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jueves, 22. febrero 2024
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Porträt – Bettina Horst, Ökonomin

Die Wirtschaftsexpertin und Vordenkerin

Seit über 20 Jahren ist Bettina Horst im Bereich öffentliche Politik tätig. Die Ökonomin war Mitglied der Expertenkommission, die den Vorentwurf der neuen Verfassung dem Verfassungsrat vorgelegt hat. Sie ist dieses Jahr zum dritten Mal zu einer der einflussreichsten Frauen Chiles gewählt worden. 

Schon als Jugendliche war Bettina Horst klar, dass sie beruflich auf dem Gebiet der öffentlichen Politik tätig sein wollte. Zunächst dachte sie an ein Studium der Rechtswissenschaften. Doch sie entschied sich anders: «Ich bin mehr ein Zahlenmensch, ich beschäftige mich lieber mit der Analyse der Wirtschaft.» Nach dem Schulabschluss an der Deutschen Schule Santiago begann sie daher an der Universidad Gabriela Mistral Economía zu studieren. Den Master absolvierte sie im Jahr 2001 in Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Öffentliche Politik an der Pontificia Universidad Católica de Chile.

Auch ihre Mutter Reinhild von Thadden, gebürtig aus Hannover, war als Studentin der Wirtschaftswissenschaften von Berlin nach Santiago gekommen. Dort lernte sie ihren Vater Heriberto Horst kennen, der auch deutsche Vorfahren hat, und blieb in Chile. «Natürlich bin ich durch meinen deutschen Hintergrund geprägt worden. Meine Familie ist auch regelmäßig nach Deutschland zu unseren Verwandten gefahren», erzählt Bettina Horst. Ihre schöne Schulzeit auf der Deutschen Schule Santiago wolle sie nicht missen, auch wenn ihre zwei Söhne und zwei Töchter, zwischen 18 und 26 Jahre alt, nicht auf die Deutsche Schule gegangen seien, unter anderem auch weil ihr Mann Darío Paya Mira keinen deutschen Hintergrund hat.

Ob Familie und Karriere für sie immer gut miteinander vereinbar waren? Bettina Horst meint, dass sie sich im Beruf so entwickeln konnte, wie es für sie wichtig war – «auch wenn es manchmal anstrengend war», wie sie zugibt. Voraussetzung dafür sei auch gewesen, «dass mein Mann mich unterstützt hat». Es sei für sie ein großes Glück gewesen, dass sie die Freiheit hatte, die Verantwortung für ihre beruflichen Aufgaben übernehmen zu können.

Sie ist keine Befürworterin der Frauenquote, wie sie zum Beispiel bei der Auswahl der Mitglieder der Expertenkommission im Verfassungsprozess angewendet wurde. In ihrem Fall jedenfalls kann man davon ausgehen, dass die einzige Wirtschaftsexpertin in dem Gremium angesichts ihrer Erfahrungen und Kenntnisse auch ohne Frauenquote ausgewählt worden wäre. 

Nach dem Abschluss ihres Masters bewarb sich die 23-Jährige um ein einjähriges Programm zur Förderung des Nachwuchses an der chilenischen Zentralbank und erhielt die Stelle. Ihr Vertrag wurde verlängert und sie stieg zur Leiterin des Währungsbereichs auf. Nach fünf Jahren entschloss sie sich, sich beruflich neu zu orientieren. «Die Erfahrungen in der Zentralbank waren für mich ein sehr guter Start ins Berufsleben, wozu auch Pünktlichkeit, Regelmäßigkeit, Zuverlässigkeit gehören.» 

Ein neuer Abschnitt begann für die Ökonomin in diesem Jahr: Von März 2023 bis November 2023 war sie auf Vorschlag der UDI Mitglied in der Expertenkommission für die Erarbeitung des Vorentwurfs der neuen Verfassung. «Es war eine intensive und interessante Zeit für mich», meint sie rückblickend und stellt fest: «Der Entwurf entspricht meinen Vorstellungen.» Grundsätzlich ist sie der Meinung: «Eine gute Verfassung ist die Bedingung dafür, dass sich ein Land gut entwickelt, ist aber dafür keine Garantie. Dagegen kann sich mit einer schlechten Verfassung ein Land nicht gut entwickeln.» 

Sie hofft, dass nach den Wahlen im Dezember vor allem die Rechtsunsicherheit nicht mehr die nötigen Aktivitäten und Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Lands blockieren. Insbesondere nach den Unruhen 2019 und angesichts der Folgen der Pandemie sollten Verbesserungen und Reformen auf verschiedenen Gebieten angegangen werden. Sie erwähnt die Bildung, vor allem die Qualität der staatlichen Schulen solle verbessert werden. Zu verbessern sei auch das Gesundheitssystem und die Lebensqualität in Städten durch mehr Sicherheit und Wohnungsbau.

Ein zweiter wichtiger Bereich seien das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung, Bedingungen für eine bessere Zukunft Chiles. In den vergangenen Jahrzehnten sei es der jüngeren Generation in Chile immer besser als der Elterngeneration gegangen. Nun herrsche Frustration, was auch der Stagnation in allen Wirtschaftssektoren geschuldet sei. 

Für sie selbst bedeute die Abgabe des Verfassungsentwurfs, dass sie sich wieder auf ihre Aufgaben konzentrieren kann. Sie ist Geschäftsführerin von Libertad y Desarrollo (LyD), einem unabhängigen, privaten Forschungszentrum, das sich mit der Analyse öffentlicher Politik beschäftigt und die Grundsätze einer freien Gesellschaft propagiert. Außerdem ist Bettina Horst Mitglied des Verwaltungsrats des Red Liberal de América Latina. 

Zu ihrer Arbeit gehöre auch, sich immer wieder in öffentlichen Debatten einzubringen: «Es müssen für die Gesellschaft relevante Themen angestoßen werden und die Menschen zum Nachdenken gebracht werden.» Ihren Standpunkt vertritt die Wirtschaftsexpertin dabei sachlich und nüchtern und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Wie schafft sie das? «Es ist immer wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, was man will und entsprechend sicher kann man seine Argumente vorbringen.» In den Jahren 2019, 2021 und in diesem Jahr wurde sie vom Mercurio und von Mujeres Empresarias zu einer der «100 Mujeres Líderes» gewählt.

Was ihre Freizeit angehe, seien es weniger künstlerische Aktivitäten – «ich habe zwei linke Hände», meint sie lachend – als Spaziergänge oder Wanderungen in der Natur, die sie entspannen. Ein spezielles Lebensmotto habe sie nicht, aber nach einem Moment des Nachdenkens stellt Bettina Horst fest: «Wichtig ist mir, dass ich wahrhaftig und authentisch rüberkomme.»

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