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Wald, Wasser und Erholung

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Über unsere Wälder und ihren Wert (Teil 5)

In Zeiten, in denen in Chile – von Nord nach Süd zunehmend – ganze Land-
striche vertrocknen, und eine verfassunggebende Versammlung ernsthaft um eine gerechtere Verteilung des kostbaren Gutes «Wasser» ringt, ist es wichtig, auch den Zusammenhang zwischen Wald und Wasser genauer zu betrachten.

Es muss hier zunächst noch einmal wiederholt werden, dass der Wald, wie alle Vegetationsdecken unserer Welt, Wasser verbraucht, und nicht gerade wenig. Er geht damit nur besonders sorgsam um. Zunächst fängt das Blatt- und Ästewerk der Baumkronen zwischen 15 und 40 Prozent des mit den Niederschlägen herabfallenden Wassers beziehungsweise Schnees auf und hindert es daran, bis zum Boden zu gelangen. Ein Teil wird dann aus den tropfnassen Kronen wieder in Form von Direktverdunstung an die Atmosphäre zurückgegeben. Ein anderer Teil tropft durchs Kronendach oder läuft an Ästen und Stämmen herab. Der weitere Verlauf hängt vor allem vom Landschaftsrelief ab, also von den Hangneigungen, auf dem der Wald steht, denn dadurch wird der Anteil des abfließenden Oberflächenwassers bestimmt. Was nicht oberflächlich davonrauscht, versickert in Streu und Boden. Und davon entziehen die Baumwurzeln einen beträchtlichen Teil und leiten ihn stammaufwärts zur Stoffproduktion in die Blätter, wo ein Teil durch die Blattporen verdunstet und damit vor Überhitzung schützt. 

Gleichgewicht

Manche Waldtypen verbrauchen mehr, manche weniger Wasser, sei es durch geringere Dichte ihres Kronendachs, Laubabfall und Kahlzustand für einige Monate im Jahr oder geringere Stoffproduktion. So hat jede Landschaftszone von Natur aus die Waldbedeckung sowie die Pflanzen-, Tier- und Menschenpopulation, die sie sich wasserhaushaltsmäßig «leisten» kann.

Greift nun der Mensch ein und etabliert großflächig eine an dieses Gleichgewichtsniveau unangepasste Pflanzendecke, so stört er den Wasserhaushalt der Landschaft und dessen Nutzungsmöglichkeiten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Landschaftsteile, die von Natur aus mit an ein mediterranes Klima angepassten sogenannten Hartlaubwäldern bedeckt waren, im Laufe der Zeit zum Teil in Extensivweiden umgewandelt worden sind und hier großflächig schnellwüchsige Kiefern- oder Eukalyptusplantagen angelegt werden. Das haben Wissenschaftler der Universidad Austral, die in Chile als Wiege der Forsthydrologie gelten kann, aber auch brasilianische und südeuropäische Forscher längst nachgewiesen. In einer entsprechenden Gegenüberstellung von solchem extensiv genutzten Weideland gegenüber einer Radiatakiefernbestockung wies Huber zum Beispiel nach, dass die für den Wasserhaushalt maßgebende Versickerungsrate von Nord nach Süd im chilenischen Längstal unter Kiefern nur 5 Prozent (Palhuén, Maule), 24 Prozent (San Ignacio, BioBio) und 17 Prozent ( Porvenir, Araucanía) des gefallenen Niederschlags betrugen, während im Weideland entsprechend 51 Prozent, 67 Prozent und 52 Prozent verzeichnet wurden.  

Bestockungsdichte

Auch die Auswirkung der Bestockungsdichte als wichtiges Kriterium des Waldbestandes wurde untersucht und gibt Hinweise auf die Anpassungsmöglichkeiten der Forstwirtschaft an den Wasserhaushalt einer Landschaft. In einem Versuch, in dem eine Radiatakiefern-Pflanzung mit 1.250 Bäumen pro Hektar einer weniger dichten mit 750 Kiefern gegenübergestellt wurde, fingen die Baumkronen der dichteren Bestockung von insgesamt 965 Millimeter Jahresniederschlag 408 Millimeter auf, und diejenigen der weniger dichten Bestockung 347 Millimeter. Außerdem «verbrauchten» die 750 Bäume nur 450 Millimeter, während die 1.250 Kiefern dem Boden 565 Millimeter entzogen. Das ergibt zusammengenommen einen Minderverbrauch von 175 Millimeter pro Hektar pro Jahr (175 Liter pro Quadratmeter im Jahr) allein durch die geringere Dichte bei der Aufforstung. 

