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domingo, 25. septiembre 2022
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Die zweite Weihnacht als Auslandsstudent in Deutschland

«Freunde ist hier das Schlüsselwort»

In Pandemiezeiten Weihnachten weit weg von Zuhause – die beiden Studenten Guillermo Union und Francisco Flores vermissen ihre Familien in La Unión. Doch nach anderthalb Jahren in Münster kommen sie gut in ihren Studiengängen Chemieingenieurwesen und Elektrotechnik zurecht und vor allen Dingen: Sie haben Selbstvertrauen und gute Freunde gewonnen.

Wie erlebt ihr Weihnachten in Deutschland? 

Guillermo: Naja, für mich ist es schon die dritte, denn ich war ja schon 2018 auf dem Schüleraustausch über Weihnachten in Deutschland. Letztes Jahr haben wir dann mit einigen wenigen Kommilitonen in unserem Studentenwohnheim gefeiert. Es herrschte ja schon Pandemie. Dieses Jahr gibt es bei uns in Münster Weihnachtsmärkte, in anderen Städten wurden sie aber auch abgesagt. Ich fahre dieses Jahr über die Feiertage zu meiner ehemaligen Gastfamilie, zu der ich immer noch ein ganz herzliches Verhältnis habe.

Francisco: Für mich ist es tatsächlich erst die zweite – ich bin bei Freunden eingeladen. Hier in Steinfurt ist allerdings sowieso nicht sehr viel los, du musst schon nach Münster fahren. Dort sind zahlreiche Weihnachtsmärkte und die Stadt ist sehr festlich dekoriert. Man kann schön feiern, viele Traditionen kennenlernen, von denen man vorher in Chile doch meist nur gehört oder gelesen hatte.

Und wie entwickelt sich euer Studium?

Francisco: Für mich war das erste Semester eine echte Feuertaufe: neue Sprache, Quarantäne, der schwierige Studiengang Elektrotechnik – da kam alles zusammen! Aber das zweite Semester lief viel besser. In Präsenz ist alles einfacher zu verstehen, die eigene Arbeit zu Hause motiviert viel mehr. Und vor allem habe ich gute Freunde gefunden und bekomme auch viel Hilfe. 

Guillermo: Bei mir alles super! Die Grammatik hat mich in den Laborberichten gequält, aber da bin ich durch. Mein Deutschlehrer hat mir eine Weiterbildung im Passiv verabreicht, die sich gewaschen hat! Im Labor schreibst du alles im Passiv – und das ist kompliziert im Deutschen! 

Ich arbeite schon als Korrektor im Fachbereich Mathematik und ab dem nächsten Semester als Tutor. Also, es geht vorwärts; aber wer ernten will, muss säen. Einfacher wird es also nicht, nur schwerer!

Gibt es auch Startschwierigkeiten, die sich nach einem Jahr nivellieren, und andererseits neue Stolpersteine?

Guillermo: Ich habe doch heute den Eindruck, dass ich Grammatik und Aussprache um ein Vielfaches besser im Griff habe. Aber es fehlt immer noch hier und da. Aber das Zutrauen ist viel mehr da. Das erste Semester war schwer. Durch die Online-Klassen kam man kaum in Kontakt mit Kommilitonen. Das war ernüchternd: Man kam hoch motiviert in ein neues Land und dann hast du nur vorm Bildschirm gesessen – kaum persönlicher Kontakt und die Hochschule kanntest du fast nur von außen…

Francisco: Ja, aber du hattest in Chemie wenigstens viele Praktika im Labor in Präsenz. Für mich als Elektrotechniker hieß es, zu Hause bleiben und arbeiten. Ich fand das auch besonders hart, gerade erst neu in Deutschland angekommen. Aber das wussten wir schon, als wir Mitte 2020 gegangen waren! Sonst gibt es kaum Probleme, die man mit etwas mehr Arbeit und Zeit nicht löst. 

Konntet ihr schon eure Familien besuchen, wie schwer wiegt das Heimweh?

Francisco: Das war ein Krampf! Ich kam vor einigen Monaten zu Besuch nach Chile! Die Reise war problemlos, aber die Einreise und Weiterreise nach Südchile sehr kompliziert. Am Flughafen herrschte Chaos, meine beiden Impfungen – obwohl als solche in Chile anerkannt – haben mir eine Quarantäne nicht erspart, weil ich in Europa geimpft wurde! Und die Kontrollmaßnahmen schienen mir in Chile wenig logisch. Ich war froh, als ich endlich bei meiner Familie in La Unión ankam. 

Guillermo: Ich konnte bisher noch gar nicht nach Hause reisen. In Chemieingenieurwesen hatten wir einige Praktika in den Ferien – da war daran gar nicht zu denken. Und auf die Klausuren im September musste ich mich auch besonders gut vorbereiten. Dazu schrieb ich meine ersten Laborberichte – die Zeit war lehrreich, aber kein Zuckerschlecken!

Ich werde aber aller Voraussicht nach im Februar oder März nach Chile kommen – insofern die Beschränkungen das dann zulassen – planen kann man da immer noch auch aus Deutschland nicht sehr viel.

Und die Corona-Maßnahmen an euren Unis, wie gut fühlt ihr euch da aufgehoben – in Sachen Sicherheit und fachliche Qualität des Studiums?

Guillermo: Wir sind ja beide an der Fachhochschule Münster. Da gibt es nichts zu bemängeln. Es gab ein flexibles Konzept und die Uni gleicht immer wieder die Maßnahmen an, kommuniziert aber sehr gut. Jetzt gibt es volle Hybrid-Klassen, alle Praktika laufen zudem in Präsenz, die Labore sind offen – an der Stelle sind wir sehr dankbar und glücklich. 

Über Weihnachten circa 14.000 Kilometer von euren Familien getrennt, kommt da Wehmut auf?

Francisco: Verschweigen sollte man das nicht, nein, es gibt schon Phasen von Traurigkeit. Aber in der Mehrheit sind die doch sehr kurz. Und man kriegt Aufmunterung von Freunden! Für mich sind die schwierigen Zeiten die Feiertage in Chile und Deutschland, und dieses Jahr auch der Schulabschluss meines kleinen Bruders an der DS La Unión. Da fehlt dir etwas, das kriegst du nie zurück! 

Guillermo: Ja, genau, es gibt Höhen und demzufolge Tiefen. Aber das weißt du, bevor du dich für ein Auslandsstudium entscheidest! Ich war und bin immer zufrieden. Freunde ist hier wirklich das Schlüsselwort. 

Und von unserer Schule waren schon einige in Deutschland im Studium, mit Kai und Nicolas nun seit dem Sommer noch zwei mehr – in Hamburg und Leipzig! Es ist einfacher, wenn du dir manchmal bewusst machst, dass du da nicht allein durchgehst. Aber was mir am meisten fehlt, ist das Baumschmücken mit meiner Familie; so nostalgische Momente, die du erst richtig zu schätzen lernst, wenn sie dir halt auch mal fehlen.

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