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jueves, 9. febrero 2023
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Chilenische Blume in freier Natur geortet

Sie war nicht ausgestorben

Carlos Fonck

Der deutsche Apotheker Friedrich Leybold entdeckte sie 1862 in den Anden, hoch über Santiago. Die Tecophilaea cyanocrocus, eine wild wachsende Pflanze, deren leuchtend blaue Blüte durch ihre einzigartige Form und Farbe sofort auffällt, galt seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts als ausgestorben – bis Carlos Fonck das Gegenteil bewies.

Die deutsche Bezeichnung der Tecophilaea cyanocrocus lautet Chilenischer blauer Krokus, in Chile wird sie azulillo oder crocus azul genannt.   

Während einer Bergwanderung oberhalb von Santiago entdeckte der Hobbynaturforscher Carlos Fonck im Jahr 2014 auf freiem Feld überraschend einige Exemplare. Wir haben ihn zu diesem Erlebnis und über die Folgen der Entdeckung befragt.

Seit wann war Dir die Thecophilaea cyanocrocus bekannt? 

Der Chilenische blaue Krokus lässt Naturliebhaberherzen höherschlagen.

Ich hatte keine Ahnung und noch nie von dieser Blume gehört, da diese Art seit den 1980er Jahren in keinem aktuellen chilenischen Flora-Handbuch mehr vorkommt.

Wie kam es, dass eine wild wachsende Pflanze plötzlich als bedroht und schließlich als ausgestorben erklärt werden konnte?

Sie wurde von einigen ausländischen Wissenschaftlern während ihrer botanischen Erkundungen im 19. Jahrhundert im Gebirge über Santiago in beträchtlicher Höhe entdeckt, als Chile noch sehr kolonial war. Sie brachen auf Eseln aus der kleinen Stadt Las Condes auf, stelle ich mir vor. Von dort schafften sie die Blume nach Deutschland und England, wo sie sehr beliebt wurde. Sie nahmen auch zahlreiche Knollen und Samen mit und so verbreitete sich die Art dort. 

Hier interessierte sich niemand dafür, und die chilenischen Botaniker des 20. Jahrhunderts unternahmen nie Expeditionen wie im 19. Jahrhundert – sie suchten immer in sehr niedrigen Gebieten danach, deshalb fanden sie die Blume nie und erklärten sie für ausgestorben. Die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts hinterließen keine genauen Hinweise darüber, wo sie zu finden sei. Ihr Verschwinden ist darauf zurückzuführen, dass niemand an der richtigen Stelle danach gesucht hat, wie mir Adriana Hoffmann und Melica Muñoz erzählten. Als sie jung waren, wurden sie beauftragt, die Hügel von La Dehesa und Lo Barnechea zu durchsuchen, die sehr niedrig sind. 

Schließlich meinte Roman Wygnianki, Assistent von Carlos Muñoz Pizarro, einem Amateur-Botaniker und Freund meiner Großmutter Luisa Balde de Fonck, der Frau von Fernando Fonck Sieveking, dass sie ausgestorben sei. Ich traf mich mit Ute Behn, Romans Nichte, die mir erzählte, wie er sie dazu brachte, die Hügel hinaufzugehen, um nach ihr zu suchen. Ich kannte Roman, seitdem ich ein Kind war, aus dem Haus meiner Großeltern. 

Die Hauptursache für den Rückgang und das Verschwinden der Blume waren die Hasen, die im 19. Jahrhundert in Chile eingeführt wurden, um arme Bauern mit einer Proteinquelle zu versorgen. Tatsächlich war die Restbevölkerung, die ich fand, wegen der Hasen im Begriff zu verschwinden – von neun Exemplaren, die 2014 registriert wurden, waren alle schwer beschädigt. Dazu war die ganze Gegend voller Hasenhöhlen.

Wann und wo hattest Du die überraschende Begegnung mit der Blume und stelltest fest, dass sie nicht ausgestorben war?

Im Jahr 2014 unternahm ich einen Naturforscherausflug auf über 2.000 Meter in den Ausläufern von Santiago und fand diese blaue Pflanze, eine Art, die ich nicht kannte oder die in den verfügbaren Büchern nicht beschrieben wurde. Wir haben nur zwei Blumen gesehen und sie fotografiert. Ich fing an zu recherchieren, schließlich sagte man mir an der Botanischen Fakultät der Universität von Chile: «Ihr Foto dieser ausgestorbenen Blume ist wunderschön, haben Sie es in europäischen Gärtnereien aufgenommen?» Mit der Rudolf Amandus Philippi-Stiftung zusammen habe ich ihre Vorgeschichte geschrieben, und wir haben eine botanische Abhandlung mit Maria Teresa Eyzaguirre Philippi veröffentlicht, die mich zum Fundort begleitet hatte.

Wie ist der Zustand der Blume? Hat sie in freier Natur gute Überlebenschancen?

Als ich bemerkte, dass die Hasen sie fraßen, brachten wir Hasenabwehrmittel der Anasac mit – das war jedes Mal ein vierstündiger Aufstieg mit Rucksäcken! Mit dem Regen verflüchtigte es sich – also kam ich auf die Idee, jede einzelne Blume mit einem Drahtkorb zu bedecken – irgendwann dachte ich, es hätte die Bestäubung verhindert – aber zum Glück waren es Schwebfliegen oder kleine Fliegen – so waren wir von anfänglich neun bis zwölf Individuen auf einer Fläche, auf 160 gekommen. 

Aber die Fläche und der Ort sind klein – höchstens 100 mal 100 Meter – und wir haben diese Höhe auf den Hügeln von Colina bis Rancagua zurückgelegt, und nichts gefunden. Alles spricht dafür, dass wir die letzten Individuen ausfindig gemacht haben. Nun wollen wir ein Wiederbepflanzungsprojekt durchführen, aber das erfordert Ressourcen, Netze zum Schutz vor Hasen und die Zusammenarbeit mit den Landbesitzern. Um dies umzusetzen, bin ich zurzeit damit beschäftigt, eine Stiftung zu gründen.

Die Fragen stellte Walter Krumbach.

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