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martes, 15. junio 2021
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Rezension zu «Sie nannten es Arbeit» von James Suzman

Kreative Faulenzer in der Steinzeit

James Suzman erwähnt mit keinem Wort den Fischer und den Touristen. Dabei hätte die Parabel – sie stammt von Heinrich Böll – sein Buch gut zusammengefasst: Der Urlauber weckt im Hafen einen ärmlichen Fischer auf und fragt ihn, warum er nicht noch einmal hinausfährt, da der heutige Fang doch so reichhaltig war. Würde er häufiger sein Netz auswerfen, könnte er finanziell aufsteigen, ein großes Fischfangunternehmen gründen, um sich endlich auszuruhen und im Hafen zu dösen. Der Fischer verneint. Es seien keine weiteren Anstrengungen nötig. Er genieße bereits seine Freizeit.

Mehr Energie durch Feuer

Leben wir, um zu arbeiten? Der Sozialanthropologe James Suzman ist dieser kniffligen Frage dort nachgegangen, wo die Wiege der Menschheit liegt. Der gebürtige Südafrikaner lebte eine Zeit lang in der Kalahari, einer Dornstrauchsavanne, die sich von der Provinz Nordkap über Namibia und Botswana erstreckt. Die dortigen Ju/´Hoansi gelten als ein lebendes Museum. Noch bis in die 1960er Jahre organisierten sie ihr Leben so, wie es ihre Vorfahren vor 300.000 Jahren taten. Der Autor tischt in seinem historischen Abriss über die Arbeit eine provokante These auf: Die damaligen Jäger und Sammler arbeiteten, um zu leben. Und damit ging es ihnen verdammt gut.

Irgendetwas muss also schief gelaufen sein in der Entwicklungsgeschichte von Homo sapiens. Vor drei bis zwei Millionen Jahren hatten die ersten Vertreter unserer Gattung noch alle Hände voll zu tun, Tiere zu erlegen und Früchte zu pflücken. James Suzman leiht sich aus der Physik einen Entropiesatz der Thermodynamik, nach dem lebende Dinge selbsttätig Energie zapfen, um zu wachsen und sich zu reproduzieren. Wer diese Aktivität einstellt, der verliert Energie und zerfällt zu toter Materie. «Um es auf eine Kurzformel zu bringen: Leben heißt arbeiten.»

Während ein Gorilla den lieben langen Tag Blätter frisst, um daraus die nötige Lebensenergie zu ziehen, zeugen steinerne Faustkeile davon, dass unsere Vorfahren offenbar überschüssige Energie mobilisierten und sich somit anderen Dingen widmen konnten. Das Feuer brachte den notwendigen Kraft-Schub in Form von gegrilltem Fleisch. Das Kalorien-Plus ließ das Gehirn wachsen und machte den Homo sapiens mit Abstand zum produktivsten, fähigsten und vielseitigsten Hersteller und Verwender von Werkzeugen in der Geschichte des Lebens.

Leben in der Steinzeit 

Vom Steinebehauen bis zur Mikrochirurgie – heute nimmt jeder Erdenbürger 250-mal mehr Energie auf als die einstigen Jäger und Sammler und tut doch das Gleiche: Die Werkzeuge zu vervollkommnen, mit denen wir die Umwelt gestalten und verwandeln. Den technischen Fortschritt haben wir allerdings nicht der Not zu verdanken, die angeblich erfinderisch macht. Vielmehr war es die freie Zeit, die Homo sapiens zu Kreativität, Neugierde und Rastlosigkeit animierte. «Für den Denker und für alle erfindsamen Geister ist Langeweile jene unangenehme „Windstille“ der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht», erkannte Friedrich Nietzsche. Auch Kunstwerke dürften aus spielerischen, emotionalen Momenten heraus entstanden seien, als die tägliche Nahrungsbeschaffung bereits erledigt war.

Überholt sei damit das Klischee von primitiven Höhlenmenschen, die ständig gegen das Verhungern kämpften. In Wirklichkeit dürften Jäger und Sammler wohlgenährt gewesen sein, arbeiteten nicht mehr als 15 Stunden die Woche und verbrachten ihre Freizeit mit Hobbys wie den Felszeichnungen oder Schmuckstücke anfertigen. Wie der israelische Historiker Yuval Noah Harari («Eine kurze Geschichte der Menschheit») malt sich auch James Suzman diesen Ur-Zustand der Menschheit zwar nicht paradiesisch aus wie im Garten Eden, aber doch als ein reich an Muße gesegnetes Leben. Es gab keine Häuptlinge oder Hierarchien, keine materiellen Wohlstandsunterschiede oder gar das Bedürfnis, Vermögen anzuhäufen. Eine Ökonomie des Wettbewerbs war unbekannt. Die freigiebige Natur gab großzügig Nahrungsmittel, geteilt wurde nach Bedarf. Wir müssen uns die Steinzeit-Vorfahren als glückliche Faulenzer vorstellen.