Ähnlich wirkungsvoll ist es, wenn ein Waldbesitzer Roble oder Raulí statt Pino oregón anpflanzt, denn diese Nothofagusarten sind winterkahl, während Koniferen ganzjährig ihre Benadlung behalten. Der Unterschied manifestiert sich im Winter, wenn es in Chile am meisten regnet. Da fangen nämlich die Roble/Raulíkronen nahezu überhaupt kein Wasser auf, während die Nadelbaumkronen dies unverändert weiter tun. Bei Jahresniederschlägen von 1.000 Millimeter macht das einen Unterschied von 8 Prozent, das sind 80 Liter pro Quadratmeter, auf den Hektar hochgerechnet also 800.000 Liter! In ebenem Gelände können diese in den Boden einsickern, im Hügelland würde dieser Vorteil der winterkahlen Bestockung wegen einer gewissen Menge von Oberflächenabfluss etwas geringfügiger ausfallen.

Während dieses Oberflächenwasser sich auf seinem Weg mit Schmutzpartikeln aller Art anreichert, durchläuft das Sickerwasser im Waldboden viele Filterschichten und erwirbt dabei einen hohen Reinheitsgrad. Es braucht, um Trinkwasserqualität zu erreichen, gar nicht oder nur wenig chemisch aufbereitet zu werden, weshalb Wasser aus Waldgebieten neben der Stetigkeit der Bereitstellung auch von besonderer Qualität ist.

Die monetäre Bewertung des Wassers

Lange Zeit wurde in Deutschland die Bereitstellung von Wasser aus bewaldeten Wassereinzugsgebieten als kostenloser Dienst an der Bevölkerung und der im Umfeld installierten Produktions -und Dienstleistungsbetriebe angesehen. Das ging so weit, dass man den Waldbesitzern entschädigungslose Auflagen erteilte, wie er seinen Wald zu bewirtschaften hatte, bis hin zu einem vollen Holzeinschlagverbot.

Mit immer höherem Wasserverbrauch in dicht besiedelten Zonen kam es dazu, dass der Wald wegen Absenkung des Grundwasserspiegels Trockenschäden bis hin zum Absterben ganzer Waldteile erlitt. Das hat zu einem Umdenken auch in der Rechtsprechung geführt sowie zur Entwicklung von monetären Bewertungsmethoden des Wasserangebots von Waldgebieten als einer Dienstleistung gegenüber den Verbrauchern in ihrem Umkreis, die theoretisch einer Entschädigung bedarf. Dem stehen allerdings in der Praxis heute noch jahrzehntelange Gewohnheitsrechte entgegen.

