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lunes, 25. octubre 2021
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Belen Garcia Book Club in Santiago

Dante und die «Divina Commedia»

Die Göttliche Komödie ist Dantes Hauptwerk. Die literaturbegeisterten Frauen des 2018 in Santiago gegründeten Belen Garcia Book Clubs kennen sich sehr gut aus mit dem Werk. Sie haben sich als Italienerinnen damit in ihrem Leben mehrfach beschäftigt. Ähnlich wie Goethes Faust in Deutschland ist es in den Schulen in Italien Pflichtlektüre. Alle erkennen Aspekte, die heute ebenso wie zu Dantes Zeiten aktuell sind, wie sie im Cóndor-Interview berichten.

1. Wann hast du die «Divina Commedia» zum ersten Mal gelesen, was hat dir gefallen und hast du beim späteren Lesen deine Meinung geändert?

2. Gibt es Stellen in der Göttlichen Komödie, die du besonders wichtig oder interessant findest?

3. Gibt es etwas in der Göttlichen Komödie, das deiner Meinung nach  modern ist  und mit dem sich die heutigen Menschen identifizieren können?

4. Ist es deiner Meinung nach gut, dass  alle Schüler in Italien das Buch lesen müssen?

5. Was ist typisch Italienisch in diesem Buch?

Angela Fioretti ist Literaturwissenschaftlerin für italienische Literatur und lebt seit 2016 in Santiago.

Angela Fioretti

1: Ich begann die Divina Commedia zu lesen, als ich 16 Jahre alt war in der 11. Klasse. In Italien muss man Inferno in der 11. Klasse, Purgatorio in der 12. Klasse und Paradiso in der 13. Klasse lesen. Ich erinnere mich, dass ich die Kapitel über «Inferno» sehr mochte, über «Purgatorio» etwas weniger und «Paradiso» überhaupt nicht. Die Lektüre war etwas schwierig, da das Italienische aus dem 14. Jahrhundert stammt. In den drei Büchern werden viele florentinische und internationale Persönlichkeiten aus der Antike und aus Dantes Zeit beschrieben, die Leben, Tugenden, Laster und Strafen nach dem Gesetz des «Contrapasso» beschreiben. 

Das Gesetz der Kontrapassion (von lateinisch contra und patior, „das Gegenteil erleiden“) ist ein Prinzip, das die Verurteilung von Verurteilten durch das Gegenteil ihrer Schuld oder durch Analogie dazu regelt.

2: Im sechsten Gesang von Inferno, Purgatorio und Paradiso ist die Politik ein zentrales Thema. Im sechsten Gesang des Inferno geht es um die politische Situation in Florenz, im Purgatorio um die politische Situation in «Italien» und im Paradiso um die politische Situation in der Welt. Bei der Lektüre des sechsten Gesangs erfährt man viel über politische Kämpfe und verschiedene historische Figuren.

3: Es gibt mehrere Themen, die zur Zeit Dantes aktuell waren und auch heute noch sind, zum Beispiel das Problem der Vetternwirtschaft, religiöse Probleme und Missverständnisse, verschiedene Laster und Tugenden. Darüber hinaus gibt es mehrere Ausdrücke aus der Göttlichen Komödie, die immer noch verwendet werden, um Situationen zu beschreiben und Empfehlungen zu geben, wie zum Beispiel: «Fatti non foste a viver come bruti, ma per seguir virtute e canoscenza» aus dem canto XXV Inferno. Es bedeutet: Ihr wurdet geschaffen, um Tugenden und den Kenntnissen und dem Wissen zu folgen und nicht, um wie Tiere zu leben. 

Als Papst Benedikt XVI. 2013 von seinem Amt zurücktrat, dachte ich sofort an Papst Coelestin V., der im Jahr 1294 zurücktrat. Dante schreibt im Inferno, Celestine sei «colui che fece il gran rifiuto». Er habe seine Verantwortung abgegeben. Dies ist in der Geschichte des Vatikans erst zweimal geschehen. Ich frage mich, ob Dante, wenn er heute leben würde, auch Benedikt XVI. in das Inferno geschickt hätte.

4: Das Italienische, das wir heute sprechen, hat sich aus der florentinischen Sprache des 14. Jahrhundert entwickelt, das in der Divina Commedia und anderen Werken von Dante niedergeschrieben ist. Seine Werke sind der Ursprung unseres modernen Italienisch. In historischer und sprachlicher Hinsicht ist es wichtig, die Divina Commedia zu kennen. Alle menschlichen Laster und Tugenden werden in der Göttlichen Komödie beschrieben. 

Früher haben die Schüler in der Schule das Werk Stück für Stück vorgelesen. Das war sehr aufwendig. Das wird heutzutage bestimmt anders gehandhabt.

5: Da die Sprache Dantes das Italienisch des 14. Jahrhunderts ist und das Italien dieser Zeit beschreibt, braucht man die Fußnoten und das Hintergrundwissen, um alles zu verstehen.

Federica Pieroni ist Italienisch-Lehrerin und seit 2018 in Chile.

Federica Pieroni

1:  Meine erste Begegnung mit der Divina Commedia hatte ich im Alter von 15 Jahren im Italienischunterricht während der drei Jahre der ersten Stufe der Sekundarschule. Ich erinnere mich, dass ich Dantes Beschreibungen bereits mochte und von ihnen fasziniert war. 

