19 C
Santiago
10.7 C
Berlin
miércoles, 21. febrero 2024
Inicio Interview Porträt - Franz Schubert

Porträt – Franz Schubert

Österreichischer Honorarkonsul und Tourismus-Experte

Mit einem Oneway-Ticket nach Chile

Franz Schubert ist im November 2022 zum Honorarkonsul für Österreich in der Maule-Region ernannt worden. Der Österreicher und Spezialist für Südamerika-Reisen kam vor 30 Jahren nach Chile und lebt mit seiner Frau Kati und seinen zwei Söhnen in Talca. Dort hat der 57-Jährige die Stiftung Trekkingchile gegründet, die sich für Naturschutz und soziale Projekte in der Maule-Region einsetzt.

Wo bist du aufgewachsen und hast einen Beruf erlernt?

Mittlerweile lebe ich schon länger in Chile als in Österreich. Als Landei oder wie man in Österreich zu sagen pflegt, als Gscherter schloss ich mit einer Fachschule für technische Chemie in Wien ab. Dank der Arbeit meiner Eltern, vor allem der meiner Mutter, konnte ich mir diesen Traum erfüllen. Viele meiner Jugendfreunde begannen mit 16 eine Lehre, ich konnte weiter eine Schule besuchen. Die Großstadt war ein Abenteuer, aber jeden Tag mit über drei Stunden Zugfahrt verbunden.

Was hat dich in deiner Kindheit und Jugend besonders geprägt?

Als Kind einer Arbeiterfamilie im ländlichen Niederrösterreich bin ich von der sozialistischen Regierung Bruno Kreiskys geprägt. Die 1960er und 1970er Jahre standen zwar unter einem günstigen Stern, die Wirtschaft boomte und es gab genug Arbeit – für Arbeiter allerdings schlecht bezahlte Arbeit. Die meisten Familien verschuldeten sich auf Jahrzehnte und zahlten einen großen Teil ihres Einkommens an monatlichen Raten ab. Nur wenige konnten sich eine Urlaubsreise leisten, selbst an ein Auto war bei uns nicht zu denken. Die meisten männlichen Arbeiter fanden ihre tägliche kleine Urlaubsreise im Bierrausch. 

Während die Eltern sich abrackerten, verbrachten wir als Kleinkinder die Jahre bei unserer Großmutter. Die gute Frau wurde 106 Jahre alt. Der Brunnen war im Hof, daher gab es weder Dusche noch Badezimmer. Die Winter waren damals noch echte Winter, geheizt wurde nur in der Küche. Uns Kinder störte das kein bisschen, schön war es und ich denke gerne daran zurück.

Wie bist du nach Chile gekommen? Und wie nach Talca?

Bei einem Betriebsunfall in Wien leistete ich schwer verletzten Brandopfern Erste Hilfe und erhielt als Dankeschön einen Sonderbonus. Mit 23 Jahren gab mir das genug Sicherheit, um zu kündigen und auf Reisen zu gehen. Ich gab mir ein Jahr, dann wollte ich wieder zurück. Daraus sind dann viele Jahre des Reisens geworden. Ich war in über 50 Ländern als Reiseleiter unterwegs. Mein Leben hat sich dadurch natürlich total geändert.

Als ich nach einem langen Einsatz im Himalaya an einer Reiseleiterschulung in Deutschland teilnahm, lernte ich meine heutige Frau Kati kennen. Ein paar Jahre später packten wir unsere Rucksäcke und wanderten nach Chile aus. Das Geld reichte nur für ein Oneway-Ticket. Das spornt natürlich an, Erfolg zu haben, viele Jahre arbeiteten wir ununterbrochen. Auf einer langen Trekkingtour von Santiago bis Puerto Montt entlang der Anden sahen wir zum ersten Mal das für uns bis heute interessanteste Gebiet Chiles: Die Landschaft zwischen dem Vulkan San Pedro, dem Pellado und dem Vulkan Longaví kann man nur schwer toppen und für uns war klar wo wir leben wollten – in Talca.

Wie war es für dich, zum Honorarkonsul ernannt zu werden und was ist deine Haupttätigkeit?

Die Anfrage der österreichischen Botschaft, ob ich den Posten des Honorarkonsuls für die Region del Maule annehmen würde, kam unerwartet. Ich empfinde nach wie vor eine Art kollektiven Stolz im Namen der Arbeiterfamilien der 1960er und 1970er Jahre. Aus Filmen verbindet man den Aufstieg vom Tellerwäscher zum erfolgreichen Unternehmer eher mit den USA und nicht mit Österreich. In Maule leben nur wenige Österreicher, meine Tätigkeit als Honorarkonsul besteht überwiegend aus kulturellen, sozialen, aber auch umweltpolitischen Projekten und künftig sicherlich verstärkt in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Maule und Österreich.

