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viernes, 7. octubre 2022
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Die siebte Fußball-Weltmeisterschaft 1962

Ein Sport-Weltereignis auf chilenischem Boden

Viele Leser stellen sich heute noch die Frage, wie Chile zu diesem Weltereignis kam. Es scheint einfach unglaublich, dass vor so langer Zeit ein kleines und unbedeutendes Land am Ende der Landkarte ein derart großes und weltumfassendes Turnier auf die Beine stellen konnte. Wer wusste von Chile? Nach 60 Jahren kann man eindeutig behaupten, dass Chile die siebte Fußball-Weltmeisterschaft vom 30. Mai bis 17. Juni 1962 würdevoll und mit sportlicher Höchstleistung durchgeführt hat. 

Heute würde man davon nicht mal träumen. Die Zeiten haben sich geändert und dieser Artikel wird ein Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen.

Im Jahr 1904 wurde der Fußball-Weltverband, die Fifa, ins Leben gerufen, nachdem sich der Fußball schon lange auf dem Globus verbreitet hatte. Wenige europäischen Länder waren bei dieser späten Gründung dabei und das erste große Ziel war die Austragung eines Fußball-Weltpokalspiels. 

Von England in die Welt

Dieser Punkt stand für Jahre immer ganz oben auf der Tagesordnung – doch vergeblich. Es fand sich nicht der passende Moment oder der Austragungsort – trotz großer Beliebtheit und Weiterentwicklung dieses Sports, besonders in England, wo man schon Turniere um Pokale spielte. 

Laut Wikipedia wurde um 1857 in Sheffield (im Norden Englands) der erste Fußballverein gegründet. Dieselben englischen Einwanderer brachten diesen Sport nach Chile, genauer gesagt nach Valparaíso. Die Hafenstadt beherbergte viele englische Immigranten und so kam es etwa 1890 zur Gründung des ersten chilenischen Vereins, dem «Valparaíso Football Club» – mit englischem Namen. Auf diese Weise kam der Fußball auf chilenischen Boden.

Der Traum des Weltpokals blieb unerfüllt – bis 1908 Fußball erstmals auf dem Programm der Olympischen Spiele in London stand. Das war der Anfang und Großbritannien gewann auch tatsächlich. Die Ballsportart wurde immer beliebter und verbreitete sich schnell weltweit. Auch in Südamerika wurde Fußball immer populärer, da Auswanderer die ersten Vereine in Südamerika, besonders in Uruguay und Argentinien, gegründet hatten. 

1914 brach der Erste Weltkrieg aus und Europa verfiel in Chaos und Zerstörung. Es musste Zeit vergehen, um sich von diesem Schreckensszenario zu erholen. 1920 fanden wieder die Olympischen Spiele in Antwerpen in Belgien statt, und der Fußball war wieder dabei. Gold ging an den Gastgeber. Vier Jahre später gelang der Durchbruch für Südamerika: Uruguay holte Gold in Paris und 1928 in Amsterdam. Das war der erste Schritt, um an einen Weltpokal zu denken. Dazu kam es endlich 1930 in Montevideo, Uruguay. Dort fand die lang erwartete erste Fußball-Weltmeisterschafft in Südamerika statt. Der Traum hatte sich endgültig erfüllt.

Uruguay war eine unschlagbare Elf, die sich zweimal Olympiagold holte und auch den ersten Weltpokal gewann. Die Organisation war nicht einfach, da nur vier europäische Länder teilnahmen und nur einige wenige aus Südamerika. Deutschland war nicht dabei, aber Chile war vertreten. Im Finale besiegten die «Urus» ihren Nachbar vom La Plata Fluss, Argentinien. 

Chile überzeugt

Wie es Wilhelm Busch treffend gedichtet hat: «Dieses war der erste Streich und der zweite folgt sogleich!» Alle vier Jahre sollten die Meisterschaften nun stattfinden, und 1934 war Europa mit Italien an der Reihe: Diese besiegten im Endspiel den Aufsteiger Tschechoslowakei.

Das WM-Abenteuer von Chile startete 1956 in Portugal, als der Weltverband beschloss, die Durchführung der siebten Fußball-WM 1962 an Chile zu vergeben. Die Bewerbung war umstritten. Südamerika war an der Reihe, denn von sechs Austragungen hatten vier auf der nördlichen Halbkugel stattgefunden. Brasilien hatte 1950 seine «geplatzte» WM, bei der das Land im Finale gegen Uruguay verlor. Jetzt ging es um Atlantik oder Pazifik: Chile oder Argentinien. Die Fußballvertreter Chiles klangen überzeugend und begeistert, sodass die Fifa auf Chile setzte, das schmale Land der Vulkane und der unendlich langen Küste. Stabil, vertrauenerweckend und berechenbar zeigte sich Chile, eines der kleinsten Länder, das je eine Fußball-WM ausgetragen hatte. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – so das Motto bei der Umsetzung.

Die Herausforderung war gigantisch: Ressourcen waren notwendig, der Staat und Private mussten mitwirken, Infrastruktur und moderne Stadien aufgebaut werden. Es waren sechs Jahre Zeit, um alles rechtzeitig fertigzustellen. Auch die Ligen und Vereine sollten verbessert werden, um eine gute Nationalmannschaft auf die Beine zu stellen. Fernando Riera, erfahrener Fußballtrainer, übernahm diese Aufgabe. Carlos Dittborn, Mitglied des Chilenischen Fußballverbandes, leitete das Organisationskomitee. 

