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martes, 16. abril 2024
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Invasive Tiere sind massives Problem

Ein junger Waschbär auf dem Dach eines Hauses in Berlin: Wenn die possierlichen Tiere Ziegel anheben oder die Dämmung zerstören, können sie einen erheblichen Schaden anrichten.

Der Japankäfer, der Felder abfrisst, die Pazifische Auster, die die Strömungen im Wattenmeer verändert, und ein neuer Pilz, der Salamander tötet: Invasive Arten richten riesige Schäden an. Das bedeutet oftmals nicht nur hohe Kosten, sondern hat, wie der Biber in Chile, auch Auswirkungen auf das Klima.

(dpa/sik) – Sie verdrängen einheimische Tiere und Pflanzen, zerstören ganze Ökosysteme und verursachen jedes Jahr Hunderte Milliarden Euro an Schäden: Sogenannte invasive Arten sind einem internationalen Bericht zufolge ein bisher stark unterschätztes Pro-
blem. So gelten die eingeschleppten oder absichtlich angesiedelten Spezies als eine der Hauptursachen für den weltweiten Artenrückgang – bei 60 Prozent aller ausgestorbenen Tiere und Pflanzen waren demnach gebietsfremde Arten maßgeblich am Verschwinden beteiligt. Und da immer mehr Menschen reisen und immer größere Warenströme ausgetauscht werden, dürfte das Problem in Zukunft noch zunehmen.

37.000 gebietsfremde Arten weltweit

Der Bericht wurde am 4. September von dem in Bonn angesiedelten Weltbiodiversitätsrat (IPBES) veröffentlicht. 86 Expertinnen und Experten aus 49 Ländern haben daran vier Jahre gearbeitet.

«Es ist der erste Bericht, der das Problem so global und umfassend behandelt», sagte Sven Bacher, Professor für Ökologie und Evolution an der schweizerischen Universität Freiburg, der Deutschen Presse-Agentur. «Jetzt haben wir endlich eine Datengrundlage, mit der wir zeigen können, wie groß das Ausmaß dieses Phänomens ist.»

Insgesamt sind vorsichtigen Schätzungen zufolge mittlerweile 37.000 gebietsfremde Arten durch das Einwirken des Menschen aus ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in andere Regionen gebracht worden. Etwa 3.500 dieser Arten richten Schäden an – sie sind die invasiven Arten. Die jährlichen wirtschaftlichen Kosten betrugen dem Bericht zufolge im Jahr 2019 423 Milliarden Dollar (392 Milliarden Euro).

Eine Pazifische Auster im Wattenmeer: Sie wurde in großen Mengen zu Züchtungszwecken aus Nordamerika nach Europa gebracht wurde.

Für Deutschland gibt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) 900 gebietsfremde Arten an, von denen etwa 90 invasiv sind. «Diese Zahlen sind sehr zurückhaltend», sagt dazu der IPBES-Experte Hanno Seebens. «Nach unseren Datenbanken haben wir in Deutschland mindestens 2.600 etablierte gebietsfremde Arten, von denen ein Teil invasiv ist.» All diese Zahlen bezögen sich nur auf dokumentierte Arten – es gebe mit Sicherheit eine hohe Dunkelziffer.

Eine invasive Art ist zum Beispiel ein Pilz mit dem Namen Salamanderpest, der tödlich für Feuersalamander-Populationen ist. Er hat sich von den Niederlanden aus nach Deutschland verbreitet. «In den letzten Jahren haben wir den auch schon in Bayern gefunden, und jetzt haben wir große Angst, dass er sich noch weiter ausbreitet», erläutert Bacher. Es gebe aber auch invasive Arten, die ganze Ökosysteme veränderten. «Da könnte man die Pazifische Auster anführen, die in der Nordsee große Austernbänke bildet und dadurch sogar die Strömungsverhältnisse im Wattenmeer verändert. So wird der Lebensraum als Ganzes durch eine einzige invasive Art stark beeinflusst.»

