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domingo, 3. julio 2022
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Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann

Mit Geschäftssinn, Genie und Fantasie zum Entdecker Trojas

Als Entdecker des sagenumwobenen Trojas erlangte Heinrich Schliemann Weltruhm. War die Archäologie auch seine Leidenschaft, so blieb er doch vom Wesen stets ein Geschäftsmann:  Einerseits erfolgsorientiert und ein großer Selbstdarsteller, andererseits voller Ehrgeiz, seinen Kindheitstraum umzusetzen.

Brillanter Kaufmann

Als Johann Ludwig Heinrich Julius Schliemann kam er am 6. Januar 1822 als fünftes von neun Geschwistern im mecklenburgischen Neubukow zur Welt. Sein Start ins Leben war nicht einfach:

Sein Vater war ab 1823 Pastor in Ankershagen. Aufgrund unter anderem wegen seiner Trunksucht wurde er 1837 vom Dienst suspendiert, konnte das Schulgeld seines Sohnes nicht mehr zahlen und Heinrich konnte nicht sein Abitur machen. Nach dem Tod der Mutter im Februar 1831 zog Heinrich Schliemann zeitweilig zum Onkel nach Kalkhorst. Von 1834 bis 1836 besuchte er die Realschule in Neustrelitz und begann nach seinem Abschluss eine fünfjährige Ausbildung zum Handelsgehilfen in einem Krämerladen in Fürstenberg. 

Mit 19 Jahren reiste er über Rostock nach Hamburg und beschloss nach Venezuela auszuwandern. Als er aber mit der Brigg «Dorothea» vor der holländischen Küste Schiffbruch erlitt, suchte er in Amsterdam eine Anstellung und begann als Bürobote zu arbeiten. In dieser Zeit erlernte er autodidaktisch Englisch, Französisch, Spanisch, Holländisch, Italienisch und Portugiesisch. Von 1844 bis 1845 war er Buchhalter und Korrespondent bei der Handelsfirma B.H. Schröder & Co. in Hamburg. Nun erlernte er zusätzlich die russische Sprache.  Im Jahr 1846 schickte ihn das Unternehmen nach St. Petersburg, wo er eine Zweigstelle gründen sollte. Hier begann sein Aufstieg als Geschäftsmann. Schon im folgenden Jahr eröffnete der 25-Jährige sein eigenes Handelshaus. Er wird russischer Staatsbürger und ließ sich in die Gilde der Großhändler einschreiben. 1852 heiratete er die Kaufmannstochter Jekaterina Petrowna Lyshina, mit der er drei Kinder hatte. 

Grundlage seines sozialen Aufstiegs waren hohe Gewinne aus dem Verkauf des Salpeters zur Schießpulverherstellung für den Krim-Krieg. Zudem versorgte er die Textilindustrie mit dem Färbemittel Indigo und handelte mit Gold in den USA. Auch im Immobiliengeschäft war er erfolgreich. Er investierte privat in 270 Wohnungen und anderen Immobilien in Paris, Indianapolis und Berlin, oft in besten Lagen. Er wird ein wahrer Kosmopolit, erlernte noch Schwedisch, Dänisch, Polnisch, Slowenisch, Neu- und Altgriechisch und Latein. Insgesamt soll er in seinem Leben 20 Sprachen beherrscht und zwölf fließend gesprochen haben. Mit 39 Jahren war Schliemann weltweit tätig und gehörte zeitweise zu den reichsten Männern Europas.

Auf den Spuren Homers

Mit 42 Jahren zieht er sich endgültig von den Handelsgeschäften zurück und unternimmt Reisen nach Ägypten, Indien, China, Japan sowie Nord- und Mittelamerika. Von 1866 bis 1870 studierte er an der Sorbonne in Paris Philologie, Philosophie und Literatur und unternimmt größere Bildungsreisen. 

Nun beginnt er sich mehr und mehr seiner wahren Leidenschaft zu widmen: die Suche nach den Königspalästen der homerischen Dichtungen. Seit seiner Kindheit hatte ihn eine Abbildung der brennenden Stadt Troja in der «Weltgeschichte für Kinder» fasziniert. Und seitdem schlummerte die Sehnsucht in ihm, einst diese Stadt auszugraben, so erklärte er später seinen Drang zur Archäologie.

