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viernes, 17. septiembre 2021
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Teresa Wilms Montt – Ein Leben auf der Flucht

Teresa Wilms (1893-1921)

Der Cóndor veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Porträts über Frauen, die eine Pionierrolle oder besondere Leistungen in Chile erbracht und einen deutschen Hintergrund haben. Teresa Wilms war eine Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, verfasste in ihren 28 Lebensjahren mehrere Werke und führte selbst ein Leben, das aus einem Roman entsprungen sein könnte, und vor 100 Jahren ein tragisches Ende fand.

Sie war die zweite von sechs Töchtern eines Ehepaars der gehobenen Santiaguiner Gesellschaft, sah blendend schön aus, war überdurchschnittlich intelligent und hatte eine Lebensauffassung, die ihrer Zeit weit voraus war. 

Teresa Wilms wurde 1893 in Viña del Mar geboren. Ihr Vater, Federico Guillermo Wilms, entstammte, so sagte man, dem preußischen Adel und die Mutter, Luz Victoria Montt y Montt, war eine Urenkelin des Staatspräsidenten Manuel Montt.

Unglückliche Ehe und erstes Werk

Teresa erhielt eine strenge Erziehung, bei der die Vorbereitung auf eine Ehe mit einem Mann aus den aristokratischen Kreisen der Hauptstadt eine maßgebende Rolle spielte. Dabei machten ihr rebellischer Charakter, ihre fortschrittlichen Ideen und ihr schöpferischer Geist es den Erzieherinnen nicht leicht. Schon als Kind lehnte sie sich gegen die Lehren und Werte auf, die die strengen Kindermädchen ihr zu vermitteln versuchten. Ihr Freiheitsdrang war mit den Vorschriften unvereinbar.

Sie war kaum 17, als sie 1910 gegen den Willen ihrer Eltern Gustavo Balmaceda Valdés, einen Neffen des tragisch ums Leben gekommenen Staatspräsidenten José Manuel Balmaceda, heiratete. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor. 

Teresa nahm aktiv am Kulturleben der Städte teil, in denen sie mit ihrem Mann lebte: Santiago, Iquique und Valdivia. Bald fing es in der Ehe an zu kriseln: Gustavos Eifersuchtsanfälle und seine Trunksucht bewirkten, dass Teresa sich von ihm abkapselte und ihre Einsamkeit bekämpfte, indem sie ihrer literarischen Begabung freien Lauf ließ. Damals entstanden ihre «Diarios Íntimos». 

Sie pflegte Bekanntschaften zu verschiedenen Intellektuellen wie dem Dichter Víctor Domingo Silva. In Iquique veröffentlichte sie Beiträge mit feministischem und anarchistischem Gedankengut, was ihren Ehemann veranlasste, sie nach Santiago zurückzuschicken. Hier begann sie ein Verhältnis mit Vicente Balmaceda, einem Cousin Gustavos. Die Liebesbeziehung flog auf, Teresa musste sich dem Urteil ihrer Familie unterwerfen, die sie im Oktober 1915 in das Kloster «Convento de la Preciosa Sangre» einsperren ließ. Nach einem Selbstmordversuch im März des folgenden Jahres half ihr der Dichter Vicente Huidobro, aus der Anstalt zu entkommen. Beide flohen nach Buenos Aires, wo Teresa sich mit Schriftstellern wie Victoria Ocampo und dem blutjungen Jorge Luis Borges anfreundete.

Von Buenos Aires nach Europa

Im Jahr 1917 veröffentlichte Teresa Wilms in Argentinien zwei Bücher: den Versband «Inquietudes sentimentales», der 50 Gedichte enthält, in denen eine surreale Atmosphäre den Ton angibt und die von den argentinischen gebildeten Kreisen mit Begeisterung aufgenommen wurde, und «Tres cantos». 

Horacio Ramos, einer ihrer Verehrer, beging in ihrer Anwesenheit Selbstmord. Sie erlitt einen derartigen Schock, dass sie sich entschloss, in die Vereinigten Staaten zu reisen, um dem Roten Kreuz im kurz vorher ausgebrochenen Ersten Weltkrieg ihre Dienste anzubieten. In New York erhielt sie zunächst Einreiseverbot, weil die Behörden sie für eine deutsche Spionin hielten. Nachdem die Anschuldigung sich als falsch erwiesen hatte, reiste sie nach Spanien, wo Joaquín Edwards Bello sie mit einigen literarischen Größen wie Ramón Gómez de la Serna, Enrique Gómez Carrillo y Ramón del Valle-Inclán bekannt machte. Letzterer schrieb die Vorworte zu den Büchern, die in der folgenden Zeit erscheinen sollten. In Spanien veröffentlichte sie «En la quietud del mármol» («In der Stille des Marmors») und «Anuarí».  

1919 kehrte sie nach Buenos Aires zurück. Bezugnehmend auf ihre Kindheit und einige persönlichen Erfahrungen, schrieb sie «Cuentos para hombres que todavía son niños» («Geschichten für Männer, die noch Kinder sind»), eine fantasievolle Erzählung voller origineller Einfälle. Es folgte eine weitere Europareise, während der sie von ihrem spanischen Wohnsitz aus England und Frankreich besuchte. 

1920 hatte sie Gelegenheit, in Paris ihre Töchter wiederzusehen. Nach der Abreise der Mädchen fiel Teresa Wilms in eine tiefe Depression. Am 22. Dezember 1921 nahm die 28-Jährige eine Überdosis Veronal ein, der sie 48 Stunden später – am Weihnachtstag – erlag. Auf der letzten Seite ihres Tagebuchs fand man die Eintragung: «Morir, después de haber sentido todo y no ser nada…» («Sterben, nachdem man alles gefühlt hat und nichts ist…»)  

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