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viernes, 7. octubre 2022
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Rudi Haymann – Innenarchitekt und Zeitzeuge

«Es gibt nichts Schlimmeres, als Flüchtling zu sein»

Rudi Haymann

Kibbuz in Palästina, Soldat im Zweiten Weltkrieg, britischer Geheimdienst, Innenarchitekt in Chile – Rudi Haymanns berufliche Laufbahn spiegelt sein bewegtes Leben wider. Durch seine Autobiografie «Más allá de las fronteras» wurde das Schicksal des jüdischen Mannes, der mit 16 Jahren vor den Nazis fliehen musste, in Chile bekannter.

Auch mit 100 Jahren lässt es sich Rudi Haymann nicht nehmen, der Besucherin einen Kaffee zu servieren. Nur dass er schon etwas kalt wurde, stört den freundlichen Mann. Im Wohnzimmer seines Hauses in einer ruhigen Seitengasse nahe der Plaza Italia stehen Familienfotos und hängen Gemälde verschiedener Epochen. «Die Kunst hat uns immer interessiert», meint er. Seine Frau Beatrice ist vor drei Jahren gestorben. Zurzeit lebt bei ihm einer seiner drei Enkel. Die jüngste Tochter Dalia Haymann ist die Leiterin des Museo Interactivo Mirador in Santiago und Tochter Liora ist Architektin. Als junger Mann ist sein Sohn Guideon mit dem Flugzeug verunglückt. Rudi Haymann erzählt ruhig, gelassen und mit einer gewissen Abgeklärtheit von seinem Leben. Deutsch zu sprechen, falle ihm schwer, was man aber nicht wahrnimmt.

Geboren und aufgewachsen ist Rudi Haymann in Berlin. Er war elf Jahre alt, als Hitler an die Macht kam und für seine Eltern Ludwig und Luise eine Welt zusammenbrach: «Meine Vorfahren kamen 1795 nach Berlin. Mein Vater, meine Mutter, meine Onkel und Tanten – alle fühlten sich als „gute“ Deutsche. Mein Onkel hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg sein Bein verloren.» Mit der Regierung der Nazis begannen Diskriminierung und Gewalt, später die Deportation und Tötung der Juden in Deutschland. So jung er noch war, Rudi suchte nun seinen eigenen Weg. Im Zionismus, der einen jüdischen Staat im heutigen Palästina forderte, fand er eine neue Identität. «In unserer jüdischen Bewegung sprachen wir auch über Sozialismus und so kam ich auf die Liste der Gestapo.» Als seine Eltern hörten, dass er in ein Kibbuz gehen wollte, seien sie alles andere als erfreut gewesen. Doch der junge Mann hatte einen starken Willen. Ein Kindertransport der zionistischen Bewegung brachte den 16-Jährigen ins britische Palästina, wo er in einem Kibbuz in der Region Galilea zu arbeiten begann. «Es war von den äußeren Bedingungen her die Hölle», stellt er fest, «Wir lebten jahrelang in Zelten auf dem Erdboden. Die Temperaturen lagen zwischen 42 und 48 Grad.» 

Ein ganz neuer Lebensabschnitt begann nach dem Einmarsch der Deutschen in Afrika, wo sich Rudi mit weiteren 22.000 jungen jüdischen Männern und 3.000 Frauen für das britische Heer freiwillig rekrutieren ließ. Ab 1943 arbeitete er als britischer Spion und schließlich nach dem Krieg beim britischen Geheimdienst. 

1948 traf er endlich seine Eltern und seine Schwester Hildegard in Chile wieder. Es war ihnen 1939 gelungen, drei der Visa zu erhalten, die Chile unter dem Präsidenten Pedro Aguirre Cerda an 10.000 Juden vergeben hatte. «Meine Eltern sind in Chile sehr freundlich empfangen worden. Die Aufnahme in einem Land zu dieser Zeit war ein Privileg!»

Nicht möglich war es allerdings für seinen 55-jährigen Vater gewesen, im Ankunftsort Valdivia oder in Puerto Montt oder Osorno wieder seine Arbeit als Apotheker aufzunehmen. «Juden wollen wir hier nicht» war ihm von Beginn an von Deutsch-Chilenen klargemacht worden. «So kam meine Familie nach Santiago und mein Vater arbeitete schließlich 16 Jahre lang in der Farmacia Centro de Ñuñoa. Meine Mutter versuchte mit Handarbeiten zum Haushalt beizutragen, auch wenn dies durch die vom Stress immer schlimmer werdende Arthritis sehr erschwert wurde.» Damals sei es viel schwieriger als heute gewesen, sich in der chilenischen Gesellschaft zu integrieren: «Wir haben uns meistens mit Juden befreundet, die so wie wir aus Deutschland geflüchtet waren.» Vor allem für seine Eltern sei es eine harte Zeit gewesen: «Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Flüchtling zu sein, gezwungen zu sein, sein Heimatland zu verlassen und ohne Mittel neu zu beginnen.»

Rudi Haymann lernte seine Frau kennen, die ebenfalls mit ihrer jüdischen Familie aus Berlin flüchten musste. Beruflich sei er «ein Self-Made-Man» gewesen: «Nach dem Krieg war ich als Zeichner für Landkarten tätig. So bewarb ich mich in Chile bei einem Architekten, wo ich vier Jahre arbeitete.» Als einer der ersten Innenarchitekten in Chile machte er sich dann erfolgreich selbstständig.

In Deutschland war er noch zweimal: zuerst 1968 beim Besuch seiner ehemaligen Volksschule Levetzowstraße in Moabit in Berlin. Dort erzählte er den Kindern, wie es ihm als jüdischer Junge in der Nazizeit als Schüler ergangen war. «Die Jungen und Mädchen waren sehr beeindruckt», bemerkte er. Ihn persönlich habe sehr bewegt, «dass jedes der Kinder im Schulhof einen Ziegelstein für eine Mauer setzte, auf der ein Name stand, an den sie damit erinnern wollten. Ein Junge legte auch einen Stein mit meinem Namen». Im Jahr 1999 besuchte er mit seinen Enkeln Deutschland, um ihnen zu zeigen, wo er aufgewachsen war.

Rudi Haymann hält seit fünf Jahren mithilfe des Museo Interactivo Judío in Santiago Vorträge als Zeitzeuge. Nun ist er dabei, für das Deutsche Migrationsmuseum Dokumente zu sammeln wie die Briefe, die seine Eltern und er in den zehn Jahren der Trennung geschrieben hatten. Da das 2017 gegründete virtuelle Museum die Inhalte über das Internet zur Verfügung stellt, sind also bald auch in Chile diese bewegenden Dokumente der Familie Haymann zugänglich.

Foto: Silvia Kählert

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