  

Das kleinasiatische Troja, dann Mykene und Orchomenos auf dem griechischen Festland werden von ihm ausgegraben. Während die traditionellen Archäologen die Dichtungen Homers weitgehend als überhöhte Legenden betrachteten, wollte Schliemann sich mit den Werken Homers und einem Spaten in den Händen als autodidaktischer «Archäologe» auf die Suche jener sagenhaften Stätten machen. Die Ausgrabungen wurden klug kalkulierend und effizient durchgeführt. In St. Petersburg hatte er bereits den Ruf eines «schlauen» und «durchtriebenen» Kaufmanns erworben, wie er seinem Vater in einem Brief berichtete.

Zunächst aber musste er bürokratische Hürden und Rückschläge überwinden, um seinen Jugendtraum zu verwirklichen. Eine erste Erfahrung, im August 1868, wird zur Enttäuschung. Ausgrabungen in der Troas-Ebene bei Pinarbasi in der Westtürkei erwiesen sich als Strapaze wegen des sehr harten Bodens. Er musste nach einigen Tagen eingestehen, dass «hier niemals eine Stadt existiert hat». 

Er kehrte vorübergehend wieder ins Geschäftsleben zurück, verlässt dann seine Familie in seiner russischen Wahlheimat, wird US-Bürger, um sich von seiner christlich-orthodoxen Frau scheiden lassen zu können. Zuvor wählte er aus drei zugesandten Fotografien eine griechische Frau aus. Der 47-Jährige entscheidet sich für die 30 Jahre jüngere Sophia Engastromenos, Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Athen. Zwei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Seine griechische Frau teilte mit ihm die Begeisterung für Homer und so werden sie zum «Dream-Team» der modernen Archäologie. 

Zusammentreffen mit Frank Calvert

Im August 1868 lernt Schliemann in der Hafenstadt Canakkale den britischen Amateurarchäologen Frank Calvert kennen, der als US-Konsularagent dort residiert. Calvert war ebenfalls ein Troja-Narr und meinte zu wissen, wo die Stadt lag: unter dem unscheinbaren Hügel Hisarlik in der Ebene vor dem Idu-Gebirge. Calvert hatte bereits die Hälfte des Areals gekauft. Schliemann war nun entschlossen, dort zu graben, jedoch verzögerte sich die offizielle Grabungslizenz der osmanischen Behörden um drei Jahre. 

Seine Grabungsmethode entsetzte die damaligen Altertumsforscher. Auf Erfolg besessen lässt Schliemann radikal bis auf den Grund des Erdhügels graben. Sein unbekümmertes Vorgehen bei seinen ersten Grabungen in Hisarlik hat Schliemann viel Kritik unter Archäologen eingebracht. Es wurden verschiedene Siedlungsperioden durch das Abräumen römischer, hellenistischer und mykenischer Schichten zerstört. Viel wertvolles Fundmaterial endete so als Steinschotter am Rande des Grabungsgebiets. Brände, Erdbeben und Kriegszerstörungen kennzeichnen diese Siedlung am Schnittpunkt mehrerer Handelsstraßen. Schliemann konnte neun Besiedlungsschichten ausmachen, heute unterscheiden die Forscher sogar rund 50 «Siedlungshorizonte», die sich über 3.000 Jahre vom Urgrund bis ins Mittelalter hinziehen. 

Später änderte er seine Methoden grundlegend und er begann die Funde sorgfältig zu erfassen. Er hat jeden Topf, jede Schale und jeden Ornamentstein akribisch auf Zeichnungen erfasst und in seinen umfangreichen Grabungstagebüchern festgehalten. Auch die Fotografie als neuartiges Dokumentationsmittel kam zum Einsatz. Ein Problem war seine fixe Idee, das Troja des mythischen trojanischen Königs Priamos zu finden. Um spektakuläre Ergebnisse zu erzielen, ließ er es an wissenschaftlicher Aufrichtigkeit fehlen. 

