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jueves, 9. febrero 2023
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Über den Geistlichen Sebastian Englert und sein Wirken auf Rapa Nui

«Die Osterinsel war sein Zuhause»

«Habló nuestra lengua» – er sprach unsere Sprache, diese Worte stehen auf dem Grabstein von Pater Sebastian Englert. Die sterblichen Überreste des Kapuziners sind neben der Kirche in Hanga Roa auf Rapa Nui begraben.

Er hat unsere Sprache gesprochen – «Habló nuestra lengua», mit diesen Worten nahmen die Menschen auf Rapa Nui im Jahre 1969 Abschied von Sebastian Englert. Gut 33 Jahre lang hatte der Kapuziner auf der abgelegenen Osterinsel, über 3.500 Kilometer von der chilenischen Küste entfernt, gelebt und gearbeitet und seine Einflüsse dort sind bis heute noch zu sehen.

Englerts Grabbild

(red) Burghausen/Hanga Roa.  Aufgewachsen ist Anton Franz Englert, so sein Geburtsname, in Deutschland. Geboren am 17. November 1888 in Dillingen, wuchs Englert in Bayern auf. Dillingen, Burghausen und Eichstätt waren die Stationen seiner Kindheit. In Eichstätt machte er schließlich sein Abitur.

Im Jahr 1912 erhielt er seine Primiz als neugeweihter Priester, bereits Jahre zuvor war er dem Orden der Kapuziner beigetreten. Erste seelsorgerische Tätigkeiten führten ihn in den Wallfahrtsort Altötting und nach München. Er diente im Ersten Weltkrieg als Feldgeistlicher, war in Frankreich und Belgien eingesetzt. Auf eigenen Wunsch ging er 1922 in die Mission – und zwar nach Chile. Hier arbeitete er zunächst mit der indigenen Bevölkerung im Süden des Landes. So war er ab 1927 als Missionspfarrer in Villarrica tätig, 1930 ging er nach Pucón. Eine Einladung der Universidad Católica ermöglichte ihm Mitte der 30er Jahre eine erste Forschungsreise auf die Osterinsel. Die Insel sollte sein Zuhause werden. Ab 1937 wirkte er hier als Missionspriester, baute die erste Pfarrei der Insel auf und wurde deren erster Priester.

 Sebastian Englert (Museo Antropológico Padre Sebastian Englert)

Eben neben dieser Kirche liegt der Seelsorger heute nun begraben. Zwischen Palmen und Vulkangestein, mittendrin im kleinen Örtchen Hanga Roa. Die Kirche thront hoch oben auf einem Hügel, die Straße davor führt steil hinab zum Meer, an dem bereits die ersten  jener berühmten Moai-Figuren stehen, für die die Inseln heute so bekannt sind.

«Die Osterinsel war sein Zuhause», sagt Enrique Pakarati, «und er war der erste Geistliche, der kam und blieb. Die Menschen und die Kultur waren ihm sehr wichtig.» Er sei fasziniert gewesen von der Insel, von der Natur und vor allem von der Kulturgeschichte. Ihr sollte fortan seine Forschung gelten. Für Pakarati aber war Englert mehr als nur ein Seelsorger. Mit vier Jahren kam er als Scheidungskind zu Englert. Seine Adoptiveltern hatten sich getrennt, die Streitigkeiten führten dazu, dass Englert ihnen anbot, sich um den kleinen Jungen zu kümmern, die Adoptiveltern hatten ihn darum gebeten. Sechs Jahre lang war der Kapuziner wie ein Vater für ihn, erinnert sich Pakarati. «Es waren glückliche Jahre», sagt der Rapa Nui heute. «Vielleicht die besten meiner Kindheit.»  

Enrique Pakarati war der Ziehsohn von Sebastian Englert. Er kam mit vier Jahren zu dem Geistlichen. «Es waren vielleicht die besten Jahre meiner Kindheit.»

Er beschreibt ihn als sehr diszipliniert, sehr gläubig, sehr organisiert und sehr liebevoll. Jeden Tag erwartete er ihn an der Tür, half ihm bei den Hausaufgaben. Hand in Hand begleitete er ihn gerne durch die Straßen von Hanga Roa.

Heute erinnern eine nach Englert benannte Straße und vor allem das «Museo Antropológico Padre Sebastián Englert» an den Geistlichen. Die Anthropologie der Insel wurde sein Steckenpferd. Er erforschte – neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit – Sprache, Kultur und Geschichte der Insulaner. Veröffentlichte zahlreiche Bücher und erwarb sich große, internationale Anerkennung als Sprachforscher. Im Jahr 1963 erhielt er für seine Forschung das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und vom chilenischen Außenministerium den «Orden al mérito Bernardo O`Higgins» – ein Orden, der  Ausländern für Leistungen unter anderem auf dem Gebiet der sozialen und humanitären Zusammenarbeit verliehen wird. Sebastian Englert gilt als der Erste, nicht auf der Insel Geborene, der die gutturale Sprache Rapanui fließend sprach.

Enrique Pakarati

Für die Menschen vor Ort war er einfach «Te Toroa». Die Kordel, so der Spitzname des Priesters und eine Anspielung auf sein Habit mit brauner Kutte und einfacher Kordel als Gürtel. Das Museum würdigt ihn in einer Schrift, die anlässlich einer Ausstellung über ihn herausgegeben wurde, als eine der «wichtigsten Persönlichkeiten» in der Geschichte der Insel. Eine Würdigung, die auch kritische Seiten beleuchtet. «Ambilvalent» sei seine Rolle, heißt es in der Schrift weiter. Kritiker würden in ihm «einen autoritären Mann sehen, der nicht in der Lage war, die polynesische Lebensweise zu verstehen, was dazu führte, dass er versuchte, fremde, moralische Systeme durchzusetzen, die der Realität der Rapa Nui jener Jahre fremd waren», heißt es in dem Büchlein weiter.

Fremdenführer Roberto, einer jener vielen Rapa Nui, die heute Touristen über die Insel begleiten, findet einfache Worte hierfür: «Mag vieles gut sein, aber das erste was er getan hat, war, uns unsere Namen zu verbieten», sagt er. Christliche Namen sollten sie fortan nutzen. «Ich glaube, es ging ihm darum, die Kinder unter den Schutz der Heiligen zu stellen», versucht Ziehsohn Enrique Pakarati das Handeln seines Ziehvaters zu erklären.  «Licht und Schatten» seien bei jeder Person zu finden, heißt es auch in der Museumsschrift weiter. Unbestritten hingegen sei sein großer Einsatz um die Insel. Sein Bemühen um den Erhalt von Sprache und Kultur der Osterinsel. Seine Besorgnis um die Einwohner. So war er beispielsweise stets in Sorge, äußere Einflüsse könnte die reiche Kultur der Insel allzu schnell zerstören.

Das Museum und eine Straße in Hanga Roa sind nach dem Deutschen benannt, der über 30 Jahre auf Rapa Nui lebte.

Auf einer Vortragsreise durch die USA im Januar 1969 starb Sebastian Englert. Der damals zehnjährige Enrique Pakarati zog aufs Festland zu seinem Adoptivvater. Englerts sterbliche Überreste wurden nach Rapa Nui überführt und neben der Kirche am Hügel begraben. Zwischen Palmen und Vulkangestein verstummte damit ein großer Fürsprecher der Insel.

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