11.1 C
Santiago
12.8 C
Berlin
martes, 27. septiembre 2022
Inicio Porträt Ursula Wyneken - Neurowissenschaftlerin

Ursula Wyneken – Neurowissenschaftlerin

«Gemeinsam wachsen wir täglich ein Stückchen mehr»

Eigentlich könnte sie schon in Rente sein, doch dafür liebt Ursula Wyneken ihre Arbeit zu sehr. An ihrem Arbeitsplatz an der Universidad de los Andes genießt die Professorin und Forscherin der Neurowissenschaften besonders das Mit- und Voneinanderlernen der Studenten und Lehrenden.

Seit 1996 forscht und lehrt die Neurowissenschaftlerin Ursula Wyneken nun an der Universidad de los Andes. Für ihre Forschungsarbeit zum Thema «Auswirkungen von mütterlichem Stress auf die neuronale Entwicklung des ungeborenen Kindes» wurde sie 2016 von der Banco Santander und El Mercurio gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Claudio Hetz aus der Universidad de Chile mit dem Wissenschaftspreis für Universitätsforschung ausgezeichnet. 

«Unsere Arbeit hat gezeigt, dass das Gehirn bei chronischem Stress nicht nur Hormone wie Cortisol freisetzt. Einige Nervenzellen produzieren auch bestimmte Moleküle, die im Falle einer Schwangerschaft die Entwicklung des Gehirns des Fötus beeinflussen können», erklärt Ursula Wyneken. «In unserer Forschung konzentrieren wir uns darauf, diese Moleküle zu identifizieren und die Auswirkungen auf andere Organe zu untersuchen. So haben wir gelernt, dass diese Moleküle bei Stress die Entzündung des Darmes stimulieren. Dagegen kann ein gesundes Gehirn durch eine unterschiedliche Zusammenstellung der Moleküle sehr positiv auf die Organe wirken.»

Ursula Wyneken wurde in Concepción geboren und verlebte die ersten zehn Jahre ihres Lebens im Kreise der Familie auf dem «Fundo El Tambillo» in einem ländlichen Umfeld. Der Vater war Landwirt, die Mutter Pharmazeutin: Zwischen diesen elterlichen beruflichen Polen wuchs Ursula Wyneken auf und wurde erst mit zehn Jahren in die Deutsche Schule in Concepción eingeschult – ihrem Alter gemäß direkt in die dritte Klasse. «Ich konnte damals nicht einmal lesen. Der soziale Umgang mit meinen Mitschülern und Lehrern war zunächst nicht leicht. Bis dato war ich sehr behütet aufgewachsen», berichtet die Wissenschaftlerin. Nach dem Schulabschluss sei sie dann direkt zur Universität gegangen. Ihr Umfeld habe ihr ans Herz gelegt, Medizin zu studieren, erzählt sie, doch sie hatte bereits ihre eigene Berufsvorstellung entwickelt: Sie wollte Biochemikerin werden. Grund dafür sei ihr tiefes Interesse gewesen, zu erforschen, wie die Biochemie des menschlichen Körpers funktioniert.

Sie studierte in Santiago an der Universidad de Chile und lebte während dieser Zeit im Haus der Mädchenschaft Erika Michaelsen. In ihrer Freizeit sang sie im Singkreis Arturo Junge. Nach ihrem Studium heiratete die frisch gebackene Biochemikerin und wurde Mutter von drei Töchtern. Sie erinnert sich: «Mein Mann wurde damals als Bauingenieur oft versetzt und wir zogen häufig um. Ich arbeitete nicht, sondern war ganz für meine Töchter da. In dieser Zeit konnte ich mir gar nicht vorstellen, meinen Beruf und die Kinder irgendwie unter einen Hut zu bringen.» Zurück in Santiago merkte sie jedoch schnell, dass dies sehr wohl möglich war. 

An der Universidad de Chile schloss sie zunächst ihren Master in Neurobiologie und dann den in Verhaltenswissenschaften ab, um anschließend in Biomedizinischen Wissenschaften zu promovieren. Ihr Doktorvater Fernando Orrego habe sie beruflich und persönlich sehr geprägt, stellt Ursula Wyneken fest. Hinzu kam, dass er an der Universidad de los Andes damals die Medizinische Fakultät gründete – die erste an einer privaten Hochschule. Ein innovativer, neuer Teil dieser Fakultät sollte ein Forschungsbereich für Neurowissenschaften werden. «Wir begannen damals mit einem Zimmer für unsere kleine Forschungsabteilung. Mittlerweile sind wir eine große Forschungsgruppe mit über hundert vernetzten Wissenschaftlern», berichtet die Professorin. Auch mit deutschen Kollegen aus dem Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg sowie der hiesigen Universität arbeite sie seit Ende der neunziger Jahre zusammen. Dafür habe sie immer wieder für einige Monate in Magdeburg gelebt. Eine Zeit, an die sie sich gerne zurückerinnert. 

Während der Pandemie sei die Lehre überwiegend auf den Onlineunterricht umgestellt worden. Die Kommunikation sei jedoch dynamisch geblieben, berichtet die Forscherin. Die Rückkehr in den Hörsaal habe die Studenten zum Aufblühen gebracht: «Die Motivation hat zugenommen und der persönliche Kontakt wurde nun umso mehr wertgeschätzt.» Abschließend bemerkt Ursula Wyneken: «Eigentlich könnte ich mit meinen 68 Jahren schon in Rente sein. Doch meine Arbeit und das Miteinander mit Kollegen und Studenten ist so bereichernd für mich, dass es mir schwerfällt aufzuhören. Gemeinsam wachsen wir täglich ein Stückchen mehr.» 

Über einen Mangel an Freizeit könne sie jedoch nicht klagen, schmunzelt sie. Die verbringt sie am liebsten mit der Familie, insbesondere mit ihren Enkelkindern. Außerdem reist und wandert sie gerne. Ihr Geheimtipp: Der südlich von Coyhaique gelegene Teil der Carretera Austral. Dort könne man noch wilde unberührte Landschaften entdecken, merkt sie an und ihre Augen strahlen dabei.

Anmeldung zum Cóndor-Newsletter

Wir senden Ihnen den regelmäßig erscheinenden Newsletter mit unseren Textempfehlungen zu.

- Werbung -

Mehr Lesen

Mythen um den Gerstensaft

Von Christoph Flaskamp Foto: Teo Musso/Baladin Wenn nach der pandemiebedingten Pause die Oktoberfest-Fans sowohl in...

Konzert der Acchal  – «Canto Por la Paz»

Von Jaime Pozo Der Chor Frohsinn beim Konzert am 28.August Die Agrupación Coral Chileno-Alemana (Acchal)...

Buch – Puyuhuapi

«Puyuhuapi war für mich als Kind ein Paradies» lectura: Die Autorin Luisa Ludwig und ihr Buch über die...