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sábado, 25. junio 2022
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Zum 350. Geburtstag des Zaren Peter I. der Große

Als Russland zur Großmacht wurde

Das Bild von Peter I. dem Großen wandelte sich mehrfach im Laufe der Geschichte. Einerseits galt er als der große Reformer und Modernisierer Russlands, der den Aufstieg des Zarenreichs zu einer europäischen Großmacht ermöglichte. Andererseits wurde er als ein zu sehr europaorientierter Herrscher angesehen, der die alten slawischen Traditionen verriet. 

Von der «zweiten Wahl» zum «großen Zar»

Als Sohn der zweiten Gemahlin des Zaren Alexei Michailowitsch stand der am 9. Juni 1672 in Moskau geborene Pjotr Alexejewitsch Romanov erst an dritter Stelle der Thronfolge. Alexeis Söhne aus der ersten Ehe hatten zunächst Vorrang. So bestieg nach dem Tod Alekseis (1678) Peters Halbruder Fjodor III. den Zarenthron. 

Der vierjährige Peter musste sich mit seiner Mutter Natalja Naryschkina in der Region Moskau niederlassen. Er war ein neugieriges, lebhaftes und sehr aktives Kind. Kindermädchen und Angestellte kümmerten sich um seine Erziehung und Bildung. Lesen und Schreiben sollten ihm aber auch später noch schwerfallen. Deutsch sprach er schon in jungen Jahren und beherrschte später dank seines hervorragenden Gedächtnisses Englisch, Niederländisch und Französisch. Er interessierte sich besonders für Mathematik und Schifffahrt und beschäftigte sich mit vielen Handwerkskünsten, darunter Waffenherstellung, Zimmerei und Drechslerei.   

Als Fjodor III. am 7. Mai 1682 im Alter von 20 Jahren starb, wurde die Palastgarde, die sogenannten Strelitzen, gegen die Familie von Peters Mutter aufgehetzt. Treibende Kraft war seine Halbschwester Sophia. Dieser Aufstand, der vielen Verwandten das Leben kostete,  machte die Strelitzen zu dauerhaften Gegnern Peters des Großen. 

Schließlich wurde Peter zum Zaren ausgerufen. Doch die aufrührerische Palastgarde erzwang die Mitregierung seines «schwachsinnigen» vier Jahre älteren Halbbruders Ivan V., wobei Sophia die Regentschaft an sich riss und bis zur Volljährigkeit Peters regierte. 

Peter interessierte sich zunächst nicht besonders für die Staatsangelegenheiten und verbrachte daher einige Zeit in Nemetskoaja Sloboda, im Nordosten von Moskau. Dort lernte er den Fleiß und die Lebensart der europäischen Handwerker zu schätzen. Er machte dort auch die Bekanntschaft seiner zukünftig engsten Mitarbeiter: mit dem Franzosen François Lefort und dem Schotten Patrick Gordon, Berater bei seiner späteren Militärreform. 

Am 8. August 1689 übernahm der 17-jährige Peter die Herrschaft und verbannte seine Halbschwester Sophia ins Neu-Jungfrauenkloster in Moskau. Er regierte nun bis zum Tod seines Halbruders Ivan V. (1696) faktisch bereits allein über Russland, allerdings mit tatkräftiger Unterstützung der Fürsten aus dem Bojaren-Clan seiner Mutter. Erst nach dem Tod seiner Mutter 1694 übernahm er selbst die Staatsgeschäfte. Eine seiner ersten größeren außenpolitischen Herausforderungen war die Sicherung des Zugangs zum Schwarzen Meer. Er ließ zu diesem Zweck eine kleine Flottille bauen und konnte 1696 die türkische Festung Asow einnehmen.    

Der Reformer, Modernisierer und «Europäisierer» Russlands

Zwar war Peter nicht der erste Modernisierer Russlands, denn sein Vater und Halbbruder Fjodor orientierten sich bereits nach Europa. Er aber trieb die Reformen in seiner 33-jährigen Regierungszeit entschieden voran. 

Prägend war seine mehrmonatige «Geheimreise» von 1697 bis 1698 nach Westeuropa. Dort knüpfte er wichtige Kontakte zu Staatsoberhäuptern. Entscheidend wurde seine Militärreform, die eine militärische Laufbahn vorsah. Ein Rekrutierungssystem wurde eingeführt und auch ausländische Soldaten zum Militärdienst zugelassen. Zudem wurde die Ausrüstung modernisiert.    