Sein Ziel schien ihm im Mai 1873 erreicht: In sieben bis zehn Meter Tiefe stieß er auf eine rot-braune Schicht, die er prompt mit der «verbrannten Stadt» des Priamos identifizierte. Im «Haus des Priamos» legte er dann hinter einem «großen kupfernen Gegenstand» den langersehnten Goldschatz – über 15 Kilogramm – frei. Goldene Becher, eine kugelförmige Goldflasche, ein Becher mit zwei Henkeln, eine Vase mit dem berühmten Goldschmuck von 56 Ohrringen, sechs Armbändern und 8.750 weiteren Einzelteilen grub er an einem einzigen Tag aus.

Die Fundstücke wurden in Körben ins Landhaus von Calvert transportiert und später im Diplomatengepäck diskret außer Landes geschafft. Neben dem bedeutenden Goldfund hatte er gut 10.000 Keramiken und Scherben aus der pre-hellenischen Zeit geborgen. Nach heutiger Erkenntnis stammt das Gold-Gepränge aus der frühen Bronzezeit, also etwa tausend Jahre vor der mutmaßlichen Regentschaft des Priamos.    

Das Erbe des Archäologen  

1874 unternahm er Versuchsgrabungen in Mykene. Im selben Jahr führte er einen Gerichtsprozess um den trojanischen Schatz, der mit einer Einmalzahlung ans Osmanische Reich von 50.000 Franken endete. Zwischen 1875 und 1876 folgen Vortrags- und Museumsbesuche durch Europa, zudem Grabungen in Italien (Alba Longa), Sizilien (Motye) und die Entdeckung der fünf Schachtgräber in Mykene mit der berühmten «Maske des Agamemnon». Von 1880 bis 1886 fanden Grabungen in Orchomenos statt. Am 26. Dezember 1890 starb Schliemann in Neapel an den Folgen einer Ohrenoperation. 

Auch wenn seine Methoden anfangs als unfachmännisch angesehen wurden, gilt er heute als Wegbereiter der Archäologie als Feldarbeit. Bis dahin hatten lediglich Schatzsucher wertvolle Einzelobjekte ausgegraben und es hatte noch keine Kenntnisse über seriöses archäologisches Arbeiten gegeben. Schliemann war der erste, der eine systematische Freilegung eines Grabungsareals vornahm.

Weitere Verdienste sind seine zahlreichen Publikationen, mit denen Schliemann das Interesse der Öffentlichkeit an der Archäologie weckte. Seine Berichte über die Zusammenhänge zwischen Tiryns, Mykene und Kreta rückten diese Stätten erst in das Bewusstsein der Geschichtswissenschaft. In Fachkreisen ist Schliemann daher heute als «Vater der mykenischen Archäologie» anerkannt.

Rudolf Virchow, mit dem ihn eine lange und tiefe Freundschaft verband, schrieb über ihn: «Wer würde so große, durch lange Jahre fortgesetzte Arbeiten unternommen, so gewaltige Mittel aus eigenem Besitz aufgewendet, durch eine fast endlos scheinende Reihe aufeinandergehäufter Trümmerschichten bis auf den in weiter Tiefe gelegenen Urboden durchgegraben haben, als ein Mann, der von einer sicheren, ja schwärmerischen Überzeugung durchdrungen war? Noch heute würde die gebrannte Stadt in der Verborgenheit der Erde ruhen, wenn nicht die Fantasie den Spaten geleitet hätte.»

Unter anderem trägt das Heinrich-Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften der Universität Rostock den Namen Schliemanns. Sein Elternhaus in Ankershagen beherbergt seit 1980 das Heinrich-Schliemann-Museum und in Neubukow informiert die Heinrich Schliemann-Gedenkstätte seit 50 Jahren über den berühmten Sohn der Stadt und stellt Originalfunde aus.

Anlässlich seines 200. Geburtstag wird im Museum für Vor- und Frühgeschichte im Charlottenburger Schloss vom 13.5. bis 6.11.2022 die Sonderausstellung zu «Schliemanns Welten» gezeigt..  

Zu Lektüre empfohlen: Dieter Hertel, Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. 3. Aufl. München: Beck 2008. 

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