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lunes, 10. mayo 2021
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Wirtschaftsattaché Marcelo Villagrán – «Raus aus der Komfortzone»


Marcelo Villagrán mit Tochter Antonia im Hofgarten hinter der Bayerischen Staatskanzlei in München im Jahr 2019

Seit November 2020 ist der promovierte Rechtsanwalt Marcelo Villagrán Wirtschaftsattaché und leitet das Büro von ProChile in Den Haag. Mit seinen Gedanken ist er aber noch in München, wo er ab Januar 2019 knapp zwei Jahre mit seiner Frau Manuela und seinen drei Kindern verbracht hat.

Das war aber nicht sein erster Aufenthalt in Bayern: «Zum ersten Mal brachte mich ein Schüleraustausch meiner Deutschen Schule Temuco nach München – es war ein unvergessliches Erlebnis.» Von Anfang an haben ihm an  der DS Temuco die deutsche Sprache sowie Sitten, Bräuche und Kultur gefallen, obwohl er keine deutschen Vorfahren hat. Daher war es für ihn klar, dass er nach der Schule irgendwann nach Deutschland ziehen wollte.

Zunächst machte er seinen Abschluss in Jura an der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago. 2006 war es dann so weit: Mit seiner deutsch-chilenischen Frau Manuela zog er nach Marburg, denn an der Universität dieser hessischen Stadt lehrte der Staats- und Völkerrechtler Professor Gilbert Gornig, der ihm bereits eine Zusage für eine spätere Doktorarbeit gegeben hatte. Diese begann er nach dem Abschluss des LL.M.(Magister Legum). Das Thema lautete: «Verfassungsrechtliche Grundlagen der Gemeindeverwaltung in Chile. Auch ein Beitrag zur Dezentralisierung und Dekonzentration.»

Marcelo erzählt: «Wir haben uns in Marburg sehr wohlgefühlt! Meine Frau, die Grundschullehrerin ist, studierte dort den ganz neuen Studiengang «Abenteuer und Erlebnispädagogik». Die Philipps-Universität Marburg ist eine echte Universitätsstadt mit rund 80.000 Einwohnern und ein Drittel davon sind Studenten!»

2010 zog das Ehepaar wieder zurück nach Chile und Marcelo Villagrán begann zunächst bei der deutschen Firma Roth Industries im Bereich Marktentwicklung zu arbeiten. «Damals stieg langsam das Interesse an Chile als Standort für erneuerbare Energien», stellt Marcelo Villagrán fest. Ein Jahr später trat er in das Beratungsunternehmen Mankuk Consulting & Services ein, wo er zusammen mit seinen Freunden Alexander von Frey und Mauricio Compagnon Firmen hauptsächlich im Bereich Bergbau und Energie bei Umweltfragen und Projektentwicklung beriet. 

Nach knapp zehn Jahren wollte er «wieder raus aus der Komfortzone» und überlegte mit seiner Frau,« dass jetzt der geeignete Augenblick sei, wieder nach Deutschland zu gehen, da die Kinder noch klein waren». Bewusst hat das deutsch-chilenische Ehepaar seinen beiden Söhnen und der Tochter «gemischte» Namen gegeben: Pedro Rolf heißt der Älteste, der jetzt acht Jahre alt ist, Antonia Heidi ist sechs Jahre alt und Max Alexander zwei Jahre.

Zufällig erfuhr er, dass ein Leiter für das Büro von ProChile in München gesucht wurde, das dort neu eröffnet werden sollte. Er bewarb sich und erhielt die Stelle. Seit Anfang Februar 2019 arbeitet Marcelo Villagrán für ProChile, das zurzeit 56 Büros weltweit unterhält – in Deutschland neben München auch in Berlin und Hamburg. Seine Aufgabe war es, Kontakte zu deutschen Unternehmen aufzubauen, um chilenischen Firmen Hilfestellung geben zu können und damit im Endeffekt die Exporte Chiles zu steigern. «Vor allem geht es um Innovationen. Chilenische Firmen können durch Kooperationen mit deutschen Firmen innovative Technologien kennenlernen und so die Qualität ihrer Produkte verbessern», erklärt Marcelo.

