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Zum 125. Todestag von Theodor Fontane

An der Schwelle zur Moderne

Theodor Fontane an seinem Schreibtisch in Berlin am 30.12.1894, seinem 75. Geburtstag
Foto: Kulturstiftung

Theodor Fontanes Romane, aber auch Lyrik und Reiseerzählungen, beleuchten scharfsinnig die Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit all ihren Brüchen und Umwälzungen. Durch seine Arbeit als Journalist konnte er nicht nur sein literarisches Schaffen finanzieren. Diese beeinflusste auch sein Werk in Hinsicht auf Themen und Publikationspraktiken.

Die Stellung Theodor Fontanes in der deutschen Literatur ist so außerordentlich, dass kurz vor dem «Fontane-Jahr» 2019, zu seinem 200. Geburtstag, gleich vier Biografien zu einem der bedeutendsten Vertreter des literarischen Realismus erschienen. Darunter sind die viel beachteten – und ausführlichen – Arbeiten von Regina Dieterle und Iwan-Michelangelo D’Aprile, «Ein Jahrhundert in Bewegung», neben einer Vielzahl weiterer biografischer und literarischer Abhandlungen. Insbesondere D’Aprile stellt dabei heraus, wie weit Fontanes Leben und Schreiben von den Entwicklungen und Brüchen seiner Zeit geprägt ist. 

1819 geboren und 1898 gestorben, durchlebte Fontane das 19. Jahrhundert mit seinen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationen, die auf die Moderne zuliefen. Er war dabei nicht nur passiver Beobachter, sondern aktiver Teilnehmer, Revolutionär, Journalist, Reisender und Kritiker.  

Vom Apotheker zum Schriftsteller

Schloss Meseberg entdeckte Fontane bei seinen Wanderungen durch das Ruppiner Land und könnte als Schloss Stechlin für seinen letzten großen Roman gedient haben.
Foto: Doris Antony, CC BY-SA 3.0

Dass Theodor Fontane der bedeutende Schriftsteller werden würde, als der er in der deutschen Literaturgeschichte verankert ist, war keineswegs vorgezeichnet. Am 30. Dezember 1819 wurde er in der Provinzstadt Neuruppin geboren, in der sein Vater eine Apotheke übernommen hatte und in der heute immer noch das Fontane-Haus mit der Löwen-Apotheke steht. 

Kosmopolitisch und aus dem gehobenen Bürgertum der Hauptstadt Berlin stammend, litt sein Vater Louis Henri Fontane an Spielsucht und hatte neben der «Langeweile» der Provinz mit gravierenden Geldsorgen zu kämpfen. Die Familie musste mehrmals umziehen, 1850 meldete der Vater Bankrott an. Sein ältester Sohn Theodor wuchs dementsprechend in Unsicherheit auf und schloss das Gymnasium nicht ab. 1836 begann er nach mehreren Umzügen und Schulwechseln eine Ausbildung zum Apotheker in Berlin und durchlief bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr alle Stufen der Ausbildung. Er kam dabei mit den Literaturkreisen Berlins, Leipzigs und Dresdens in Berührung. 1848 war Fontane als Revolutionär an den Barrikadenkämpfen in Berlin beteiligt. In dieser Zeit verfasste er politische Schriften und Artikel, begann aber auch erste Balladen und Erzählungen zu schreiben. 

Seine frühe Karriere war geprägt von dem Spannungsfeld, dem ungeliebten, aber standesgemäß vorgegeben Berufsweg des Apothekers zu folgen und sich gleichzeitig als Literat davon zu emanzipieren. 1849 entschloss sich der 30-Jährige endgültig den Apothekerberuf aufzugeben und als freier Journalist zu arbeiten, was gerade in Anbetracht seiner bevorstehenden Heirat eine große finanzielle Unsicherheit bedeutete: Nach einer fünfjährigen Verlobungszeit ließen er und Emilie Rouanet-Kummer sich 1850 trauen. Fontane war bis zu seinem 70. Lebensjahr journalistisch tätig. 

Fontanes journalistische Laufbahn begann im Staatsdienst, in der Redaktion der Neuen Preußischen Zeitung. Von der preußischen «Centralstelle für Preßangelegenheiten» wurde er als Korrespondent nach London gesandt, wo er von 1855 bis 1859 lebte. Dies markierte gleichzeitig den Beginn seiner Karriere als Reiseschriftsteller, die unter anderem durch den Boom der Reiseliteratur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts motiviert wurde und bedeutende Werke wie die gerade in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckten «Wanderungen durch die Mark Brandenburg» hervorbrachte. 

Ab 1870 arbeitete er vornehmlich als Theaterkritiker. Die schier unüberschaubare Anzahl an Kritiken, die Fontane bis 1889 veröffentlichte, wurde 2018 in vier Bänden herausgegeben.

