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sábado, 10. abril 2021
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Dr. Mário Gomes – Lektor beim Deutschen Akademischen Austauschdienst

«Es gibt immer etwas zu lernen»

Von Nicole Erler

Foto: Elisa Balmaceda

Mário Gomes wuchs in Deutschland und Portugal auf. Er ist promovierter Sprach- und Literaturwissenschaftler und seit nunmehr zweieinhalb Jahren an der Universität in Concepción in einem Potpourri aus wissenschaftlichen und kulturellen Projekten tätig.

Er wurde 1978 in Bonn geboren und besuchte dort die Grundschule. Das klingt zunächst nach einer ganz normalen deutschen Kindheit. Doch Mário Gomes’ Eltern stammen beide aus der gleichen Region in Portugal und lernten sich zufällig in Bonn kennen: Sein Vater studierte dort an der Universität Germanistik und katholische Theologie, seine Mutter war Grundschullehrerin. Zu dritt kehrten sie noch während Mários Schulzeit nach Portugal zurück. Seine letzten Schuljahre absolvierte er in der Deutschen Schule Lissabon, wo er mit dem Abitur abschloss. Es folgte ein Studium der Sprach- und Literaturwissenschaften in Lissabon und Bonn sowie eine anschließende Doktorarbeit im Rahmen eines deutsch-italienischen Promotionskollegs an den Universitäten Bonn und Florenz zum Thema «Gedankenlesemaschinen». In seiner Abschlussarbeit beleuchtet Mário Gomes die Erzähltechnik des «Inneren Monologs» aus verschiedenen methodischen Perspektiven und unternimmt Exkurse zu verschiedenen vermeintlich gedankenlesenden Maschinen aus dem
19. Jahrhundert. Er erinnert sich: «Schon als kleiner Junge schrieb ich Geschichten. In der Oberstufe hatte ich einen sehr guten und anspruchsvollen Deutschlehrer, der mein Interesse gefördert hat. Die Literatur hat mich immer begeistert.»

In Berlin wurde er daraufhin Kurator des Kulturzentrums im Alten Finanzamt Neukölln und war für das Literaturprogramm verantwortlich. Zeitgleich war er Dozent für Deutsch als Fremdsprache und hielt an der Universität der Künste Seminare in den Bereichen Literatur, Medienwissenschaften und Ästhetik. Nach über zehn Jahren in Berlin entschied er sich nach Chile zu ziehen. Hier ist er seit Mitte 2018 als Lektor für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Concepción tätig. «Ich hatte Lust auf einen Tapetenwechsel. Bevor ich nach Chile kam, kannte ich das Land bereits. Meine chilenische Freundin lebte hier. Außerdem wollte ich mich mehr auf die akademische Arbeit konzentrieren. Es hat alles gepasst.», erzählt der 42-Jährige. Er hat derzeit gleich mehrere Projekte parallel laufen: Als Postdoktorand erforscht er den komplexen Begriff des «Dispositivs», er unterrichtet Studenten in Deutsch und Literatur, betreut Promotionsstudenten und Stipendiaten, daneben wirbt er an Deutschen Schulen und an Universitäten für den Hochschulstandort Deutschland. Zurzeit wird ein Masterstudiengang für Deutsch als Fremdsprache entwickelt. Er kommentiert: «Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich und bereitet mir großen Spaß.»

Jeden ersten Samstag im Monat zu später Abendstunde geht Mário Gomes als Moderator «On Air»: Im Radiosender der Universidad Católica de la Santísima Concepción läuft die deutschsprachige Radiosendung «Neue deutsche Mittelwelle», in der Deutsche in Chile oder Chilenen in Deutschland aus dem Bereich Kultur und Wissenschaft im halbstündigen Interview präsentiert werden. Das Projekt läuft in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und unter der Schirmherrschaft der Deutschen Botschaft in Santiago. Die Sendung wird auch im Livestream über das Internet übertragen und steht den Hörern danach als Podcast zur Verfügung. Künftig sollen auch die Deutsch lernenden Studenten die Moderation der Sendung übernehmen.

Was macht also ein so viel beschäftigter Mann in seiner Freizeit? «In Berlin habe ich in der Landesliga als Fußballer bei Eintracht Südring in Kreuzberg gespielt. Vor den politischen Unruhen stand ich auch hier in Chile auf dem Platz. Während der Pandemie bin ich dann zum Jogger geworden. In Concepción laufe ich einmal täglich zum Bismarckturm, von wo aus ich als Belohnung auf die Bío Bío-Mündung in den Pazifik blicken kann. Außerdem koche ich nun noch viel mehr. Insgesamt greifen Arbeit und Freizeit bei mir ziemlich stark ineinander. Glücklicherweise habe ich viel Freude an meiner Arbeit und somit ist das gar kein Problem.»

In Zukunft möchte Mário Gomes deshalb gerne noch ein paar Jahre als Lektor beim DAAD tätig sein und seine laufenden Projekte fortführen. Was danach kommt, stehe noch in den Sternen. Der Literaturwissenschaftler möchte jedoch in jedem Fall weiter dazulernen: Zum Beispiel möchte er verstehen, wie ein Computer wirklich funktioniert: «Wir nutzen im Alltag so viele Geräte und wissen nichts über ihr Innenleben. Es gibt immer etwas zu lernen, das Leben kann gar nicht langweilig werden. Auch in Chile konnte ich Vieles lernen und neu bewerten. Mein Leben hier hat mir ermöglicht, eine ganz neue Perspektive auf Europa und Deutschland einzunehmen. Ich schätze unser deutsches Sozial- und Gesundheitssystem nun viel mehr. Der Blick aus der Ferne hat mir dies aufgezeigt.»

An den Chilenen bewundere er vor allem «ihre Widerstandsfähigkeit in Extremsituationen wie Erdbeben, Volksaufstand oder Pandemie. Die relative Ruhe, mit der die Menschen in diesen Situationen ihren täglichen Alltagsaktivitäten weiter nachgehen».

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