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domingo, 7. agosto 2022
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Der Erste Weltkrieg und die europäischen Gemeinschaften in Chile

Zwischen Vaterlandsliebe und Existenzsicherung

Juan Luis Carrellán promovierte im Fach Geschichte und ist derzeit Professor an der Universität Córdoba in Spanien.

Juan Luis Carrellán veröffentlichte am 30. Dezember 2021 den wissenschaftlichen Beitrag «La movilización en tiempos de guerra. Los voluntarios alemanes en Chile durante la Primera Guerra Mundial: reacciones y problemas». Jaime Tijmes fragte den Geschichtswissenschaftler, wie sich der Erste Weltkrieg auf die deutsche Gemeinschaft, aber auch auf die anderen europäischen Gemeinschaften in Lateinamerika und insbesondere in Chile ausgewirkt hat.

Welche Folgen hatte der Erste Weltkrieg auf die lateinamerikanischen Gesellschaften?

Die Auswirkungen des Krieges waren für Lateinamerika im Allgemeinen und vor allem auch für Chile von großer Bedeutung. Man darf nicht vergessen, dass sich seit dem 19. Jahrhundert alle lateinamerikanischen Länder an Europa orientierten und ihre Wirtschaften eng mit dem europäischen Kontinent verbunden waren. 

Seit dem 19. Jahrhundert verkaufte Chile beispielsweise seinen gesamten Salpeter an europäische Länder und war auf Kredite europäischer Banken angewiesen. Als der Krieg begann, wurden diese wirtschaftlichen Beziehungen unterbrochen: Die Salpeterbergwerke wurden geschlossen und Tausende Arbeiter entlassen.

Wie erlebten die aus Europa stammenden Immigranten oder deren Nachfahren in Chile den Ersten Weltkrieg?

Menschen aus verschiedenen europäischen und am Krieg beteiligten Ländern «bekriegten sich» in Chile gegenseitig. Die diplomatischen Vertretungen der kriegführenden Länder riefen zur militärischen Mobilmachung auf und einige Männer gingen an die Front. Diejenigen, die blieben, organisierten die Nachhut in Chile und schickten Geld für den Krieg nach Hause. Außerdem kümmerten sie sich um die Familien derjenigen, die an die Front gegangen waren. Auch in den Medien gab es einen «Krieg» um die Propaganda der jeweiligen anderen Seite.

Hat der Erste Weltkrieg die Haltung der Chilenen gegenüber den europäischen Einwanderern verändert?

In Chile haben die chilenischen Behörden seit dem 19. Jahrhundert eine Vorliebe für Europäer und Europa – vor allem für deutsche Einwanderer. Daher versuchten sie, Deutsche anzuwerben, um sich in Chile niederzulassen und eine «Zivilisation» zu schaffen, die mit der der nordeuropäischen Länder vergleichbar war. 

Es gab jedoch mehrere Schwierigkeiten: Eine davon war, dass Chile keine große Anziehungskraft auf Einwanderer aus Europa ausübte. Die Deutschen zogen es vor, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Dies veranlasste den chilenischen Staat, in verschiedenen europäischen Städten Kolonisationsagenturen einzurichten, um die Anwerbung von europäischen Einwanderern nach Chile zu fördern. Außerdem wurden nach und nach auch andere Nationalitäten, wie Spanien, Frankreich und Italien, akzeptiert. Diese positive Haltung gegenüber den Europäern und Europa erlitt während des Ersten Weltkriegs einen Bruch – zum einen aufgrund der Folgen des Krieges, zum anderen durch die Entwicklung des chilenischen Nationalismus, der sich während der Feierlichkeiten zur hundertjährigen Unabhängigkeit Chiles herauszubilden begann. Jedoch ist Europa immer ein Bezugspunkt für die chilenische Gesellschaft geblieben.

Bei den Volkszählungen in Chile war die Zahl der aus Europa stammenden Einwanderer beziehungsweise deren Nachfahren im Vergleich zur übrigen Bevölkerung und im Vergleich zu Argentinien, Uruguay oder Brasilien nicht sehr hoch (4,3 Prozent im Jahr 1907, 3 Prozent im Jahr 1920). Hat dieser geringe Anteil die Reaktion der Immigranten auf den Ersten Weltkrieg beeinflusst?