Das Erdbeben

Doch es kam ganz anders. Im Jahr 1960 erlitt Chile die schwerste Naturkatastrophe aller Zeiten. Ein großes Erdbeben und ein Tsunami im Süden des Landes brachten Zerstörung, forderten über 1.500 Menschenleben und 2 Millionen Chilenen wurde obdachlos. Die Schäden waren unermesslich. Die Bevölkerung war erschüttert, und die Regierung musste neue Prioritäten setzen, Soforthilfe und Einsatz waren dringend notwendig. An eine WM war in dem Augenblick nicht zu denken. Aufgehoben oder nur verschoben? 

Dann kamen die entscheidenden Worte vom damaligen Präsidenten Jorge Alessandri: «Die Ausrichtung der siebten Fifa-Spiele ist eine nationale Angelegenheit Chiles und dabei bleibt es!» Die Botschaft war klar und deutlich. Vier Stadien (statt 16 vor dem Erdbeben) sollten Austragungsorte für alle Spiele sein: Arica, weit weg im Norden an der Grenze zu Peru sowie drei andere in Viña del Mar, Rancagua und das Estadio Nacional (Baujahr 1930) in Santiago, das für die WM-Spiele renoviert wurde. 

WM mit 16 Finalisten

Trotz aller Bedenken zeigte die Fußballwelt Interesse und über 50 Landesverbände folgten der Einladung zur siebten WM. Es kam zu umstrittenen Qualifikationsspielen, die fast auf allen Kontinenten erfolgten. Sogar in Afrika gab es Ausscheidungen, nur aus Australien/Ozeanien meldete sich niemand an. 

16 Finalisten ergatterten die Tickets nach Chile – mit einer Überraschung: Der amtierende Vizeweltmeister Schweden schaffte es nicht und Spanien nur knapp, nachdem es Marokko als Afrikavertreter ausschalten konnte. Aus Europa kamen außerdem die beiden ehemaligen Weltmeister Italien (1934 und 1938) und Deutschland (1954) sowie Bulgarien, England, Jugoslawien, Ungarn, die Schweiz, die Sowjetunion und die Tschechoslowakei. 

Als bisherige Weltmeister aus Lateinamerika waren Uruguay (1930 und 1950) und Brasilien (1958) dabei, außerdem Argentinien, Kolumbien, Mexiko und natürlich Gastgeber Chile. 

Am 30. Mai 1962 gab es den Anpfiff gleichzeitig in vier Stadien an vier verschiedenen Orten. Der Modus war: In vier Gruppen mit je vier Nationalmannschaften wurden die Viertelfinalteilnehmer ausgespielt. Anschließend ging es im K.O.-Verfahren weiter bis ins Finale. 31 Spiele waren insgesamt nötig, um den Sieger zu krönen.

Chile und Deutschland schafften es auch ins Viertelfinale. Jetzt ging es um alles. Wer verlor, war raus. Chile durfte in Santiago sein Glück mit starken Gegnern versuchen: Schweiz, Deutschland und Italien.

Gegen die Schweiz gewannen die stärkeren Chilenen mit 3:1. Dann kam es am 2. Juni zu einem der nicht wenigen umstrittenen und stürmischen Spiele dieser WM: dem aggressiven Vorrundenspiel des Gastgebers gegen Italien, das als «Schlacht von Santiago» in die Geschichte einging. Es gab zwei Platzverweise für Italien und einen Endstand von 2:0 für Chile. 

Beim Spiel Chile gegen Deutschland am 6. Juni verlor die chilenische Mannschaft mit 2:0. In Arica aber schaffte Chile am 10. Juni einen heldenhaften Sieg mit einem 2:1 gegen die UdSSR. Chilenische Spieler wie Jorge Toro, Eladio Rojas, Leonel Sánchez und andere wurden zu nationalen Idolen. 

Es gab aber auch ein anderes Wunder, das die Bevölkerung überraschte: die ersten Fußball-Übertragungen. Das neue Medium wurde während der WM in Chile eingeführt und eröffnete die Möglichkeit, die Spiele live zu verfolgen. Das war auch für mich der reinste Wahnsinn, denn die Chance, einen Platz im Stadion zu bekommen, war sehr gering.

Zwei lateinamerikanische Länder

Deutschland verlor gegen Jugoslawien und musste zurückkehren. Brasilien – ohne seinen verletzten Star Pele – besiegte England und traf auf Chile im Viertelfinale. Am 13. Juni zeigte der Weltmeister Brasilien alle seine Ballfähigkeiten und Spielraffinessen auf dem Rasen des Estadio Nacional und besiegte Chile eindeutig mit 4:2. Die Tschecheslowaken machten dasselbe mit Jugoslawien und zogen mit Brasilien ins Finale, das am 17. Juni 1962 stattfinden sollte. Es kam zu einem Fußballfest im Estadio Nacional.

Zwei verschiedene Fußballwelten trafen aufeinander: Brasilien holte sich innerhalb von vier Jahren seinen zweiten WM-Fußballpokal mit einem klaren Triumph gegen die Europäer. Chile, eher ein Unbekannter auf diesem Gebiet, gelang am 16. Juni ein überraschender und unvergesslicher Sieg von 1:0 um den dritten Platz gegen Jugoslawien. Die Welt staunte über diese Nachricht. Dieses ist und bleibt Chiles größter Fußball-Erfolg auf internationaler Ebene. Sechzig Jahre sind seither vergangen und ich bezweifele, dass dies sich so schnell ändern könnte. Die
22. Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 wartet schon auf ihre Teilnehmer, und Chile ist dieses Mal wohl nicht dabei.

Quellen: Friedrich Hack und Richard Kirn: VII. Fußball-Weltmeisterschaft, Chile 1962. Verlag: Bertelsmann-Lesering; Zeitung El Mercurio; Wikipedia; Weltverband Fifa

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