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jueves, 1. diciembre 2022
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Mythen um den Gerstensaft

Von Christoph Flaskamp

Foto: Teo Musso/Baladin

Wenn nach der pandemiebedingten Pause die Oktoberfest-Fans sowohl in Deutschland als auch in Chile wieder durchstarten können, darf natürlich eins nicht fehlen: das Bier. Grund genug für Christoph Flaskamp, Craftbrauer, internationaler Bierverkoster und Autor des Buches «Cerveza: Cultura y Placer Milenario» (2021), einigen Mythen um das Bier auf den Grund geht.

Bier ist meistens hellgelb, mit viel Schaum, bitter und ohne viel Geschmack!

Nicht ganz wahr: In Chile (und ganz Amerika) war dieses einheitliche, langweilige Bier tatsächlich das praktisch einzige bis circa zum Jahr 2000, in Mitteleuropa, vor allem Deutschland, Belgien und Großbritannien zum Glück nie. Früher sprach man von Biersorten, und von denen gab es mindestens 30 verschiedene in Mitteleuropa; seit der Craft Beer Revolution in den USA, etwa 1980, spricht man von Bierstilen, und von denen gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt über 150, alle weitgehend unterschiedlich in Geschmack, Farbe und Alkoholgehalt.

Bier sollte man immer so kalt wie möglich trinken! 

Falsch: Gutes Bier darf nie eiskalt getrunken werden, weil dadurch der Gaumen betäubt wird und die Geschmäcker und Aromen sich nicht entfalten können. Grundsätzlich gilt: Je komplexer das Bier, desto wärmer die Trinktemperatur, zum Beispiel: Pils, Helles, Weizen, Witbier oder IPA bei 6 bis 7 Grad; Bock, Stout oder Scotch Ale bei 8 bis 9 Grad und Doppelbock, Barleywine, Quadrupel oder Imperial Stout bei 10 bis 12 Grad. Und nie aus gefrorenen Gläsern trinken, da das Eis am Glasrand kondensiert beziehungsweise schmilzt und das Bier verdünnt. 

Übrigens sollte man aus der Flasche Bier gar nicht trinken, da so die Aromen nicht wahrgenommen werden können, und der Geruch macht einen großen Teil des Geschmackserlebnisses aus.

Je dunkler das Bier, desto stärker ist es!

Falsch: Die Alkoholstärke des jeweiligen Bierstiles hat nichts mit dem Farbton zu tun. Es gibt pechschwarze Stouts von lediglich 4,1 Prozent wie das berühmte Guinness und kupferrote Münchner Dunkel von 4,8 Prozent – andererseits gibt es auch helle Doppelböcke oder Weizenböcke mit über 8 Prozent, zum Beispiel Weihenstephaner Vitus, oder Double IPAs (immer hell) über 9 Prozent. Natürlich sind viele dunkle Biere stark, zum Beispiel Imperial Stout oder dunkler Doppelbock, und viele helle Biere leicht, wie ein Helles oder ein Pils – aber das ist durchaus nicht die Norm.

Das Lagerbier ist das herkömmliche, helle Bier gegen den Durst – die Artesanales sind dunkler und stärker!

Nicht ganz wahr: Lager ist die untergärige Bierfamilie, die von den Bayern seit dem 15. Jahrhundert gebraut wird und seit dem Ende des 19. Jahrhundert in der ganzen Welt gebraut und am liebsten getrunken wird. Es gibt zahlreiche verschiedene Lager-Bierstile wie Bock, Dunkelbock, Dunkel, Märzen, Pils, wobei das meistverkaufte das helle Lager ist, daher der Mythus. Die andere große Bierfamilie sind Ales oder obergärige Biere, und die meisten Artesanales beziehungsweise Craftbiere werden obergärig eingebraut – das ist weniger kosten- und energieaufwendig, obwohl immer mehr Kleinbrauer sich auch an die untergärigen Lagerbiere wagen. Zu den Ales gehören Biere mit größtenteils fruchtigerem Geschmack, aber nicht unbedingt stärker oder dunkler, so wie Golden Ale, Pale Ale, IPA, Belgian Ales, Amber Ales, Bitter oder Porter und Stout.

Bier passt nicht zum Essen – da ist Wein viel besser!

Falsch: Es gibt viele Bierstile, die sich hervorragend zum guten Essen eignen, die Experten sagen sogar besser als Wein. Ein belgisches Saison zum Fisch, ein Doppelbock oder Barleywine zum Wild, ein IPA zur Empanada, ein Red Ale oder Rauchbier zum Asado oder ein Imperial Stout zur Schwarzwälder Kirschtorte: Das sind hervorragende Kombinationen, die den Geschmack des guten Essens noch mehr entfalten lassen. Der große Vorteil des Bieres gegenüber dem Wein ist die Kohlensäure, die beispielsweise das Fett und die Säuren des Grillfleischs ideal im Gaumen reduziert. 

Zum nächsten Asado empfehlen wir also ein gutes Craftbier, wie Jester, Granizo, Cuello Negro oder Tübinger – da liegt man nie falsch!

Die Aromen eines Bieres entfalten sich am besten in einem Glas, das sich nach oben öffnet – wie hier das sogenannte Teku-Glas, das 2006 in Italien speziell für die Bierverkostung designt wurde.

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