In Chile gab es nur wenige Einwanderer, da das Land nicht wie andere lateinamerikanische Länder ein Schwerpunkt der Massenmigration war. Die europäischen Gemeinschaften waren jedoch sehr wichtig, da sie im Bergbau, der Schifffahrt, dem Bankwesen, den Importunternehmen und so weiter wesentliche Teile der Wirtschaft kontrollierten.

Der Ausbruch des Krieges hatte zur Folge, dass diese Firmen in vielen Fällen ihre normale Tätigkeit einstellten, da es sich um Niederlassungen anderer Unternehmen mit Sitz in Europa handelte und ihre Aktivitäten einen Bezug zu Europa hatten. Diese Situation beeinträchtigte die chilenische Wirtschaft im Allgemeinen.

Die im Vergleich zu anderen Nachbarländern geringe Zahl von Europäern bedeutete aber auch, dass der Beitrag der für den Krieg mobilisierten Menschen und die Entsendung von Wirtschaftsgeldern geringer war als in anderen Ländern.

Welche Parallelen und Unterschiede gab es zwischen den verschiedenen Gruppen von Immigranten in Chile während des Ersten Weltkriegs?

Die Dynamik aller beteiligten Gemeinschaften (hauptsächlich Briten, Franzosen und Deutsche) war ähnlich. Diplomatische Vertreter riefen zur Mobilisierung für den Krieg und zur Organisation der Nachhut auf.  Die meisten Immigranten reagierten positiv. Hierfür gab es im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens war es in Europa die Zeit des aufkommenden Nationalismus, und diese Begeisterung war auch bei den europäischen Migranten in Übersee zu spüren. Es war die Zeit der großen Kolonialreiche, der militärischen Rivalität und eines Sozialdarwinismus. Es wurde angenommen, dass der Krieg nur wenige Wochen dauern würde. Deshalb war die Rekrutierung so schnell und erfolgreich. Zweitens waren die Europäer in Chile hoch angesehen und mussten diesen Ruf in irgendeiner Weise «bewahren», indem sie ihr Heimatland im Krieg unterstützten.

Die Unterschiede bestehen in den Bedingungen, wie diesem Ruf nachgekommen worden ist. Die Deutschen waren dabei im Nachteil. So wurden die von den chilenischen Zeitungen genutzten Telegrafenkabel und Nachrichtenagenturen von britischen und französischen Unternehmen kontrolliert. Außerdem konnten zum Zeitpunkt der militärischen Mobilmachung die Deutschen nicht mit Schiffen unter britischer Flagge, die in Chile im Einsatz waren, nach Europa fahren. Es wurden auch schwarze Listen von Unternehmen erstellt, die Deutschen gehörten oder mit Deutschland Handel trieben, um sie wirtschaftlich zu unterdrücken. 

Vor allem für die in Chile lebenden Franzosen hatte die militärische Mobilmachung bedeutende Folgen. Doch es gab auch Widerständige, die sich weigerten, dem Ruf des Vaterlandes zu folgen. Diese «Insumisos» verloren ihre Staatsangehörigkeit und riskierten eine Gefängnisstrafe, wenn sie nach Frankreich zurückkehren sollten. Auf den Hauptplätzen in ihren Heimatstädten wurde eine Liste mit den Namen der Franzosen ausgehängt, die sich nicht hatten mobilisieren lassen. In Chile wurden sie außerdem von ihren Landsleuten verachtet und ausgeschlossen.

Im Falle der Deutschen in Chile war die Situation noch schwieriger, denn in den Zeitungen wurde ein negatives Deutschlandbild verbreitet und Unternehmen von Deutschen wurden boykottiert. Ich habe keine Informationen über die «Insumisos» in der deutschen Gemeinschaft, aber ich nehme an, dass sie unter einer sehr ähnlichen Situation wie die Franzosen litten. 

