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sábado, 10. abril 2021
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Ana María Wahrenbergs Lebensgeschichte

«Solche Gewalttaten dürfen nie wieder passieren»

Von Silvia Kählert

Ana María Wahrenberg (91) auf ihrem Balkon in Vitacura

Ana María Wahrenberg hat den weitaus größten Teil Ihres Lebens in Chile gelebt. Dies ist ihre Heimat und die ihrer zwei Kinder, fünf Enkelkinder und zehn Urenkel ist. Sie fühlt sich aber auch als Jüdin und hat ihre jüdische Gemeinde in Vitacura. 

Die gebürtige Berlinerin pflegt ebenfalls Freundschaften in Deutschland, wo sie von 1970 bis 1983 mit ihrem Mann lebte. «Ich habe keine Ressentiments. Denn wichtig ist doch immer der Mensch selbst», meint sie. Diese Einstellung möchte sie auch besonders jungen Leuten in Zeitzeugen-Vorträgen und Gesprächen weitergeben. 

«Lasst genug Platz in eurem Herzen»

In einem Vortrag in der Rudolf-Deckwerth-Schule in Puente Alto sagte sie den Kindern: «Die Liebe ist das größte im Leben. Lasst immer genug Platz dafür in eurem Herzen und passt auf, dass nicht zu viel Hass und böse Gefühle den Platz wegnehmen.» Eine Schülerin habe sie danach umarmt und gemeint, dass sie es unglaublich findet, wie sie so denken kann, da sie doch so viel Schreckliches erlebt hat.

Ana María Wahrenberg verlor über 20 Verwandte im Holocaust, alle vier Großeltern, Tanten, Onkel und Cousins und Cousinen. Ein besonders erschütterndes Dokument ist der Abschiedsbrief ihrer «Omi» Wally Wahrenberg, den sie ihrer Enkelin 1942 schrieb: «Mein geliebtes süßes Mädel, gern erfüll ich deinen Wunsch und weiß nicht, ob wir uns je im Leben schreiben und wiedersehen werden, obwohl ich nur für den einen Gedanke lebe, noch mal mit euch, wenn auch nur für kurze Zeit, zusammen zu sein. Denn ich bin sehr alt und habe so viel durchgemacht, dass du mich schon äußerlich nicht wiedererkennen wirst. Ich bin ganz entstellt durch die enorme Magerkeit. Wie werde ich erst aussehen, wenn ich da wiederkomme, wohin mich das Schicksal in einigen Tagen verpflanzt, man weiß nicht wohin, wann man die Heimat verlassen wird…»

Sie wurde aus Berlin in das Konzentrationslager Theresienstadt am 9. September 1942 deportiert und starb 20 Tage später im Vernichtungslager Treblinka.

Welle Poseidon

Tatsächlich gibt es aber auch eine wunderbare positive Erfahrung, die ihr Mann in der Nazi-Zeit in Deutschland erlebte. Sie erzählt: «Meinen Mann Hans Herrmann lernte ich bei meinem ersten Urlaub, den ich ohne Eltern unternahm, in Pucon kennen und drei Monate später heirateten wir. Er musste auch als jüdischer Berliner aus Deutschland fliehen.» Hans ist 1915 geboren und war Mitglied im Berliner Ruderverein Welle Poseidon. Der Club befindet sich heute am Großen Wannsee.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, erließ er den Arierparagraphen. Juden sollten nur noch in eigenen Vereinen Sport betreiben. Die Nazis machten den nichtjüdischen Mitgliedern immer mehr Druck und drohten mit dem Ausschluss des Vereins aus dem Dachverband. Sie rechneten aber nicht mit deren großer Solidarität: Die Ruderer weigerten sich. «Stattdessen beschlossen die nichtjüdischen Ruderkameraden 1934: `Wir treten selbst geschlossen aus dem Verein aus und ihr bleibt bei der Welle Poseidon. Denn wir haben die Möglichkeit, auch in anderen Vereinen unterzukommen`», berichtet Ana María und fügt hinzu: «Später haben sie sogar ihre jüdischen Freunde bei sich zuhause versteckt. Das ist wahre Freundschaft!»