Die Divina Commedia tauchte dann in der Sekundarstufe wieder auf, wo wir das Werk drei Jahre lang fast vollständig durcharbeiteten. Während dieser Zeit haben wir die verschiedenen Teile des Werks gelesen, analysiert und eingehend damit gearbeitet. 

Meine erste Meinung über die Divina Commedia hat sich nicht geändert. Ich fand es sogar noch beeindruckender, da ich ihre Struktur und die Lehren, die Dante auf seiner Reise durch die Geschichten der Seelen, denen er begegnet, besser verstehen konnte.

2: Zweifellos sind der einleitende Teil und der gesamte Teil über die Hölle am interessantesten, weil man sich die Reise und die höllischen Strafen vorstellen kann.  

3: Die Göttliche Komödie ist ein zeitloses Werk. Das Wesen des Menschen hat sich nicht verändert, und deshalb ist sie modern. Die Vorstellung einer Reise durch die drei göttlichen Reiche ist immer noch faszinierend.

4: Meiner Meinung nach ist es richtig, dass sich die Schüler weiterhin mit Dante beschäftigen, denn die Divina Commedia ist eine Säule der italienischen Kultur und ein Werk, auf das die Italiener stolz sind. 

5: Ich glaube nicht, dass das Buch etwas typisch Italienisches hat, ganz im Gegenteil. Es ist die Divina Commedia, die für die italienische Kultur charakteristisch geworden ist.

Luisa Teresa Cremonese ist Mitarbeiterin einer internationalen Organisation. Sie kam 2019 nach Chile und ist nun nach Italien zurückgezogen.

Luisa Teresa Cremonese

1 : Ich erinnere mich, dass ich zum ersten Mal mit der Divina Commedia in Berührung kam durch eine von Gustave Doré illustrierte Ausgabe meiner Mutter, einer Lehrerin für italienische Literatur. Besonders gefielen mir die Darstellungen der Ungeheuer: Minos, Cerberus, die Demores – voller Zähne und Klauen.

Ich habe die Divina Commedia als Teenager gelesen. Die Geschichte, die auf mich damals besonderen Eindruck machte, war die des Grafen Ugolino della Gherardesca: «E più dell‘onor poté il digiuno». Es ist die schreckliche Geschichte eines Vaters, der mit seinen Söhnen gefangen genommen wird, und die Söhne am Hungertod sterben sah, dann nach und nach seinen ganzen Stolz verlor, bis er zu einem Tier wurde – das hat mich sehr schockiert. 

Während ich als junges Mädchen die «Cantos» der Hölle liebte, habe ich als Erwachsene einige Teile des Fegefeuers und des Paradieses interessanter gefunden, die für eine Schülerin noch weniger zugänglich sind. 

2: Ich liebe die Figur des Führers Vergil: Ein erfahrener Mensch, der seine Schützlinge anleitet und begleitet – eine Figur, deren Verhalten ich nachvollziehen kann. Ich bin der Meinung, dass die Erwachsenen mehr Verantwortung für die Jugend übernehmen und, wenn nötig, eine führende, liebevolle, geduldige, weise und demütige Rolle spielen müssen. 

3 : Alles ist modern. Das Großartige an diesem Werk sind seine Archetypen, die sich leicht auf die heutige Welt übertragen lassen. Die Figuren der Commedia können durch die heutigen Politiker und Prominenten ersetzt werden. Die Sprache von Dante hat das italienische Vokabular stark geprägt und das heutige offizielle Italienisch geschaffen. 

4: Die Verpflichtung, es zu lesen, verringert bereits das Interesse. Wir müssen nach neuen Wegen suchen, um uns diesem Text zu nähern, und den Jugendlichen Leseschlüssel anbieten, die ihre Fantasie ansprechen. 

5: Die politischen Verstrickungen, die Machtspiele, die Grausamkeit der Beziehungen, aber auch die Romantik in der Liebe, die uns immer noch träumen und das Schloss von Paolo und Francesca in Gradara besuchen lässt.

Evi Fortunato ist seit 2018 Mitglied des Belen Garcia Book Clubs.

Evi Fortunato

1: Ich habe im Alter von 14 Jahren in der Schule mit einer sehr alten und seltenen Ausgabe meines Vaters begonnen, mich mit der Göttlichen Komödie zu beschäftigen. Mir hat das Werk von Anfang gefallen!

2: Der interessanteste Teil war für mich das Inferno, besonders gefiel es mir, mit Hilfe meines Lehrers alle Anmerkungen zu lesen und zu verstehen.

3: Wie alle großen Opern (capolavori) ist die Göttliche Komödie modern und auf unsere Zeit übertragbar. Sie beschreibt das Leben der Menschen mit all ihren Fehlern und Vorurteilen.

4: Ich finde es sehr gut, dass das Thema in den Schulen behandelt wird. Auch deshalb, weil die jungen Leute mit Themen konfrontiert werden, die sie begeistern können.

5: Alles ist typisch Italienisch: die alte florentinisch-toskanische Sprache (volgare). Auch der Kontext: Florenz in der Hölle, Italien im Fegefeuer und das Reich im Paradies.

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