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martes, 15. junio 2021
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Zum 150. Jahrestag der deutschen Reichsgründung

Die Geburt des deutschen Nationalstaates

Von Peter Downes

Die dritte Version der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. als Kaiser von Deutschland in Versailles von Anton von Werner vom Jahr 1885 (Die ersten beiden Versionen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.)
crédito: CC BY-SA 3.0, Bundesarchiv

Die Ereignisse der Reichsgründung 1870/71 haben die Geschichte Deutschlands und Europas in entscheidender Weise geprägt. Die Kaiserproklamation im Schloss von Versailles vollendete die seit 1815 beziehungsweise 1848 geforderte Bildung eines einheitlichen Nationalstaates.

Nachdem eine Reichsgründung «von unten» Enttäuschungen und Rückschläge hinnehmen musste, griff der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck die Ziele der Nationalbewegung auf. Schließlich nutzte er sie zur Vergrößerung der Macht Preußens. Die neue deutsche Nation war dann keine Republik, sondern eine konstitutionelle Monarchie. Der Weg zur Reichsgründung verlief jedoch nicht auf friedlichem Wege, sondern ist auch eine Konsequenz von drei Kriegen. 

Die Nationalbewegung 

Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde das «Heilige Römische Reich Deutscher Nation», das Napoleon I. 1806 auflöste, nicht wiedererrichtet. Die europäischen Fürsten und Staatsmänner wollten keine starke Macht in der Mitte Europas. Zudem bestand der Dualismus zwischen Österreich und Preußen fort. So fand man in der Gründung des Deutschen Bundes einen politischen Kompromiss. Dieser lockere Staatenbund bestand aus 41 Mitgliedsstaaten. Drei ausländische Könige herrschten über deutsche Territorien: der englische König in Hannover, der dänische in Schleswig-Holstein und der niederländische in Luxemburg.

Trotz dieses politischen Fleckenteppichs hatte sich in diesen deutschen Territorien eine Nationalbewegung formiert, die von Einheit und Freiheit einer deutschen Nation träumte. Sie betonte die Einheit der Sprache und des Territoriums sowie der Geschichte und Kultur als das Verbindende zwischen den vielen Fürstentümern und den beiden Großreichen Österreich und Preußen, die zu einem freiheitlichen und einheitlichen Nationalstaat führen sollten.

Die nationale Bewegung hielt auch den Repressionen Preußens und Österreichs nach der Revolution von 1830 und dem Hambacher Fest von 1932 stand. Das nationale Gefühl und das Streben nach einer Nation nahmen im Laufe der Jahre weiter zu und die Revolution von 1848/49, mit dem Parlament in der Frankfurter Paulskirche, bildete einen ersten Höhepunkt dieses neu erstarkten Gemeinschaftsgefühls. Als die Abgeordneten in Frankfurt ihre Verfassung beschlossen und dem preußischen König die Kaiserkrone antrugen, war aber die Revolution bereits gescheitert. Sowohl in Österreich als auch in Preußen hatte die Gegenrevolution gesiegt und der preußische König Friedrich Wilhelm IV. war nicht bereit eine Krone von «unten» anzunehmen, an der der «Ludergeruch der Revolution» haftete. 

Der Traum von einer deutschen Nation versiegte aber nicht, sondern bekam in der Gründung von Vereinen und Parteien seinen spirituellen Nachschub. Die Spannungen zwischen Preußen und Österreich verschärften sich und am Ende waren auch drei Kriege, aus denen Preußen siegreich hervorging, entscheidend für die Lösung der Nationalfrage. Die eigentliche Schlüsselfigur zum Weg zur Reichsgründung war dann jedoch Ministerpräsident Otto von Bismarck, der mit seiner Strategie von «Blut und Eisen» die Interessen Preußens durchzusetzen verstand und die Vollendung der Bildung einer Nation herbeiführte. Im Krieg gegen Dänemark (1864) konnte sich Preußen Schleswig und Holstein einverleiben und im Sommer 1866 schlug Preußen dann in der Schlacht von Königgrätz Österreich aus dem Rennen. Die «kleindeutsche Lösung» war damit das Endergebnis. Die Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und die Stärkung des deutschen Zollvereins förderten nicht nur das wirtschaftliche Zusammenrücken der Bundesstaaten, sondern bereiteten den Weg Preußens zur Reichsgründung. Der Krieg gegen Frankreich 1870/71 war dann nur noch die Machtprobe, die Bismarck geschickt als einen Verteidigungskrieg darstellte. Mit dem Sieg Preußens über Frankreich fand die Reichsgründung ihren Abschluss.

Ein preußischer König wird zum «Kaiser der Deutschen»

Bismarck verstand sich als Interessensvertreter Preußens und konnte sich nur eine Nationalbildung Deutschlands unter der Führung Preußens vorstellen. Die Frage musste aber sein, wie Preußen in dem zukünftigen deutschen Nationalstaat eingebunden sein sollte, ohne dass der preußische König an Macht verlöre und ohne dass er nur als belangloser Titelträger dastehen würde. Bismarck musste daher den preußischen König vom Nutzen eines Kaisertitels überzeugen und dabei auch mit den anderen Fürsten ein Einvernehmen aushandeln.    

