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domingo, 7. agosto 2022
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Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen feiert sein 50jähriges Jubiläum – Eine Bilanz

Von Dr. Ursula A. Vavrik

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, das vor 50 Jahren ins Leben gerufen wurde, hat einen bemerkenswerten Beitrag geleistet, um Politik und Gesellschaft in die richtige Bahn zu weisen. Ein Versuch, Bilanz zu ziehen und die wichtigsten Etappen und Erfolge zu kommentieren.

Graphik 1: Die neun Systemgrenzen der Erde (Stockholm Resilience Center, 2009)

Im Jahr 2021 waren Umweltagenden wie nie zuvor auf der globalen Tagesordnung und das Umweltbarometer steht mehr denn je auf «Sturm». Die Wissenschaft belegt zahlreiche desaströse Trends hinsichtlich der Zerstörung unserer Umwelt beziehungsweise unseres Planeten Erde. Bizarrerweise haben sich die Themen seit der Gründung im Jahr 1972 kaum geändert: Klimafragen, Biodiversitätsverlust, chemische Verschmutzung, Abfallreduktion und Nachhaltigkeitsbestrebungen bestimmen nach wie vor die politische Agenda, nur sind sie nun weitaus markanter und gravierender als zuvor. 

Timeline der größten Erfolge 

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) wurde mit dem Ziel gegründet, die Umweltsituation weltweit zu beobachten und zu messen, die Politik mit evidenzbasiertem Wissen zu informieren und deren Aktionspläne auf globale Herausforderungen im Bereich Umwelt zu koordinieren: Die Meilensteine sind sehr zahlreich, vor allem hat Unep einen wesentlichen Beitrag zur Schaffung vieler bedeutender internationaler Umweltkonventionen geleistet. Dazu zählen unter anderem Marpol – Prävention von Schiffsemissionen, 1973; Cites – Internationaler Handel mit wilder Fauna und Flora, 1973; Barcelona-Konvention – Schutz des Mittelmeers, 1976; Bonner Konvention – Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten, 1979; Konvention zu grenzüberschreitender Luftverschmutzung; 1979; Montreal Protokoll – Schutz der Ozonschicht, 1987, Basel Konvention – Gefährliche Abfälle, 1989; Stockholm Konvention – Persistent Organic Pollutants, 2001; etc.). 

Weitere wichtige Momente sind insbesondere:

1972: Gründung als Follow-up der UN-Konferenz über die humane Umwelt, Maurice Strong (CAN) wird als erster Direktor nominiert

1973: Etablierung der Headquarters in Nairobi, Kenia

1974: Erster weltweiter Tag der Umwelt, auch das Regionale Weltmeere-Programm wird lanciert, 1975 der Mediterrane Aktionsplan

1977: Mustafa Tolba (Ägypten) wird Unep Executive Director und prägt die Institution 17 Jahre lang.

1980: Strategie zur Erhaltung natürlicher Ressourcen verabschiedet 

1981: Dekade des «Wasser fürs Leben» beginnt.

1982: Annahme des Montevideo-Programms mit Prioritäten für internationale Gesetzgebung, das zu vielen Umweltkonventionen führt

1985: Unterzeichnung der Wiener Konvention zum Schutz der Ozonschicht, erstmals wird ein Abkommen von allen Staaten ratifiziert.

1987: Our Common Future Report wird publiziert.

1988: International Panel of Climate Change wird gegründet (IPCC).

1992: Konventionen zu Klimawandel beziehungsweise zur Erhaltung der Biodiversität werden unterzeichnet, Unced findet in Rio de Janeiro statt.

1994: Konvention zur Vermeidung von Wüstenbildung wird verabschiedet.

1999: UN Global Compact setzt neue Maßstäbe für die Businesswelt.

2000: Millennium Deklaration wird geboren.

2005: Millennium Ecosystem Assessment wird publiziert, ein Megareport, an welchem circa 1.500 Wissenschaftler mitarbeiteten.

2007: Klimapanel gewinnt Nobelpreis.

2008: UN-Redd (Reducing Emissions from Deforestation and from Forest Degradation) lanciert, gleichzeitig wird Unep carbon-neutral

2011: UN ruft die Dekade für Biodiversivität aus.

2015: Pariser Klimaabkommen und die UN-Nachhaltigkeitsziele werden unterzeichnet.

2018: IPCC publiziert ersten Bericht zu 1,5 Grad Klimaerwärmung.

2021-2030: UN-Dekade zu Ökosystem-Regenerierung wird ausgerufen, und auch jene für die Ozeane.

2021: Der UN-Menschenrechtsrat erklärt eine saubere, gesunde, nachhaltige Umwelt zum Menschenrecht.