Zielstrebig leitete er auch Reformen in der Verwaltung des Landes ein, rationalisierte die Wirtschaftstätigkeit, verpflichtete Adel und Kaufleute, wichtige Industrien zu entwickeln, förderte den Bergbau, Hütten- und Schießpulverunternehmen, ließ Werften bauen und Manufakturen gründen. In Moskau wurde eine Artillerie-, Ingenieur- und Medizinschule eröffnet. Das 1703 gegründete Sankt Petersburg – ab 1710 Hauptstadt Russlands – sollte zur Vorzeigestadt des «zivilisierten» Russlands werden. Sie erhielt eine Akademie der Wissenschaften, die aber zunächst ihre Mitglieder vorwiegend durch Ausländer bestellte. 

Druckereien und die erste Zeitung des Landes wurden gegründet. An der «Wedomosti» (Nachrichten) arbeitete der Zar selbst manchmal als Chefredakteur mit. Auch das Kunstkammer-Museum (1714) und das öffentliche Theater gehen auf seine Initiative zurück. 

Seine Kirchenreform schränkte den Einfluss der Patriarchen auf die staatliche Politik in Finanz- und Verwaltungsangelegenheiten ein. Zudem stand nun die Ernennung des neuen Patriarchen dem Zaren zu. Er sorgte für eine gute Bildung seiner Truppen und führte die Schulpflicht ein, ebenso die «Kopfsteuer» zur Auffüllung der Staatskasse und ließ eine Währungsreform durchführen. 

Der Traum von der Großmacht Russland

1700 schloss Russland Frieden mit den Osmanen, nun aber orientierte sich die Politik des Zaren auf das Baltische Meer. Er wollte einen eisfreien Zugang zur Ostsee erlangen. Der Nordische Krieg (1700-1721) zur Eroberung der von Schweden besetzten baltischen Küste verlief zunächst wenig erfolgreich für Russland. Peter gab aber nicht auf und rekrutierte immer wieder neue Soldaten. Schließlich scheiterten die Schweden, als ihr Heer im Winter 1709 nach der Schlacht von Poltwa an Hunger und Kälte zugrunde ging – wie später dann auch die Heere Napoleons 1812 und Hitlers 1941/42. Russland ging schließlich als Sieger hervor und eroberte Livland, Estland, Ingermanland und Karelien. Für seinen Erfolg im Nordischen Krieg verlieh ihm der Senat am 2. November 1721 den Titel «der Große, Kaiser aller Reußen, Vater des Vaterlandes».

Durch seinen Feldzug am Kaspischen Meer von 1722 bis 1723 gegen Persien eröffnete Peter Handelsrouten nach Asien. Russland wurde nun auch eine Großmacht im Osten. In der Ära Peter des Großen wurden Omsk in Sibirien und Semipalatinsk in Kasachstan geründet sowie die Halbinsel Kamtschatka von Russland annektiert. Der Traum von der Großmacht Russland hatte sich erfüllt. Fortan war es nun ein Machtfaktor innerhalb der europäischen Politik. 

Peter der Große war aber auch cholerisch, rachsüchtig und gewalttätig. Auf Widerspruch und Widerstand reagierte er äußerst autoritär. In seinem Zorn legte er auch manchmal selbst Hand an, so gegen einen erneuten Aufstand der Strelitzen, die während seiner Reise in den Westen 1698 wiederum von Sophia aufgewiegelt worden waren. 

Das Erbe Peters des Großen

Peter starb am 8. Februar 1726 an den Folgen einer Rettung von Schiffbrüchigen, wobei er sich im kalten Wasser erkältete.  Die an den europäischen Staaten orientierte Modernisierung Peter des Großen führten zunächst seine Nachfolgerinnen fort: seine zweite Frau, die als Katharina I. von 1725 bis 1727 regierte, vor allem dann seine Tochter, die Zarin Elisabeth (1741-1762), und schließlich die «deutsche» Frau seines Großneffen Peter III., Katharina II. die Große (1762-1796).

Doch die Westorientierung blieb lediglich eine Phase in der russischen Geschichte, nach den beiden Weltkriegen verstärkte sich die Rückbesinnung auf das slawische Erbe. Annäherungen und Distanzierungen zwischen Russland und Europa, besonders auch Deutschland, hängen bis heute vor allem von der jeweils amtierenden Regierung ab. Die politische und kulturelle Orientierung wird von Oben entschieden.

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