Naturwald Nonguén und Llancahue

Beispielhaft sollen hier zwei Bewertungsfälle aus Chile angeführt werden, die eine Vorstellung vom Wert des Wassers aus Waldeinzugsgebieten vermitteln. Im Raum Concepción liegt ein 3.000 Hektar großes Naturwaldrelikt, die Reserva Forestal Nonguén, die von der Conaf verwaltet wird. Das bergige Gelände wird von dem Flüsschen Nonguén mit seinen fünf Zuflussbächen entwässert, die alle in diesem Waldgebiet entspringen. Dieses Wasser wird von dem Wasserversorgungsbetrieb Essbio  (Empresa Servicios Sanitarios del BioBio) genutzt. Im mediterranen Klima sind hier die Monate Januar bis einschließlich März sehr niederschlagsarm. Im Sommer können so nur 985.000 Kubikmeter entnommen werden, im Rest des Jahres 2.931.000 Kubikmeter, womit 62 Prozent des gesamten Jahresbedarfs abgedeckt werden können. Die Essbio muss aber den Verbrauchern das ganze Jahr über einen gleichbleibenden Wasserpreis bieten, obwohl gerade im Sommer bei größerer Knappheit der Verbrauch höher ist als in den übrigen Monaten. Dieser Mischpreis lag während der Durchführung eines Wertgutachtens bei 0,65 US-Dollar pro Kubikmeter. Um ihn zu liefern, muss das Wasserwerk Gewinnungs-, Aufbereitungs- und Verteilernetzkosten aufwenden. Im Sommer müssen sogar zusätzliche Wassermengen von weiter weg herangeführt werden, um den Bedarf zu befriedigen. Für den reinen Wasserentnahmewert blieben so 0,22 US-Dollar pro Kubikmeter im Sommer und 0,08 US-Dollar pro Kubikmeter im Restjahr übrig. Das entspricht einem Wert des jährlichen Wasserangebots aus dem gesamten Waldgebiet von 284.500 US-Dollar oder 82,01 US-Dollar pro Hektar Wald im Jahr.

In einer vergleichbaren Studie über den Wert der jährlichen Wasserspende des mit Naturwald bestockten Wassereinzugsgebietes Llancahue bei Valdivia kamen die Autoren zu Zahlen in der gleichen Größenordnung. Sie errechneten für den Sommer einen Wert von 162,40 US-Dollar pro Hektar und für den Winter einen solchen von 62,10 US-Dollar, wobei die jährlichen Entnahmemengen des Wasserwerkes Aguas Décima S.A höher waren als in Concepción.

Erholungsspende

Es wäre zu einfach, wollte man die Bedeutung der Erholung, die von unseren Wäldern ausgeht, nur monetär bewerten. Erholung im Wald regeneriert die zivilisationsgestresste Seele der Menschen, setzt kreative Kräfte frei, vitalisiert kränkelnde Körperfunktionen, hilft, uns auf das zurückzubesinnen, was unseren Platz in dieser Welt ausmacht; einer Welt, die trotz aller Pervertierungen immer noch den grundlegenden Funktionsmechanismen eines Ökosystems gehorcht. Walderholung kann helfen, diese wiederzuentdecken.

Dass der Mensch in der freien Landschaft Erholung findet, ist eine Binsenweisheit, die jeder an sich selbst vielfach erfahren hat. Differenzierter wird das Bild, wenn es darum geht, welchem Landschaftstyp dafür die größte Nachfrage gilt. Das ist von Mensch zu Mensch und von Land zu Land verschieden. In Ländern, in denen Wasserflächen rar sind, mögen es Flussufer und Strände sein, in überwiegend landwirtschaftlich genutzten Landschaften wie Holland steht der Hang zu schattenspendenden Wäldern im Vordergrund und in Ländern mit großer zusammenhängender und unwegsamer Waldbedeckung, zum Beispiel die Region Aysén, mögen es gerade die waldfreien Landschaftsteile sein. In Chile hat eine Befragung ergeben, dass von allen Landschaftstypen Wasserflächen die größte Anziehungskraft für Erholungssuchende besitzen, und auf dem zweiten Platz Waldgebiete rangieren.

Nutzungsrechte 

Deren Erholungswert zutreffend zu bestimmen ist allerdings schwierig. In Ländern, in denen die Bürger ein freies Betretungsrecht aller Wälder haben, wie in Deutschland, kann der Wert des Nutzens nur fiktiv berechnet werden, denn der Eigentümer kann keinen Eintritt für die Nutzung im Rahmen dieses Rechts verlangen. In Chile kann er dies und tut es auch, sogar der Staat für den Besuch seiner Nationalparks. In dem Fall wäre von der Nutzerseite das Eintrittsgeld ein Maß seiner Wertschätzung und die jährliche Zahl der Nutzer – umgerechnet auf den Durchschnittshektar Wald eine entsprechend vergleichbare Zahl mit den anderen bisher besprochenen Leistungen des Waldes. Das ist allerdings nur ein Teil der Kostenbereitschaft eines Nutzers für die Walderholung, denn er ist ja auch bereit, die Anreisekosten zu bezahlen. Herrscht ein freies Betretungsrecht, können von Seiten des Waldbesitzers nur Sondernutzungen des Waldes für Freizeit und Erholung gebührenpflichtig gemacht werden, wie zum Beispiel die Duldung größerer Mountain-Bike-Wettkämpfe, Orientierungsläufe als organisierte Veranstaltungen oder Führungen auf Waldlehrpfaden.