Im Jahr 1970 zog das Ehepaar für 13 Jahre nach Berlin zurück. «Dort empfingen uns die alten Ruderkameraden von Hans und wir frischten alte Freundschaften wieder auf. Auch Juden, die wieder nach Deutschland eingewandert waren, waren unsere Freunde», erzählt sie.

Gemeinsam flogen die Wahrenbergs von Chile aus zwei Mal nach Berlin, um das 90-jährige Vereinsjubiläum von Welle Poseidon im Jahr 1984 und das 100-jährige im Jahr 1994 zu feiern. Hans Herrmann, der 1996 gestorben ist, und seine Frau sind beide zu stolzen Ehrenmitgliedern des Berliner Rudervereins ernannt worden.

«Wir waren in Chile gleichberechtigte Bürger»

Sie erinnert sich noch an einen Vorfall, als sie mit ihrem Großvater in Berlin zu Fuß unterwegs war: «Wir gingen auf dem Bürgersteig und es kamen uns SS-Männer entgegen. Vorschrift wäre für meinen jüdischen Großvater gewesen, auf die Straße zu gehen und den Hitler-Gruß zu machen – aber er tat es nicht. Daraufhin schmissen ihn die SS-Männer einfach um, und er fiel der Länge nach auf die Straße.»

Als das neunjährige Mädchen noch nicht lange in Chile angekommen war, ging sie mit ihrer Mutter in der Nähe des Moneda-Palastes vorbei. In Erinnerung an dieses traumatische Erlebnis, zog sie ihre Mutter ängstlich am Arm: «Mama, weißt du nicht, dass die Juden vor öffentlichen Gebäuden nicht auf dem Bürgersteig laufen dürfen.»

Dies war für Ana María das Schönste bei ihrer Ankunft: «Wir waren in Chile gleichberechtigte Bürger. Wir wurden nicht mehr diskriminiert. Chile ist ein sehr freundliches Land.» Für ihre Eltern war der Anfang schwer. Ihr Vater Hans leitete in Deutschland die Firma ihres Großvaters, die mit Stoffen handelte. Im Jahr 1938 war sie von den Nazis konfisziert worden.

Die Eltern nahmen in Santiago zunächst die Arbeit an, die sie finden konnten. Ihr Vater arbeitete als Kellner. Ihre Mutter Frieda fand in der Fleischerei Klaber in der Calle Chacabuco eine Anstellung. «Da brachte sie uns manchmal Wiener Würstchen mit», erinnert sie sich. Später war der Vater 1955 Mitgründer der deutschen Freimaurer-Loge Mozart. Ana María erzählt: «Die Ehefrauen haben sich dann getroffen und für soziale Projekte eingesetzt. Sie haben Spenden gesammelt und an Schulen oder Kindern, die behindert waren, weitergegeben» Diesen Freundeskreis habe ihre Mutter ihr Leben lang aufrechterhalten.

Neue Kraft

In ihrem Leben habe es immer unterschiedliche Etappen gegeben, meint sie zurückblickend. Es habe eine Zeit gegeben, in der sie als Mutter oder als Großmutter eine wichtige Rolle spielte. Als ihr Mann gestorben und die Kinder aus dem Haus waren und eigene Familien gegründet hatten, wollte sie sich nützlich machen. Ihr Standpunkt sei, «dass jeder Mensch Spuren für die Zukunft hinterlassen soll. Ich glaube ich bin es meiner Familie und vielen anderen, die ihr Leben lassen mussten, schuldig, für Menschenrechte zu kämpfen. Solche Gewalttaten dürfen nie wieder passieren.» 

Mit dem Wiedersehen mit ihrer Freundin Betty habe sie nicht gerechnet: «Das ist unglaublich!» Sie ist der Ansicht: «Das ist so gekommen, weil ich nicht verbittert bin. Ich bin rausgegangen, habe über mein Leben gesprochen, damit gerade die Jugend erfährt, wie es gewesen ist.» Nur so und durch viele glückliche Zufälle, haben sie und Betty sich wiedergefunden. Sie sagt: «Das hat mir neue Kraft gegeben, um weiter unser Werk fortzusetzen.»

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