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martes, 15. junio 2021
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Charlotte Griesel in Gehörlosenschule in Chile und Kolumbien

Mit Mimik, Gestik und Körper sprechen

Gebärdendolmetscherin – diesen ungewöhnlichen Beruf erlernt Charlotte Griesel an der Universität Hamburg. Das Studium führte sie nach Chile, wo sie im März ein Praktikum an der Gehörlosenschule in San Joaquín absolvierte und den Deutsch-Chilenen Alejandro kennenlernte.

«Blickkontakt halten und gutes Licht – das ist immer wichtig, wenn man für Gehörlose übersetzt», erklärt Charlotte. Denn gut hinschauen können muss man dabei, egal ob es sich um Deutsche oder Chilenen handelt: Der Dolmetscher setzt Hände, Gesicht und teilweise den ganzen Körper ein. «Die Mimik ist besonders wichtig. Man muss versuchen, sich in die Situation zu versetzen, die man erklären will – und auch versuchen, was man empfindet, rüberzubringen», beschreibt Charlotte die Gebärdensprache.

Rund 140 Gebärdensprachen

Viele Gebärden verstehen auch hörende Menschen: Zum Beispiel bedeutet eine zum Mund geführte Hand Essen oder eine flache Hand an der Seite des geneigten Kopfes Schlafen – in der deutschen Sprache. «Doch es gibt je nach Region und Dialekt für ein und dasselbe Wort teilweise an die zehn verschiedenen Gebärden, zum Beispiel für das Wort Wasser», erklärt Charlotte.

In Chile gibt es wieder eine andere Gebärdensprache. So wie es weltweit verschiedene Lautsprachen gibt, werden auch circa 140 unterschiedliche Gebärdensprachen gesprochen, die als vollwertige Sprachen anerkannt sind. Die Gebärden sind dann auch von der Kultur abhängig, sagt Charlotte. Insgesamt sind laut der Weltgesundheitsorganisation auf der Welt insgesamt zurzeit rund 1,6 Milliarden Menschen in ihrem Hören beeinträchtigt – Tendenz steigend durch unter anderem mangelnden Lärmschutz.

Die aus Kassel stammende Studentin hat viele Erfahrungen gesammelt, bevor sie ihr Studium startete. Nach dem Abitur bewarb sie sich bei dem Projekt Arche: Freiwillige arbeiten in 38 Ländern weltweit in Wohngemeinschaften mit geistig behinderten Menschen. Sie wurde angenommen, musste dafür aber auch Sponsoren für rund 2.000 Euro finden. Den übrigen Teil der Kosten des Aufenthalts bezahlte die deutsche Bunderegierung. Die zehn Monate seien eine schöne, aber am Anfang vor allem harte Zeit gewesen, berichtet die 24-Jährige über die zehn Monate in Moiá einem kleinen Dorf in Katalonien. Gemeinsam mit sechs anderen Jugendlichen lebte sie in einem Gemeinschaftshaus mit 16 Behinderten, die tagsüber in der Werkstatt im Ort arbeiteten. «Geholfen haben mir auch Vorbereitungskurse im Vorfeld in Deutschland – auch die dadurch entstandenen Freundschaften.»

«Hier stellen sich alle auf die Welt der Gehörlosen ein»

Zurück in Deutschland war es nicht einfach, einen Studienplatz bei einer der fünf Universitäten für Gebärdensprache zu bekommen. Inzwischen studiert Charlotte bereits im sechsten Semester an der Universität Hamburg. Thema ihrer Bachelorarbeit soll die Ausbildung der Gebärdendolmetscher in Chile sein. Während ihres Auslandssemesters an der Universidad Católica in Santiago lernte sie mehrere Dolmetscher kennen, ebenso während ihres Praktikums an der Gehörlosenschule in San Joaquín. «Aufgrund der Pandemie konnte ich nur einige Male vor Ort sein, aber es hat mir sehr gut gefallen: «Hier stellen sich alle auf die Welt der Gehörlosen ein.» Sie arbeitete bereits als Lehrerin an der Elb-Schule in Hamburg-Othmarschen, die besonders Kinder, die gar nicht oder wenig hören können, fördert und 2019 vier Wochen in einer Gehörlosenschule in Kolumbien.

Während ihres Studienaufenthalts in Santiago im vergangenen Jahr lernte Charlotte auch ihren Freund Alejandro kennen. Seine Urgroßmutter ist noch in Deutschland geboren, aber er selbst spricht nicht mehr Deutsch. Das Paar hat nun das Problem wie so viele in der Pandemie, dass es schwierig ist zusammenzukommen.

Alejandro wollte eigentlich bereits dieses Frühjahr an einem Freiwilligenprojekt in Deutschland teilnehmen. Damit wäre auch ein Visum verbunden gewesen. Schließlich scheiterte es daran, dass das Visum vor Projektbeginn nicht ausgestellt war. Durch den Einsatz von Bundespräsident Steinmeier war im Juli das Einreiseverbot von Partnern von unverheirateten Paaren nach Deutschland gelockert worden und Charlotte und Alejandro hatten sich schon große Hoffnungen gemacht.

Langfristig plant die junge Frau nach dem Studium und nach etwas Berufserfahrung in Chile zu arbeiten. In Deutschland sind Gebärdendolmetscher Mangelware. Daher ist es nicht schwer, Auftraggeber zu finden. Gerade in Zeiten der Diversität stellen immer mehr Firmen Gehörlose ein. Und dann kommt ihr die Umstellung durch die Pandemie entgegen: «Dieser Arbeit kann ich dann auch per Video in Chile nachgehen.»

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