Auch wenn ihm gerade in der Pandemie die Angehörigen in Chile fehlen, habe sich die Familie in den Niederlanden bereits gut eingelebt – dank der deutschen Gemeinschaft: «Meine Kinder gehen auf die einzige deutsche Schule im Land und haben schon viele Freunde hier gefunden.»

Der Cóndor fragte Marcelo Villagrán, wie es ihm beim Einleben in Deutschland ergangen ist.

Was hat Sie in Deutschland besonders erstaunt oder überrascht?

Mir war schon im Vorfeld gesagt worden, dass es in Bayern besonders streng bürokratisch zugehen würde. Doch meine Erfahrungen übertrafen diese Warnung noch. Als zum Beispiel meine Frau für ihren deutschen Reisepass Unterlagen ausfüllen musste, unterzeichnete sie mit ihrem Kürzel, so wie sie es auch in den chilenischen Ausweisen getan hatte. Das wurde von den bayerischen Beamten nicht anerkannt: Es müsse der volle Vorname und Nachname dastehen, wie es ausdrücklich im deutschen Gesetz steht. In Marburg hatte sie aber anders unterzeichnet und es war damals kein Problem gewesen. 

Was gefällt Ihnen persönlich besonders in Deutschland?

Mir gefällt besonders, wie das Privat- und Berufsleben geregelt ist. Die Zeit für die Arbeit wird effizient genutzt und dann gibt es aber auch Freizeit, die vom Beruf getrennt wird. Das bedeutet eine gute Lebensqualität. Toll finde ich auch den Vereinssport: In Sportvereinen engagieren sich Trainer ehrenamtlich. Das läuft richtig professionell ab, die Familie müssen wenig dafür bezahlen und das gehört einfach zur Kultur hier dazu.

Gibt es etwas, was in Chile ähnlich ist und Ihnen eventuell die Eingewöhnung erleichtert hat?

Es hat mir geholfen, die deutsche Gemeinschaft in Chile zu kennen. Es gibt wirklich viele deutsche Einflüsse in Chile – angefangen vom Essen mit dem Kuchen bis über die Schulen. Das hat auch die chilenische Kultur beeinflusst, zum Beispiel, dass es wichtig ist, Vertrauen herzustellen. Dadurch kommt einem das Leben in Deutschland nicht völlig fremd vor.

Woran können Sie sich schwer gewöhnen?

Es ist mir schwergefallen, mich daran zu gewöhnen, dass ich vieles selbst machen muss. In Chile habe ich von Montag bis Freitag gearbeitet und die Kinder kaum gesehen. Am Wochenende haben wir dann Ausflüge gemacht oder gespielt, also Spaß miteinander gehabt. Gerade in der Pandemie und als meine Frau begann, auch hier zu arbeiten, musste ich mich auch in der Woche mehr um meine Kinder kümmern – zumal es in München nicht möglich war, einen Kindergartenplatz zu finden. Ich musste das Essen für die Kinder machen, ihre Hausaufgaben korrigieren, putzen und Wäsche waschen.

Welchen Ratschlag würden Sie einem Chilenen/einer Chilenin geben, der/die nach Deutschland zieht?

Wenn man den Traum hat, nach Deutschland zu gehen, dann sollte man das auch tun! Worüber man sich im Klaren sein sollte: In Deutschland werden die Regeln wirklich eingehalten! Wenn man in Bus oder Bahn kein Ticket hat, dann muss man die 50 Euro bezahlen, wenn der Schaffner oder Kontrolleur kommt – da helfen auch keine Ausreden. Ohne Führerschein unterwegs zu sein, traut sich keiner. Denn es wird immer wieder kontrolliert – und dann wird es teuer!

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