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jueves, 22. febrero 2024
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Lenin – fanatischer Revolutionär und Gewaltherrscher

In Russland verehrt: Lenins Mausoleum vor dem Kreml

Lenin war Marxist, Revolutionär und Gründer der Sowjetunion. Vor 100 Jahren starb der Aristokrat aus wohlhabenden Verhältnissen, der zu Gewalt und Terror aufrief, um den ersten kommunistischen Staat zu gründen. Während seiner totalitären Diktatur wurden Hunderttausende in Russland zum Tode verurteilt oder starben in den Gulag-Strafarbeitslagern. Die Regierung der Bolschewiki war mit den Folgen des Ersten Weltkriegs eine Ursache für den Hungertod von fünf Millionen Menschen im Jahr 1921 und 1922.

Der Jurist aus gutem Hause

Lenin als Dreijähriger mit seiner Schwester Olga: Mit ihren vier Geschwistern wuchsen sie in gutbürgerlichen Verhältnissen auf; noch als Revolutionär lebte Lenin von der Pacht des Familienguts.

(PD/sik) Wladimir Iljitsch Uljanow wurde am 22. April 1870 in Simbirsk an der Wolga als drittes Kind von insgesamt sechs Geschwistern geboren. Sein Vater war der in den Adel aufgestiegene Schulinspektor Ilja Nikolajewitsch Uljanow und seine Mutter Marija Alexandrowna, geborene Blank, eine Gutsbesitzertochter mit deutsch-jüdischen Wurzeln. Ihr Vater Israel Blank gehörte als Landarzt der dünnen Schicht des Bürgertums an. Sie legte 1863 das Examen als Lehrerin ab, ohne berufstätig zu werden. Der junge Lenin wuchs in wohlhabenden Verhältnissen in einer gebildeten Familie auf, die zur Elite des Zarenreichs gehörte. Wladimir erwies sich in der Oberschule als Musterschüler. Sein ganzes Leben lang war er nicht darauf angewiesen, sich seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen.

Lenins Eltern und Geschwister und er selbst (ganz rechts) im Jahr 1879

Ein entscheidendes Ereignis für sein weiteres Leben war die Hinrichtung des vier Jahre älteren Bruders Alexander 1887. Dieser hatte an einem gescheiterten Attentat auf Zar Alexander III. teilgenommen. Sein Hass gegen das zaristische Regime und das Studium der Schriften von Karl Marx führten dazu, dass er sich politisch radikalisierte. Er studierte Rechtswissenschaften an der Kaiserlichen Universität Kasan, wurde jedoch vorübergehend mit weiteren 38 Studenten von der Universität verwiesen, als er an einem illegalen Studentenprotest teilnahm. 

Lenin spricht im Jahr 1919 auf dem Roten Platz in Moskau

Die Familie zog 1889 nach Samara, wo die Mutter ein Gut erwarb. Wladimir erwies sich als ungeeignet als Gutsverwalter, weshalb das Land schließlich verpachtet wurde. So lebte er vom Vermögen der Familie, las radikale politische Literatur und setzte sein Jurastudium als Autodidakt fort. Er erklärte sich 1889 zum Marxisten, arbeitete ab 1893 als Anwalt in St. Petersburg und begann seine aktive Mitarbeit in der Arbeiterbewegung.  

Verbannung, Exil und Rückkehr

Lenin gründete 1895 den «Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse». Aufgrund seiner revolutionären Arbeit wurde er 1897 verhaftet und für drei Jahre in die sibirische Verbannung geschickt. Seine Verlobte und zukünftige Frau Nadeschda Krupskaja ging mit ihm; sie heirateten am 22. Juli 1898. 

Lenin und sein Nachfolger Stalin (Foto 1922), der Lenins Terrorregime weiter ausbaute

Ab 1900 lebte Lenin mit kurzen Unterbrechungen 14 Jahre im Exil, zunächst in München, dann in Genf und Zürich. In dieser Phase schuf er mit Gleichgesinnten kommunistische Organisationen in seinem Heimatland und in anderen europäischen Ländern. Er nahm den Decknamen Lenin an, um als eifriger Revolutionär wahrgenommen zu werden: Der Name bedeutete, dass er «von der Lena» stamme, also nach Sibirien verbannt worden war. 

Opfer der Hungersnot im Jahr 1921

Im Laufe der Jahre organisierte er eine schlagkräftige Partei, die sich durch Disziplin und Tatkraft auszeichnete. Sein Ziel war es, der Monarchie in Russland ihr Ende zu bereiten, um dann eine sozialistische Arbeiterrepublik zu errichten. Auf dem Parteitag der So-zialdemokraten im Jahre 1903 setzte er die Abspaltung der Bolschewiki durch. Mit ihnen strebte er eine «Diktatur des Proletariats» an. 

 In der Schweiz gründete er 1912 die «Prawda» («Wahrheit»), die von 1918 bis 1991 das Zentralorgan der KPdSU wurde. Während Russland 1914 in den Ersten Weltkrieg eintrat, wartete Lenin in seinem Exil auf eine neue Gelegenheit für seine politische Revolution. 1916 veröffentlichte er sein Werk «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus».

Die deutsche Regierung unterstützte seine Revolutionspläne, da sie sich dadurch eine Schwächung Russlands erhoffte. Winston Churchill beschrieb dieses Vorgehen der Deutschen später: «Sie wendeten die grausamste aller Waffen gegen Russland an. Sie transportierten Lenin in einem versiegelten Lastwagen wie einen Pesterreger.»

