessen scharf gewürzter Thunfisch in Sesamkruste mit Basilikumpüree ist, stehen die von Ehemann Guiseppe wunderbar zubereiteten Pizzen dem in keiner Weise nach, betont Iris Boeninger und meint: «Vor allem, wenn’s zum Abschluss noch ein Schokoladeneis gibt, ist das Mahl perfekt.»

Foto: privat

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