Neben diesen Naturschäden gibt es aber auch starke wirtschaftliche Schäden. So zerstören Bisamratten – ursprünglich wegen ihres Pelzes eingeführt – vielfach Uferbefestigungen. Der Japankäfer wiederum fällt wie eine biblische Plage über Felder her und frisst alles kahl. In der Schweiz wird dagegen mit Pestiziden auch in privaten Gärten vorgegangen. Auch für den Menschen können bestimmte Arten gefährlich werden: So ist die Asiatische Tigermücke potenziell Überträgerin von Krankheiten.

Biber zerstört Wälder in Patagonien

Der nur 75 Zentimeter lange amerikanische Biber, der eigentlich in Nordamerika beheimatet ist, zerstört die einheimischen Wälder im Süden Chiles und trägt damit zur Klimakrise bei. Ohne einen Feind und ein Raubtier, das ihn jagt, hat sich der Biber in wenigen Jahrzehnten exponentiell vermehrt und ist zu einem verheerenden Schädling geworden. Insbesondere in Patagonien ist das Nagetier eine Bedrohung für die Wälder und damit auch für das Klima: Die dortigen Urwälder speichern fast doppelt so viel Kohlenstoff wie der Amazonas, so eine Studie der Universidad de Chile. 

Die Conaf schätzt, dass es allein im Süden Feuerlands zwischen 65.000 und 110.000 Exemplare gibt. Der Biber gilt als technisches Genie: Er fräst Bäume mit seinen Zähnen und schafft Dämme, die mehr als einen Meter hoch und bis zu 100 Meter lang sind und das Land überfluten, in dem sich seine Höhlen mit unterirdischen Eingängen befinden. 

Außerdem bedeuten die durch die Biber abgestorbenen Bäume eine Zunahme des Treibhausgases: Durch die Überflutung der Waldgebiete mit Wasser fallen die Bäume um und verrotten. Dies ist ein Prozess, der große Mengen Methan in die Atmosphäre freisetzt, ein Gas, das weitaus umweltschädlicher ist als CO2.

Prävention gefragt

Seebens ist es wichtig zu betonen, dass nicht die invasiven Arten selbst diese Entwicklung auslösen, sondern der Mensch, der sie von einem Kontinent auf den anderen verpflanzt. Seit den 1950er Jahren nimmt die Verbreitung gebietsfremder Arten weltweit zu – und das immer schneller. «Aktuell erreichen wir eine Dimension von etwa 200 neuen Arten weltweit jährlich», so Seebens. Die dahinter liegenden Triebkräfte wie etwa der internationale Handel, aber auch die Zerstörung von Habitaten nähmen immer weiter zu. «Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sich dieser Trend irgendwie abschwächen wird – im Gegenteil.»

Ursprünglich ist der Biber in den 1940er Jahren zur Förderung der Pelzindustrie in Argentinien eingeführt worden und hat sich dann auch in Chile ausgebreitet.

Die positive Nachricht ist, dass es nach dem einhelligen Urteil der Wissenschaftler erprobte und effiziente Maßnahmen zum Gegensteuern gibt. «Am besten ist es natürlich, die Verbreitung solcher Arten von vornherein zu verhindern – durch Prävention», betont Bacher. «Es gibt schon internationale Abkommen, etwa für Schifffahrt, für Ballastwasser, aber das Problem ist, dass sie nicht richtig eingehalten werden.» Die Wissenschaftler fordern deshalb strengere Kontrollen. Auch sei ein koordiniertes Vorgehen wichtig. Es mache wenig Sinn, nur auf lokaler Ebene gegen das Problem anzukämpfen, denn invasive Arten halten sich natürlich nicht an Verwaltungs- und Ländergrenzen. Die Umweltschutzorganisation WWF weist darauf hin, dass über 80 Prozent aller Staaten bisher keine speziellen Gesetze oder Vorschriften für Invasions-Prävention und -Kontrolle besäßen.

Auch der Einzelne ist gefragt. «Viele von uns haben zum Beispiel gebietsfremde, vielleicht sogar invasive exotische Pflanzen im Garten stehen», so Bacher. «Oder ein anderes Beispiel: Wir bereisen immer entlegenere Gebiete, fliegen dann zurück und benutzen hier die Wanderschuhe, an denen sich noch Erde vom anderen Ende der Welt befindet. Auf diese Weise tragen wir unter Umständen selbst dazu bei, völlig fremde Arten hier anzusiedeln.»

Fotos: dpa

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