Lenin konnte die kriegsmüden Russen mit seinen «Aprilthesen» begeistern, die einen bedingungslosen Friedensabschluss mit Deutschland sowie die Verstaatlichung des Bodens und der «Produktionsmittel» sowie vorsahen. Statt einer parlamentarischen Demokratie forderte Lenin: «Alle Macht den Räten.» Alle wichtigen Entscheidungen sollten durch lokal gewählte Räte (russisch: Sowjets) aus Arbeitern, Soldaten und Bauern getroffen werden. Parlamente verunglimpfte er als «Schwatzbuden», Parlamentarier als «Schoßhündchen». 

Der Diktator des Proletariats 

Die ersten freien Wahlen im Land zur Konstituierenden Versammlung 1917 verliefen für die Bolschewiki enttäuschend: Auf Lenins Partei entfiel rund 24 Prozent der Gesamtzahl der Wählerstimmen, während die gegnerischen sozialistischen Parteien eine Zweidrittelmehrheit erhielten. Es blieben die letzten freien Wahlen für sieben Jahrzehnte. Durch die Oktoberrevolution 1917 gelang es Lenin, die provisorische Regierung, die er als eine «Diktatur der Bourgeoisie» betrachtete, zu stürzen und die Verfassunggebende Versammlung aufzulösen. Mithilfe von Leo Trotzki führte Lenin die Bolschewiki an die Macht, die die Sowjetherrschaft ausriefen. Die Führung dieses ersten kommunistischen Staates der Welt übernahm Lenin. 

Lenin im Jahr 1923: Von 1922, das Jahr seines ersten Schlagnanfalls, bis zu seinem Tod in Gorki 1924 war seine Regierungsfähigkeit eingeschränkt.

Mit dem Frieden von Brest-Litowsk beendete Lenin Russlands Beteiligung am Ersten Weltkrieg. Er konnte sich nun auf die Ausschaltung seiner politischen Gegner im dreijährigen Bürgerkrieg mithilfe der Roten Armee konzentrieren und rief zur «Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer» auf. Im Rahmen seines «Kriegskommunismus» verstaatliche er das gesamte verarbeitende Gewerbe und die Industrie. 

Zur Ernährung seiner Roten Armee beschlagnahmte er überschüssiges Getreide von den Bauern. Die unmittelbaren Folgen waren katastrophal, da die neue Staatswirtschaft zum Zusammenbruch der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion führte. So starben 1921 und 1922 schätzungsweise fünf Millionen Russen den Hungertod und der Lebensstandard in Russland sank, es herrschte Armut. 

Da Massenunruhen gegen die Sowjetregierung drohten, wandelte er die vollständige Verstaatlichung in ein stärker marktorientiertes Wirtschaftssystem ab, die den freien Markt und Kapitalismus berücksichtigte, jedoch unter staatlicher Kontrolle stellte. Um die Ordnung wieder herzustellen, gründete Lenin die Tscheka, Russlands erste Geheimpolizei. Die Tschekisten griffen von Beginn an gnadenlos mit Massenverhaftungen, brutalen Folterverhören und willkürlichen Hinrichtungen durch. Als Leitmotiv der Organisation formulierte der stellvertretende Leiter der Tscheka, Martyn Iwanowitsch Lazis, 1918 in der Zeitschrift «Der Rote Terror»: «Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse.» Der Begriff «roter Terror» wurde von den kommunistischen Bolschewiki geprägt und als Drohung verwendet.

Im August 1918 kam es zu einem Attentat auf Lenin. Fanya Kaplan, ein Mitglied einer rivalisierenden sozialistischen Partei, schoss auf ihn, als er eine Moskauer Fabrik verließ, und verletzte ihn schwer. Als Antwort darauf führte die Tscheka Massenhinrichtungen von Anhängern des zaristischen Regimes und der russischen Oberschicht sowie der gegenüber der Kommunistischen Partei nicht loyalen Sozialisten durch. Der «rote Terror» der Geheimpolizei forderte allein September und Oktober 1918 bis zu 15.000 Opfer unter den sogenannten «Klassenfeinden».   

1919 gründete Lenin die «Komintern», die die kommunistische Weltrevolution anstrebte, und 1922, nachdem seine Rote Armee schließlich den Bürgerkrieg gewonnen hatte, die Sowjetunion (UdSSR), die aus einem Vertrag zwischen Russland, der Ukraine, Weißrussland und dem Transkaukasus (heutige Georgien, Armenien und Aserbaidschan) hervorging. Lenin wurde ihr erstes Staatsoberhaupt. Der Marxismus-Leninismus wurde als Staatsdoktrin etabliert, die nach dem Krieg dann auch in vielen Ostblockstaaten übernommen wurde. 

Lenins Gesundheitszustand verschlechterte sich in dieser Zeit: Zwischen 1922 und 1924 erlitt er in Gorki mehrere Schlaganfälle, die seine Sprech- und Regierungsfähigkeit stark beeinträchtigten. Mit 53 Jahren starb Lenin am 21. Januar 1924. Während seiner Abwesenheit ebnete sich Joseph Stalin als neuer Generalsekretär der Kommunistischen Partei den Weg zur Macht.  

Quellen: www.history.de; dpa; Jörg Baberowski: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus 

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