Mit Rücksicht auf die bayerischen Vorbehalte sah die Verfassung den Titel «Deutscher Kaiser» vor, was aber Wilhelm I. überhaupt nicht gefiel. Er wollte lieber als «Kaiser von Deutschland» bezeichnet werden. Auch einen Thron oder ein überhöhtes Podest wollte er nicht haben. Die Reichsfahne akzeptierte er dann aber ohne Weiteres, da sie die preußischen Farben Schwarz und Weiß enthielt und durch das Rot der Hansestädte ergänzt wurde. Die schwarzrotgoldene Alternative kam für ihn nicht in Betracht, denn sie sei «aus dem Straßenschmutz erstiegen», als ein Symbol einer Reichsbildung von «unten». Er wollte seine Anerkennung aber von den Fürsten und Städten erhalten und seine Macht als Gnadenakt Gottes verstanden wissen. Auch wenn Wilhelm I. sich innerlich noch sträubte, konnte er die anstehende Zeremonie nicht mehr abwenden und verzögern. Formal war die neue Verfassung des Deutschen Reichs bereits am 1. Januar 1871 in Kraft getreten, nun stand der offizielle Akt der Kaiserproklamation an. 

Versailles statt Berlin

Am Mittwoch, dem 18. Januar 1871, schien die Sonne, es war ein wahrhaftiges «Kaiserwetter». Tage zuvor sah es nicht danach aus, da tagelang Nebel das Wetter bestimmte. Zudem waren noch Gefechte zwischen den deutschen und französischen Truppen vor den Toren von Paris im Gang. Diese kamen aber nun pünktlich zur anstehenden Zeremonie zum Erliegen, als die französischen Armeen eine schwere Niederlage erlitten und den Rückzug antraten. 

Im prächtigen Schloss des «Sonnenkönigs», Ludwigs XVI., in Versailles sollte nun die Reichsgründung ihren zeremoniellen Abschluss finden mit der Kaiserproklamation Wilhelms I. Warum fand die offizielle Reichsgründung ausgerechnet in Versailles, in Frankreich, statt, anstatt in der preußischen Hauptstadt Berlin und dem königlichen Schloss? Seit dem Oktober 1870 befand sich das Hauptquartier des preußischen Königs dort. Das Schloss diente den Truppen als Lazarett und die Beschießung Paris hatte gerade begonnen. In dieser Endphase des Krieges schien es nicht angebracht, eine Zeremonie in Berlin zu veranstalten, fernab vom militärischen Geschehen.

Versailles war also nicht wegen ihrer (späteren) symbolhaften Bedeutung als Proklamationsort gewählt worden, sondern aus rein pragmatischen Gründen. Auch das Datum, der 18. Januar, war nicht vorzeitig gewählt worden, weil es der Jahrestag der Krönung Friedrichs I. zum ersten König von Preußen (1701) war, sondern dieses war rein zufällig.

Anders als bei seiner Krönung  in Königsberg vor zehn Jahren als Nachfolger seines verstorbenen Bruders Friedrich Wilhelm IV., war das Schauspiel um das Versailler Schloss weniger festlich, denn man konnte «Kriegsfuhrwerk, Proviantladungen und Viehzutrieb» beobachten. Im Spiegelsaal hatten sich 1.400 Menschen versammelt, darunter Fürsten, Generale, Offiziere und Unteroffiziere, Diplomaten und Angehörige des Hofes.

Reichsgründung «von oben»

Die Feierlichkeit begann mit einem Gottesdienst, in der der Hofprediger Bernhard Rogge sprach: «Was unsere Väter in der Erhebung der Befreiungskämpfe vergeblich sich ersehnt haben, wofür die deutsche Jugend in edler Begeisterung geschwärmt (…). Wir sehen es heute zur Wirklichkeit geworden, sehen das Deutsche Reich wieder auferstanden in alter Herrlichkeit, ja in einer Macht und Größe, die es vielleicht nie zuvor besessen hat, sehen dem Deutschen Reiche seinen Kaiser wiedergegeben(…).» Nach dem Choral «Nun danket alle Gott», wandte sich Wilhelm I.
zunächst an die Fürsten: «Dem deutschen Volke gebe ich meinen Entschluss durch eine heute von mir erlassene Proklamation kund.» Ministerpräsident Bismarck verlas daraufhin die Proklamationserklärung: «Wir (…) bekunden hiermit, dass Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Ruf der verbündeten deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die Deutsche Kaiserwürde anzunehmen». Hier zeigte sich eindeutig, dass es sich um eine Reichsgründung «von oben» handelte.

