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jueves, 1. diciembre 2022
Inicio Porträt Carsten Dietrich -  Deutscher Offizier in Chile

Carsten Dietrich –  Deutscher Offizier in Chile

Von Silvia Kählert u. Walter Krumbach

Nach Mauerfall mit Mut und Fleiß angepackt

Aus Sachsen nach Santiago: Keineswegs als selbstverständlich empfindet Carsten Dietrich es, am Generalstabslehrgang des chilenischen Heeres an der Academia de Guerra del Ejército in La Reina, dem Curso Regular de Estado Mayor, teilzunehmen. Der Oberstleutnant erklärt: «Ich bin in der ehemaligen DDR, in Riesa bei Dresden, aufgewachsen und war sechs Jahre alt, als die Mauer gefallen ist.» 

Carsten Dietrich saß am Tag des Mauerfalls mit seiner Oma vor dem Fernseher. Er werde nie vergessen, wie sie zum ihm bemerkte: «Nun gibt es keine zwei
Deutschlands mehr, sondern nur noch eins!» Die freudige, aufgeregte Stimmung habe ihm als kleinen Jungen zu verstehen gegeben, dass gerade etwas Besonderes geschehe.  

Es erschien vielen wie ein Wunder, doch nicht wenigen Menschen im Osten habe ein steiniger Weg bevorgestanden. Heute im Rückblick ist dem Sachsen klar: «Wir haben als Familie viel Glück gehabt!» Reihenweise seien damals die veralteten und unproduktiven DDR-Betriebe in Insolvenz gegangen: «Viele Ostdeutsche haben ihre Arbeit verloren. Meine Eltern waren mit Mitte 30 noch jung genug, um etwas Neues zu beginnen. Mein Vater hat selbst die Initiative ergriffen, gekündigt und sich als Ingenieur mit einem Versicherungsunternehmen selbständig gemacht.» Seine Mutter war Lehrerin und hatte in der DDR abgelehnt, in Moskau zu studieren. Sicherlich auch einer der Gründe, dass sie im wiedervereinigten Deutschland in ihrem Beruf vom Staat angestellt wurde.

«Meine Eltern sind meine Vorbilder: Mit Mut und Fleiß haben sie sich auf die neuen Bedingungen eingelassen.» Man dürfe nicht vergessen, dass «für die Ostdeutschen von einem Tag auf den anderen ein ganzes Wertesystem nicht mehr gültig war». 

Umso beeindruckender sei es, welche «gigantische Leistung» Ost- und Westdeutsche gemeinsam erbracht hätten: «Geht man heute durch Dresden, Rostock oder Schwerin, dann sieht man, wie wunderschön diese Städte geworden sind.» Das werde einem besonders bewusst, wenn man diese mit Orten wie zum Beispiel in Kasachstan  vergleiche, das Carsten Dietrich vor einigen Jahren besuchte. 

Auf der anderen Seite stellt er fest: «Klar, die Lebensverhältnisse haben sich weitgehend angepasst – doch viele Menschen konnten nicht von der Wiedervereinigung profitieren.» Laut Umfragen sind immer noch mehr als die Hälfte der Ostdeutschen der Meinung, dass die Unterschiede zwischen Ost und West größer sind als die Gemeinsamkeiten. Sein Fazit: «Es wird mindestens noch eine Generation dauern, bis wir wirklich zu einem Deutschland zusammengewachsen sind.»

Er persönlich empfinde eine große Dankbarkeit, dass er ein Jahr in Neuseeland verbringen und während seines Studiums an der Bundeswehrakademie in Hamburg in den USA studieren konnte. Das gelte auch besonders für den Lehrgang, den er nun an der chilenischen Kriegsakademie absolviert. Der Oberstleutnant ist im Rahmen eines Austauschprogramms nach Santiago gekommen: «Andere Länder schicken Stabsoffiziere nach Deutschland, damit sie an der Generalstabsausbildung teilnehmen, und umgekehrt schickt Deutschland in alle Welt Offiziere oder Stabsoffiziere, um an ausländischen Akademien teilzunehmen.» So geht regelmäßig ein Heeresoffizier an die Akademie des chilenischen Heeres und ein Marineoffizier an die Marineakademie nach Viña del Mar. 

Was nimmt Offizier Dietrich von dem Kurs in Chile für sich mit? «Vor allem ist es für mich eine persönliche Erfahrung, die natürlich den Horizont unglaublich erweitert», stellt er fest, «man lernt eine neue Sprache, man macht viele neue Freundschaften.» Außerdem erhalte man, eine andere Sicht auf die Dinge, die in Deutschland geschehen. Er habe beobachten können, «wie in anderen Ländern der Verkehr oder die Verwaltung organisiert werden» und sei begeistert wie Chile, das Land am Ende der Welt, viele Dinge gut und effizient regelt.

Der Lehrgang setze gute Sprachkenntnisse voraus, wie Carsten Dietrich feststellt: «Sprache ist das A und O für Integration und Zusammenarbeit. An der Bundeswehr macht man daher einen neunmonatigen Sprachkurs am Bundesprachenamt in Hürth bei Köln. Die ersten Wochen sind nicht einfach, denn zwischen dem Schulspanisch und dem gesprochenen Spanisch, zudem noch in Chile, besteht kein kleiner Unterschied – aber ich habe auch Chilenisch gelernt», lacht er, «und ich komme wirklich gut zurecht, was die Kommunikation im Alltagsleben betrifft.» Zusätzlich hat er bereits an der Universidad Católica ein Diplomado en Ciencias Sociales als Zweitbester abgeschlossen.

In seiner knapp bemessenen Freizeit versucht er, wann immer es geht, zu reisen. Die Atacama-Wüste und San Pedro de Atacama hat er bereits gemeinsam mit seiner Frau und seiner achtjährigen Tochter erkundet, die während der sächsischen Sommerferien zu Besuch kamen. An der Bundeswehruniversität hat er seine Frau kennengelernt, die heute übrigens den Dienstgrad Hauptmann innehat. Lebensmittelpunkt der Familie ist Dresden. 

Seine Berufswahl traf er früh: «Militär hat mich von Kindestagen an interessiert.» Es ist für ihn ein «wertegebundener Beruf», in dem sowohl Technik als auch Disziplin eine Rolle spielten. Und seine Entscheidung hat er nie bereut: «Ich fühle mich wohl mit dem, was ich tue. Der Soldatenberuf ist ja mit hoher Mobilität verbunden, sei es in Deutschland oder auch weltweit.» Kurz vor Neujahr wird Carsten Dietrich voraussichtlich Chile verlassen und an seine alte Dienststelle, das Kommando Heer im brandenburgischen Strausberg, zurückzukehren.  Das geliebte Dresden wird somit erst einmal warten müssen – was der mobile und reiselustige Mann gerne in Kauf nimmt..

Foto: Privat

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