Es war jedenfalls einfacher für sie, sich zu rechtfertigen, nicht an die Front zu gehen, da die Reise an die Front wegen des Boykotts der britischen Schifffahrtsgesellschaften von Chile aus kaum möglich war. Es gelang nur denjenigen an die Front zu kommen, die mit chilenischen Pässen von Argentinien und anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten aus reisten.

Es wurden mehrere Institutionen gegründet, um die Interessen der deutschen Gemeinschaft in Chile zu vertreten, wie zum Beispiel der Deutsch-Chilenische Bund im Jahr 1916. Haben andere ausländische Gemeinschaften in Chile ähnliche Institutionen gegründet?

Die Franzosen und Briten gründeten genau wie die Deutschen Vereine, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft fördern und eine bessere, einheitliche Reaktion auf Probleme ermöglichen sollten. So sollte die Gemeinschaft kontrolliert und mit Stärke und Solidarität bei Problemen unterstützt werden. Es gab Vereine, deren Ziel es war, Familien zu helfen, deren Familienoberhaupt im Krieg war, aber auch Witwen und Waisen. Andere Institutionen versuchten, ihre Interessen gegenüber dem Staat und der chilenischen Gesellschaft im Allgemeinen zu verteidigen. In jenen Jahren wurde zum Beispiel auch die britisch-chilenische Handelskammer gegründet.

Warum verzeichnete die Volkszählung von 1920 einen Rückgang der Zahl der Deutschen in Chile?

Viele Deutsche nahmen wahrscheinlich die chilenische Staatsangehörigkeit an, da sie sonst große Schwierigkeiten bekamen. Da es für viele kaum möglich war, an die Front zu gehen um Deutschland zu verteidigen, hatten sie keine andere Wahl, als in der Nachhut zu helfen, aber ein deutscher Bürger zu sein, hatte seine Probleme. Sie wurden aus den Unternehmen entlassen, weil sie sonst als Kollaborateure mit Deutschland gebrandmarkt worden wären und niemand mehr mit ihnen Handel treiben wollte. Das heißt, um die eigene Existenz zu schützen, mussten sie darauf verzichten, im Sinne ihrer nationalen Identität aktiv zu werden.

Welcher Forschungsbedarf besteht noch zur Geschichte der Deutschen in Chile?

Ich denke sehr viel. Die Geschichtsschreibung über die Migration in Chile ist sehr umfangreich. Doch im Allgemeinen konzentriert sie sich darauf, wie viele Personen es waren, wo sie lebten, was sie arbeiteten und welche Verbindungen sie hatten. Es gibt viele Aspekte ihres sozialen und politischen Lebens, die es noch zu analysieren gilt. Solche Studien sind die Grundlage für weitere Kenntnisse über diese Gemeinschaft. Ohne sie sind wir nicht in der Lage, etwas über die übrigen Aspekte zu erfahren, die meiner Meinung nach auch untersucht werden sollten.

Was halten Sie als Wissenschaftler von der Bibliothek Emilio Held, die der Deutsch-Chilenische Bund unterhält?

Es ist eine großartige Institution, die viele wichtige Informationen über die deutsch-chilenische Gemeinschaft zusammengetragen hat. Es wäre schön, wenn mehr Forscher diese Informationen nutzen würden, um mehr Kenntnisse über die Geschichte der Deutschen und Deutsch-Chilenen in Chile zu gewinnen.

Jaime Tijmes ist Professor an der Universidad de La Frontera. Er promovierte in Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen und ist ehemaliger DAAD-Stipendiat.

Zur Person:

Juan Luis Carrellán promovierte im Fach Geschichte und ist derzeit Professor an der Universität Córdoba in Spanien.  Er war Dozent an der Universidad de La Frontera (Temuco) und gewann ein Fondecyt-Projekt über die Reaktionen der europäischen Gemeinschaften auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.  Der Fondo Nacional de Desarrollo Científico y Tecnológico (Fondecyt) der chilenischen Regierung fördert Forschungsprojekte zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung. Einer der Forschungsschwerpunkte des Historikers sind die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die chilenische Gesellschaft.

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