«Ackern»

So ging das mindestens die letzten 300.000 Jahre. Doch seit Kurzem ist nun Schluss damit. Vor etwas mehr als 10.000 Jahren setzte ein Wandel ein, den James Suzman in seinem Buch als «Ackern» betitelt. In Regionen Asiens, Afrikas, Ozeaniens und Amerikas begannen Völkerschaften Feldfrüchte anzubauen und gezähmte Tiere zu halten. Warum der Mensch plötzlich Weizen, Roggen, Bohnen, Reis und Mais auf Feldern aussäte, bleibt ein Rätsel. Doch im Verlauf von nur 4.000 Jahren setzte sich die ortsgebundene Landwirtschaft als hauptsächliche Ernährungsgrundlage durch – mit gravierenden Folgen. 

Denn während Jäger und Sammler zuvor von der Hand in den Mund gelebt hatten, mussten nun Vorratskammern für die Ernte gebaut werden. Ertrugen die Menschen bisher Mangel und Knappheit mit stoischem Gleichmut, schufteten sie sich jetzt aus Angst vor Dürren, Überschwemmungen und Frost auf dem Acker ab, um hoffentlich Überschüsse zu produzieren. Im Gegensatz zu ihren jagenden Vorfahren fristeten die Bauern ein freudloses, strapaziöses Dasein. 

Schädlinge dezimierten nicht nur die Felderträge. Auch in Viehställen breiteten sich nun leichter Seuchen aus. Pilze, Bakterien und Viren sprangen auf den Menschen über und lösten Infektionswellen in den dichteren Siedlungsgebieten aus. Auch Coronaviren wie Sars und Sars-CoV-2 zählen zu diesen so genannten Zoonosen. Güterknappheit bedrohte permanent die Ackerbau-Gesellschaften. Dagegen gab es drei Rezepte: Neue Anbauflächen zu erschließen, noch mehr zu malochen und viele Kinder zu zeugen, die mitanpacken sollten. 

Ende des 18. Jahrhunderts prophezeite der britische Ökonom Thomas Robert Malthus eine Katastrophe, würde die Menschheit sich weiter exponentiell vermehren, während die Nahrungsmittelproduktion hinterherhinke.

Die «entfremdete Arbeit»

Das Untergangsszenario ist – vorerst – ausgeblieben. Die industrielle Revolution sowie die Automatisierung der Arbeit verleiteten den britischen Volkswirtschaftler John Maynard Keynes 1930 zur hoffnungsvollen Prognose, dass wir dank ständig wachsender Produktivität und des technischen Fortschritts in 100 Jahren im «gelobten Land» der «wirtschaftlichen Glückseligkeit» ankommen würden; in einer Wirtschaft, in der die Menschen nicht mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten müssen und in der alle Grundbedürfnisse gestillt werden. Also zurück zu den Jägern und Sammlern?

Es scheint, dass wir immer noch nicht in diesem erträumten Schlaraffenland angekommen sind. Seitdem unsere Vorfahren ihre Pfeile und Bögen gegen Pflüge und Hacken eingetauscht haben, sind Städte entstanden. Heute lebt bereits die Hälfte unserer Spezies in Metropolen und plagt sich nicht mehr im Schweiße des Angesichts mit Vieh- und Pflanzenzucht ab. Doch viele Stadtbewohner kranken an dem, was Karl Marx einst die «entfremdete Arbeit» bezeichnete. Sie verrichten oft sinnlose Tätigkeiten, vom Anthropologen David Graeber 2013 als «Bullshit-Jobs» bezeichnet, die laut eigener Aussagen ihrer Inhaber «keinen Beitrag zur Welt» leisten und überhaupt nicht existieren sollten. «Es ist, als würde sich irgendjemand sinnlose Tätigkeiten ausdenken, nur damit wir alle ständig arbeiten», sinnierte Graeber.

Theoretisch sind unsere Grundbedürfnisse längst gestillt, wir könnten – um bei Bölls Gleichnis zu bleiben – wie der Fischer dem Müßiggang frönen. Wäre da nicht dieses uferlose Anspruchsdenken, das uns sogar in der Überflussgesellschaft zum rastlosen Konsumieren anspornt. Noch ein größeres Haus, noch ein schöneres Auto, mehr Macht und raffinierteres Essen, um «mit den Schulzes von nebenan mitzuhalten». Vor den Grenzen dieses ungehemmten Wachstums warnte bereits 1972 der Club of Rome. Klimawandel und Umweltzerstörung seien daher mit der Frage verbunden, so Suzman, wie wir unser Verhältnis zu Arbeit definieren.

Diese Beziehung ist ambivalent. Nur 15 Prozent aller Beschäftigten weltweit verrichten ihren Job mit innerer Überzeugung, sprich die Mehrheit zieht daraus weder Freude noch Befriedigung oder gar Sinnhaftigkeit. Dennoch fixieren wir uns hartnäckig auf sie: Arbeit ist Identität, Lebensinhalt, Selbstverwirklichung. Und nicht wenige verherrlichen sie als Karriere-Vehikel zu Reichtum; andere fürchten, bald durch einen jobverschlingenden Roboter ersetzt zu werden. James Suzman schließt sein Buch mit leichtem Optimismus: Der Blick in unsere Vergangenheit öffne vielleicht Türen, wie wir mit unserer rastlosen Energie, Zielstrebigkeit und Kreativität die Zukunft gestalten könnten.

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