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viernes, 20. mayo 2022

Call me Señorita

«I love it when you call me Señorita», singt das Duett Shawn Mendes und Camila Cabello in ihrem Sommerhit 2019.  Eine Latino-Melodie, die stark an Partystrand und Abenteuer denken lässt. «Señorita» ist ein Wort, das immer seltener benutzt wird. Wenn ich das Wort höre, muss ich an meinen Großvater denken. Er war, wie viele Männer seiner Zeit, äußerst höflich. Er sah perfekt gekämmt aus, trug natürlich immer nur Hemd und lange Hose, roch nach einem diskreten Männerparfüm und seine Schuhe waren, wie seine Handschrift, makellos. 

Zu seiner Art gehörte es, dass er Frauen mit «Señorita» ansprach, egal ob es eine Verkäuferin, Angestellte, Stewardess, Lehrerin oder Krankenschwester war. Ich war oft mit ihm unterwegs (und ich liebte es). Nie erlebte ich, dass die angesprochene Dame sich deshalb aufregte oder ihn in irgendeiner Weise korrigierte. Für meinen Opa war das einfach seine höfliche Art, Frauen anzusprechen, deren Namen er nicht kannte. Darüber, dass immer eine Frau diejenige war, die sein Hemd perfekt bügelte, schien er sich keine Gedanken zu machen, geschweige denn über die Frage, ob jemand diese Anrede als ungerecht oder diskriminierend empfinden könnte.
Er wäre bestimmt überfragt gewesen. 

Er gehörte zu der Generation Männer, die aus dieser Welt schied, ohne zu wissen, wie man einen Tee oder etwa ein Ei kocht. Wie die Wäsche sauber wird oder wie man ein weinendes Baby beruhigt, gehörten zu den mysteriösen Fragen, auf die er keine Antwort gewusst hätte – oder gewollt hätte. Niemand nahm es ihm je übel. Aber er fragte auch nie eine Frau, ob sie einen Schrank reparieren könnte.

Anders als in Deutschland haben sich in Chile wenige Menschen mit dem Wort «Señorita» beschäftigt. Es gab höchstens Frauen, die sich ärgerten, wenn sie als Señora angeredet wurden, das mit «alt sein» verbunden wurde. Damals gab es noch nicht Jennifer Aniston und den Trend, dass «die 50-Jährigen die neuen 30-Jährigen» sind. 

Wenn ich meinem Opa erzählt hätte, dass in Deutschland das Wort Fräulein von einem Ministerium offiziell außer Gefecht gesetzt wurde, hätte er das nicht verstanden. Genauso wenig hätte er nachvollziehen können, warum Jahre später im Fernsehen gezeigt wurde, wie junge Frauen in der Nähe von La Moneda zusammen eine Performance lieferten. Sie tanzten und sangen zusammen, weil sie unter anderem auf die mangelnde Gleichstellung von Mann und Frau in Chile aufmerksam machen wollten. 

Die Welt verändert sich eben, auch in Chile. Bei uns wurde das Wort «Señorita“ nicht abgeschafft und die Debatte darum, ob Frauen arbeiten sollen, ist kein Thema mehr. Aber wehe, wenn sich ein Schulleiter in seiner Rede, nur an die Schüler und nicht an die Schülerinnen wendet. «Bürger und Bürgerinnen» ist mittlerweile für jeden Politiker (und Politikerin??) eine etablierte Form der Anrede. Einige fordern sogar, dass von «todos», «todas» und «todes» gesprochen wird. An dieser Stelle muss ich ehrlich sagen, dass mir das ein bisschen zu weit geht und mich auch akustisch nicht wirklich überzeugt. Muss ich mir demnächst um die Zukunft der «niñes» Sorgen machen?  

Dass die Sprache sich wandelt, ist mir klar. Meine erste Linguistikdozentin an der Universität, Frau Dr. Cox, betonte immer «die Sprache lebt». Nicht nur feministische, sondern auch queere Gruppen plädieren immer stärker dafür, dass die Diversität sich in der Sprache widerspiegeln sollte. Aber kann man solche tiefgreifenden Veränderungen aufzwingen? Warum sollte ich demnächst dem Arzt über die Probleme meiner «cuerpa» berichten? (Laut vieler Feministen ist das spanische Wort für Körper, «cuerpo», maskulin, man sollte also auch «cuerpa» sagen dürfen.) 

Manchmal beneide ich meinen Großvater, weil er sich zu seiner Zeit mit solchen Fragen nicht beschäftigen musste. Es heißt, wenn man sich Veränderungen widersetzt, ist das ein Zeichen dafür, dass man alt wird – hoffentlich ergeht es mir dabei wie Jennifer Aniston.

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