Literatur durch journalistische Praxis geprägt

Emilie Fontane war ihrem Mann eine wichtige Stütze: Neben Haushalt und ihren sieben Kindern kümmerte sie sich um die Reinschrift seiner Manuskripte.

Aufgrund der besonderen Stellung von Fontanes Romanen und des Umfangs seines Werkes, neben Erzählungen, Reiseberichten und Lyrik, kann es überraschen, dass seine Tätigkeit als Romancier erst mit dem Beginn seines 60. Lebensjahres in Fahrt kam. Im Rückblick werden die Novellen und Romane Fontanes, die ab 1878 mit der Veröffentlichung des historischen Romans «Vor dem Sturm» entstanden, allgemein als sein Hauptwerk betrachtet. Dazu gehören Klassiker wie «Frau Jenny Treibel» und natürlich «Effie Briest». Tatsächlich erlangten sie aber erst nach seinem Tod die Popularität, die sie heute haben.

Seine Arbeit als Journalist wirkte sich auch auf Fontanes schriftstellerische Tätigkeit aus:  Ehe seine Romane als Bücher herausgebracht wurden, ließ er sie zunächst in Zeitungen oder Zeitschriften publizieren.  Beinahe alle seine Texte entstanden als Serien – und waren demnach auch redaktionellen Vorgaben unterworfen – im Gegensatz zum einheitlichen und formal relativ offenen Eindruck, den heutige Ausgaben hervorrufen.

Das Geburtshaus von Theodor Fontane mit der Löwenapotheke in Neuruppin – diese steht noch heute seinen Kunden zu Diensten. 
Foto: Paulaemodified, CC BY-SA 3.0 

Auch thematisch prägte der Journalismus seine Werke, die bis heute als differenzierte Darstellungen der historischen und gesellschaftlichen Realität gewürdigt werden. Als Kenner von und Teilnehmer an den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen seiner Zeit gelang es Fontane, diese in seiner Literatur zu verdichten. Gerade Berlin als junge Hauptstadt und Mittelpunkt der rasanten Veränderungen, etwa durch Industrialisierung und das Aufweichen der Ständegesellschaft, wird bei Fontane selbst zur Figur vieler seiner Romane und Novellen.

Fontanes letzter Roman  «Der Stechlin» wurde kurz nach seinem Tod veröffentlicht, er starb am 20. September 1898. Der «politische Roman», wie ihn Fontane bezeichnete, beschreibt ein Panorama der Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts anhand von Gesprächen der Bewohner und Gäste des fiktiven Schlosses Stechlin in der Mark Brandenburg, das neben dem – tatsächlich existierenden – kleinen See Stechlin liegt. Der Roman gilt als Schlüsselwerk, der Protagonist wird als Alter Ego Fontanes gelesen. So wie Naturkatastrophen auf der anderen Seite der Weltkugel auf merkwürdige Art Auswirkungen auf den kleinen Brandenburger See haben und sich so darin widerspiegeln, werden in den Gesprächen auf dem Schloss Stechlin die großen Diskurse der Zeit beleuchtet. 

In der Anlage des Romans findet Fontanes Poetik ihren Widerhall, die sich in der Reflexion der historischen Ereignisse, sozialen Realität und Veränderungen, wie auch dem Beruf des Journalisten herausbildete: Ein literarischer Realismus, der sich nicht mit der bloßen Wiedergabe historischer und sozialer Realität zufriedengibt, sondern in scheinbar alltäglichen Gegebenheiten nach den Brüchen in der Tradition und den sich abzeichnenden Umwälzungen nachspürt.

Das Glück

Theodor Fontane

Nicht Glückes bar sind deine Lenze,

du forderst nur des Glücks zuviel;

gib deinem Wunsche Maß und Grenze,

und dir entgegen kommt das Ziel.

Wie dumpfes Unkraut lass’ vermodern,

was in dir noch des Glaubens ist:

du hättest doppelt einzufordern

des Lebens Glück, weil du es bist.

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,

es ist nicht dort, es ist nicht hier;

lern überwinden, lern entsagen,

und ungeahnt erblüht es dir.

Du fragst: ob mir in dieser Welt

überhaupt noch was gefällt?

Du fragst es und lächelst spöttisch dabei.

Lieber Freund, mir gefällt noch allerlei:

Jedes Frühjahr das erste Tiergartengrün,

oder wenn in Werder die Kirschen blühn,

zu Pfingsten Kalmus und Birkenreiser,

der alte Moltke, der alte Kaiser,

und dann zu Pferde eine Stunde später,

mit dem gelben Streifen der «Halberstädter»;

Kuckucksrufen, im Wald ein Reh,

ein Spaziergang durch die Lästerallee,

Paraden, der Schapersche Goethekopf

Und ein Backfisch mit einem Mozartzopf.

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