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domingo, 11. abril 2021
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Kaum weniger Morde in Mexiko

Kartelle rekrutieren Tausende Kinder

Frauen und Kinder im Juni 2020 und bewaffnete Polizisten mit Masken, die in Mexiko-Stadt den Drogenhandel bekämpfen. Foto: dpa

Der Fund der zerstückelten Leichen zweier Kinder in Mexiko-Stadt im Oktober 2020 sorgte für Entsetzen – selbst in dem von Gewalt gebeutelten Land. Nun ist die Zahl der Morde zum ersten Mal seit fünf Jahren leicht gesunken.

Mexiko-Stadt (dpa) – Im Jahr 2020 wurden 35.614 Mordopfer gezählt. Diese Zahl gab am 20. Januar Präsident Andrés Manuel López Obrador in seiner täglichen Pressekonferenz bekannt. Das waren 0,4 Prozent weniger als im Vorjahr – der erste Rückgang seit 2015.

Die Gesamtzahl fasst 966 Femizide mit ein, also Morde an Frauen wegen ihres Geschlechts – drei mehr als im Jahr 2019. Trotz des Rückgangs gab es im vergangenen Jahr in Mexiko erneut fast 100 Morde pro Tag. Mexiko erlebt immens viel Gewalt, seit Ende 2016 die damalige Regierung dem organisierten Verbrechen den Krieg erklärte und der sogenannte Drogenkrieg ausbrach. Das Blutvergießen geht zu einem großen Teil auf das Konto von Kartellen und Gangs, die am Drogenschmuggel in das Nachbarland USA beteiligt sind.

«In jedem Krieg werden Soldaten gebraucht», sagt der Chef der Kinderrechtsorganisation Redim, Juan Pérez. Die Kartelle hätten daher angefangen, mehr junge Leute zu rekrutieren. Wie sie behandelt werden, kommt laut Pérez der Sklaverei gleich. Wenn sich ein Kind einer Bande anschließe, lebe es im Schnitt noch drei Jahre.

In einem Bericht von 2011 schätzte Redim, dass um die 30.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren für Kartelle arbeiteten. Vor zwei Jahren sprach der damalige designierte Minister für öffentliche Sicherheit, Alfonso Durazo, sogar von 460.000. Verlässliche Zahlen gibt es nicht.

Der Fall der beiden Jungen Alan und Héctor hatte für Aufsehen gesorgt und führte vielen einen besonders schrecklichen Aspekt des sogenannten Drogenkriegs vor Augen: die Rolle von Kindern. Polizisten in der mexikanischen Hauptstadt hatte in einigen Kisten zufällig einen grausigen Fund gemacht: die zerstückelten Leichen von zwei Jungen im Alter von 12 und 14 Jahren. Die beiden waren Freunde und indigener Herkunft. Vier Tage vor dem Fund am 31. Oktober waren sie verschwunden. Sie wohnten in alten, heruntergekommenen Häusern im historischen Zentrum der mexikanischen Hauptstadt, wo lokale Kartelle Kinder als Späher, Drogenverkäufer, Schutzgelderpresser und auch als Auftragskiller anheuern.

Alan und Héctor wurden auf einer Dachterrasse in der Straße República de Cuba – in einem Haus, das das lokale Kartell Unión Tepito nutzt – gefoltert und in Stücke gehackt. Von dort sind es nur wenige Gehminuten bis zu Touristenattraktionen wie dem Nationalpalast, wo Mexikos Präsident lebt, und dem für seine Mariachi-Musiker bekannten Garibaldi-Platz. Als Motiv wird Rache vermutet. 

Nach Medienberichten sollen die Kinder Hinweise zum Aufenthaltsort des Sohnes von «Big Mama» – einer Anführerin der Unión Tepito – gegeben haben. Ihr Sohn Raúl war am Tag, bevor Alan und Héctor verschwanden, ermordet worden.

«Sie streben nach dem iPhone, den Jordan-Turnschuhen», meint der Journalist Óscar Balderas, der an einem Dokumentarfilm über Kinder-Sicarios arbeitet. Ein Grund, warum Gangs gerne Minderjährige rekrutieren, sei, dass diese nach dem Jugendstrafrecht nur für relativ kurze Zeit hinter Gitter müssen, wenn sie erwischt werden.

«Viele dieser Kinder wollen sogenannte Corregeros sein», sagt Balderas. Der Name «Corregero» leitet sich vom Wort «Correcional» für Jugendstrafanstalt ab. Wer nach abgesessener Strafe zurückkommt, erklärt Balderas, sei im Viertel ein Held.

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