Aktuelle besorgniserregende Trends 

Der Unep-Bericht von 2021 weist auf die neuen Erkenntnisse bezüglich der massiven Umweltbelastung durch nicht nachhaltige Arbeits- und Lebensweisen hin, was auch die Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele erschwert:

  • Düngemittel der Landwirtschaft produzierten mittlerweile mehr als 400 «tote Zonen» in Ozeanen, was einer Fläche von circa 245.000 Quadratkilometern entspricht (etwa Großbritannien und Irland zusammen)
  • Bis zu 400 Tonnen Schwermetalle fließen jährlich in die Ozeane und andere Gewässer und vergiften so die Nahrungskette
  • Natürliche Ressourcen sind vielfach übernutzt, zum Beispiel Ozeane überfischt, Land zu sehr versiegelt 
  • Marine-Plastikverschmutzung verzehnfachte sich seit 1980: Man spricht bereits von circa fünf «Teppichen» in der Größe von Deutschland oder Frankreich. 
  • Nur vier von 45 Megacities erfüllen die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation.
  • Bienensterben und Verlust anderer Insekten verursachen jährlich etwa 235.577 Milliarden USD Verluste bei der Nahrungsmittelproduktion
  • Verstärkte sozio-ökonomische Ungleichheiten drohen Fortschritte an nachhaltiger Entwicklung wieder zunichtezumachen und die weltweite Armut weiter zu verschlimmern: Vor allem ärmere Personen, Frauen und Kinder sind anfälliger in Situationen von verstärkter Umweltzerstörung und im Kampf um Ressourcen. 

Die Bilanz

Im historischen Rückblick sind die wohl wichtigsten Beiträge des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in der Lancierung der bedeutenden Anzahl internationaler Umweltkonventionen, Protokolle und Programme zu sehen. Nicht zu vergessen sind auch die wesentlichen Aktivitäten im Bereich nachhaltige Finanzierung. Ohne diese internationalen Verträge würde die Welt vermutlich eine noch viel gravierendere Umweltsituation zu beklagen haben. 

Angesichts der Tatsache jedoch, dass – wie auch von UN-Generalsekretär Guterres vielfach betont wurde – unser Planet Erde bereits existenziell bedroht ist, könnte man die Frage aufwerfen, was noch getan werden muss, um die Umwelt zu schützen, beziehungsweise ob das Umweltprogramm seiner Mission gerecht wurde. Hier könnte angeführt werden, dass internationales Recht oft nicht bindend genug ist, beziehungsweise keine oder kaum Sanktionsmöglichkeiten im Bereich Umweltrecht bestehen. Vielleicht könnte hier angesetzt werden. 

Weiterhin fällt auf, dass die Wissenschaft nicht nur drei Krisen wie Unep für die Erde sieht, sondern im Bereich der Forschung zu den Systemgrenzen der Erde neun solche beschreibt. Dies klingt noch dramatischer, als es das Umweltprogramm darlegt. Das neueste Umwelt-Aktionsprogramm der Europäischen Union zum Beispiel orientiert sich bereits auf eine Politik innerhalb der Systemgrenzen der Erde.

Der Stockholm Resilience Center ist mit seiner Forschung zu den Systemgrenzen des Planeten Erde weltweit federführend und eine Publikation von Stephan Lade 2019 zum Beispiel erklärt, dass von den neun planetaren Grenzen, sieben bereits überschritten seien (Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Stickstoff und Phosphorzyklen, Frischwasser und globaler Wasserzyklus, Übersäuerung der Ozeane, Landnutzung und Aerosole). Einzig die Ozonbelastung konnte durch internationale Vereinbarungen neutralisiert werden, während der negative Effekt durch Chemikalien/GMOs/usw. bislang in das Konzept noch nicht integriert wurde.

Landwirtschaft nimmt in diesem neuen Konzept eine Schlüsselfunktion ein, da eine nachhaltige Landwirtschaft ohne Chemikalien und Pestizide die System-grenzen nicht belastet und sich positiver auf Klimawandel, Biodiversität,  Stickstoff- und Phosphorzyklen, Wasserverbrauch und auch Gesundheit auswirkt als die konventionelle Landwirtschaft. 

Vielleicht könnte Unep auch in diesem Sinne die Komplexität und Interaktionen der verschiedenen Umweltproblematiken beziehungsweise Systemgrenzen noch mehr in den Mittelpunkt stellen, beziehungsweise neu betrachten und bewerten, um damit noch treffendere Maßnahmenpakete schnüren zu können..

Quellen: UNEP Report 2021, UNEP Strategy 2022-2025, UNEP 50 Achievements, UNEP Environmental moments, Planetary boundaries

Zur Person: 

Die gebürtige Österreicherin Ursula Vavrik ist promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin und Expertin für Europa- und Nachhaltigkeitspolitik. Seit 2009 leitet sie das New Ways Center for Sustainable Development.

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