Kosten und Wert

Auch kann er über die Aufwendungen Buch führen, mit denen er seinen Wald an die Bedürfnisse der Erholungssuchenden anpasst, aber auch die Inkaufnahme von Risiken – wie Waldbrand – oder andere Schäden und Abfallbeseitigungskosten als Ausdruck des Wertes, den ihn das Erholungsbedürfnis der Bevölkerung kostet. Auch dies lässt sich auf den Hektar Wald umrechnen. Für Deutschland wurde diese Zahl mit 20 Euro pro Hektar im landesweiten Durchschnitt bewertet. Allerdings ist auch dies als Bewertungsmaß höchst unzulänglich, weil es nichts darüber aussagt, welche Rolle diese Maßnahmen hinsichtlich der Anziehungskraft eines Waldes genau spielen. Selbst ohne diese Maßnahmen werden sich Leute in seinem Wald erholen wollen. Und trotz dieser kann der Besuch aus anderen Gründen gleichwohl spärlich sein. 

Als weiteres Mittel bleiben Befragungen von Waldbesuchern, die einen gewissen Werterahmen für den Erholungsnutzen eines Waldgebietes ergeben. So gelten in Deutschland Durchschnittswerte von 60 Euro pro Person und Jahr für den Erholungsgenuss im Wald als anerkannte Zahl, eine Größenordnung, die in fast allen punktuellen Evaluierungen, die dort bisher veröffentlicht wurden, bestätigt wurde.

Beispiel Huilo Huilo

Für Chile gibt es, über einige punktuelle Schätzungen hinaus, keine allgemeinen Durchschnittswerte; sie wären auch nicht besonders sinnvoll. Wie kann man die Bereitstellung von Erholungsleistungen in einem Land mit so unterschiedlicher Waldbedeckung, mit so unterschiedlicher Populationsdichte und Infrastruktur sowie einer schwer trennbaren Angebotspalette vergleichbar machen? Was ist zum Beispiel Waldgenuss, was Bergsteigerglück? Hier sind es eher Investitionsentscheidungen, mit denen aus vielen fantastischen Erholungsräumen attraktive Besucherzentren entwickelt werden, wie das Beispiel Huilo Huilo im Bergregenwald der Provinz Valdivia zeigt, wo mit viel Kapital und gutem Geschmack der Tourismus kommerzialisiert wird. 

Das führt allerdings eher zu einer Überstrapazierung des Erholungsraumes als zu einem waldschonenden Ökotourismus. In die gleiche unerwünschte Richtung weist die Vergabe von Konzessionen an tourismusentwickelnde Privatunternehmen in Nationalparks, wenn diese nicht am kurzen Gängelband hinsichtlich ihrer Expansionsenergie geführt werden..

Quellen: Rodríguez, R. 2017 Estudio preliminar acerca del valor económico del bosque caducifolio de la Reserva Forestal Nonguén por la provisión de agua potable para la Comuna Penco y la parte alta del Valle de Nonguén. Informe Conaf Región del Bío Bío. S.12; Nuñez, D., Nahuelhual, L. and Oyarzún, C., 2006: Forests and water: The value of native temperate forests in supplying water for human consumption. Ecological Economics, S. 606-616; Iroumé, A. y Gayoso, J. 2004: Levantamiento de usos no extractivos o usos en situ del agua. Biblioteca ciren;Dieter, M. Elsässer, P. und Thoroe, C. 2010: Ökonomischer Wert und gesellschaftliche Leistung der Wälder. In: Deppenhauer, O. und Moehring, B. Waldeigentum. S. 117 – 138 Springer, 2010

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