Wie kam es zur Gründung der Stiftung Trekkingchile? Was sind eure Projekte?

Als Touristiker sind wir seit 30 Jahren Spezialisten für Reisen in Südamerika. Wir organisieren meist Gruppenreisen für deutschsprachige und vor allem naturinteressierte Touristen. Gemeinsam mit unseren Geschäftspartnern verwenden wir einen großen Teil unserer Gewinne, um Umwelt-, aber auch Sozialprojekte durchzuführen. Da wir keinerlei Gegenleistungen für die administrativen Kosten verlangen und unsere Finanzierungen offen legen, sind wir zwar eine kleine, aber sehr effektive Stiftung. 

Die Basis liegt auf dem Vertrauen der Spenderfirmen. Als Fundación Trekkingchile pflanzen wir jährlich tausende einheimische Bäume, unterstützen Behindertenheime, bilden örtliche Reiseleiter aus, führen eine Kinderfahrschule, sind stolz auf unser Umweltmuseum und haben unser eigenes 2.000 Hektar großes Naturschutzgebiet. Unser nächstes Projekt gilt dem Schutz der chilenischen Zwerghirsche, den Pudus, die besonders unter den Waldbränden zu leiden haben.

Wie sieht es in diesen Bereichen nach der Pandemie aus? 

Als Stiftung wurde uns schnell die Aufgabe zuteil, uns um Menschen zu kümmern, die mit den teils wirklich übertriebenen Maßnahmen gar nicht zurechtkamen.
Auf unserem acht Hektar großen Gelände der Lodge Casa Chueca wurden Wege für Rollstuhlfahrer angelegt, entlang der Wege Seile für Menschen mit Sehbehinderung gespannt und unser Museum mit Brailleschrift versehen. Selbst Patienten aus dem Hospiz, dem Sterbehaus, wurde es ermöglicht noch ein paar schöne Tage zu verbringen. 

Leider hat sich während der Pandemie auch das Spendenverhalten verändert. Firmen mit Sitz in Chile hatten nie großes Interesse an Unterstützung, leider haben nun auch europäische Spender ihr Interesse an chilenischen Problemen verloren. Natürlich freut es mich besonders, dass über einen Spendenfond der Mitarbeiter österreichischer Botschaften, aber auch von Seiten der Deutschen Botschaft kleine Projekte unterstützt werden.

Leider ist der Tourismus mit Reisegruppen in Chile noch immer nicht wirklich ins Laufen gekommen. Chile hat sich ja bekanntlich erst im Oktober 2021 dem Tourismus geöffnet. Da war der Zug aber bereits abgefahren, Länder wie Costa Rica haben dabei das Rennen gewonnen. Wir hoffen mit der nächsten Saison wieder in Chile unser Einkommen verdienen zu können. 

Der touristische Anteil am Bruttoinlandsprodukt in Österreich liegt knapp unter 20 Prozent, in Maule bei 1 Prozent – da ist noch viel Luft nach oben.

Wie geht es deiner Familie in Chile? Wie sind deine Bindungen nach Österreich?

Unsere beiden Söhne sind in Chile geboren, sprechen fließend drei Sprachen und fühlen sich in Chile zuhause. Wir haben ein kleines Haus nahe Salzburg, aber auf bayerischem Boden am wunderschönen Chiemsee. Während der Pandemie haben wir dort mehr Zeit verbracht als in Chile. 

Verreist du auch mit deiner Familie in den Ferien?

Unser ganzes Leben ist eine Reise und die genießen wir in vollen Zügen, stets mit Dankbarkeit..

Anmeldung zum Cóndor-Newsletter

Wir senden Ihnen den regelmäßig erscheinenden Newsletter mit unseren Textempfehlungen zu.

- Werbung -

Mehr Lesen

Porträt – Anne Traub Mödinger

Sozial engagierte Juristin  «Anstrengung wird immer belohnt» Die herausragende Karriere von...

XXXIII. Olympische Sommerspiele Paris 2024

Zum dritten Mal in der französischen Weltmetropole Stade de France Ein buntes Riesenspektakel an der...

Neues auf dem Plattenmarkt – Februar

Empfehlenswerte Klassikeinspielungen Zusammenstellung: Walter Krumbach

Man nannte ihn den «Salpeterfürsten»

Wie Federico von Martin aus Valdivia zum Unternehmer mit bahnbrechenden Ideen in der Wüste Tarapacá wurde. Friedrich von...