In der nun folgenden Proklamation selbst bestand zunächst Spannung über den Titel, der nun tatsächlich folgen sollte. Friedrich Großherzog von Baden hob einen Arm hoch und rief dann: «Seine Kaiserliche und königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch! Hoch! Hoch!» Nun hatte das Reich auch seinen Kaiser und die eigentliche Titelfrage war geschickt umgangen worden.

Für Paul von Hindenburg, damals ein junger Leutnant, blieb dieser Augenblick ein prägendes geschichtliches Ereignis in seinem Leben. Er war wie viele «dankbar», dass er hier dem Kaiser «zujubeln» durfte. Der Kaiser aber schrieb am Abend an seine Frau Augusta: «Ich kann dir nicht sagen, in welcher morosen Emotion ich in den letzten Tagen war, teils wegen der hohen Verantwortung, die ich nun zu übernehmen habe, teils und vor allem über den Schmerz, den preußischen Titel verdrängt zu sehen!» Wilhelm I. war nicht der einzige, der Schmerz bei diesem Reichgründungakt verspürte. Auch Prinz Otto, der Bruder des bayerischen Königs Ludwigs II., fand keine Freude an der Zeremonie und berichtete nach Bayern: «Ach, Ludwig, ich kann dir gar nicht beschreiben, wie unendlich weh und schmerzlich es mir während jener Zeremonie zumute war, wie sich jede Phase in meinem Inneren sträubte (…) Welchen wehmütigen Eindruck machte es mir, unsere Bayern sich da vor dem Kaiser neigen zu sehen.»      

Ein zwiespältiges Verhältnis zur Nation

Erlebten somit die Deutschen 1871 die glanzvolle Reichsgründung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, so sollte dieses Reich 1919 am selben Ort ihr dramatisches Ende antreten. Der Versailler Vertrag wurde zu einem Demütigungsakt und besiegelte zugleich das Ende des deutschen Kaiserreiches. War man mit einem gestärkten Nationalbewusstsein in den Ersten Weltkrieg gerannt, zahlte es nun aber mit dem alleinigen Schuldeingeständnis der großen europäischen und globalen Katastrophe. Nach dem Trauma von 1919 erwachte aber erneut ein Nationalgefühl, allerdings nicht unter dem Zeichen von Einheit und Freiheit, sondern mit dem Blick hin zu einem Eroberungskrieg, der die deutsche Nation über alle anderen Nationen gestellt sehen wollte. Der Nationalsozialismus zeigte der Welt, was ein fanatischer Nationalismus auslösen kann und sollte Deutschland und die Welt in eine zweite Katastrophe führen. Infolge der Nachkriegsentwicklungen verlor dann das «neue Deutschland» sehr bald seine Einheit und Freiheit. Deutschland wurde aufgeteilt, in zwei voneinander getrennte Staatsgebilde: die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland. Erst nach 40 Jahren (1989/90) gelang es wieder zu einer einzigen Nation zusammenzufinden. 

Deutschland entwickelte erst infolge der Französischen Revolution ein nationales Gefühl. Zwar bestanden seit dem 10. Jahrhundert Strukturen einer lockeren Verbindung zwischen «deutschsprachigen» Territorien (Städten, Fürstentümern und Grafschaften), die als Heiliges Römisches Reich (später mit dem Zusatz «deutscher Nation») mit dem Kaiser ihren Ausdruck fand, aber bis zur Reichsgründung 1871 bildete Deutschland kein einheitliches Staatsgebilde. Während das Volk seit Anfang des 19. Jahrhundert nach der Einheit und Freiheit einer «deutschen Nation» strebte, bedurfte es Überzeugungsarbeit, um die vielen Kleinstaaten und Fürstentümer des Deutschen Bundes zur Vereinigung hin zu einer Nation zu bewegen. Die traumatischen Erfahrungen aber, die ein überzogener oder gar fehlgeleiteter Nationalismus hinterlassen kann, zeigen sich bis heute als Folge der beiden Weltkriege und vor allem des Nationalsozialismus.

Die Deutschen haben bis heute ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Nation. Innerhalb Europas und in der Welt genießt Deutschland hohes Ansehen, aber im Inneren sind die regionalen Unterschiede nicht nur in der föderativen Struktur der Bundesstaaten deutlich, sondern auch bei der Suche nach einheitlichen Lösungen zu gemeinsamen Herausforderungen und Problemen – nicht nur im gegenwärtigen Umgang mit Covid-19. Sprachlich, geschichtlich und kulturell ist eine nationale Einheit sicherlich erkennbar, aber nicht ein gesundes Nationalgefühl, ein wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl.

Wenn dieses Jahr in Chile die Arbeit an einer neuen Verfassung angegangen wird, sollte sich auch hier ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl bilden und dieses sich dann auch in der neuen Verfassung widerspiegeln. Eine Nation sollte integrativ wirken und seine Bürger zur Einheit in Freiheit führen..

Leseempfehlung: Michael Epkenhans, Die Reichsgründung 1870/71, München: Beck 2020

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