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martes, 15. junio 2021
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Chronik einer Reise von Hamburg nach Valparaíso vor 200 Jahren

Der hanseatische Kaufmann Eduard Wilhelm Berckemeyer

Von Dietrich Angerstein

Eduard Wilhelm Berckemeyer während seines Aufenthaltes als Konsul von Hamburg in der Hafenstadt Valparaíso: Der Senat der Stadt Hamburg zollte seiner Tätigkeit höchste Anerkennung, auch noch nach seinem Tod.

Eduard Wilhelm Berckemeyers (1798-1843) Tagebuchaufzeichnungen und Briefe sind wichtige Zeugnisse des Südamerikahandels. Die zeitgenössischen genauen Schilderungen des Hanseaten waren wohl auch ein Grund für seine Ernennung zum Vertreter des Hamburger Konsuls in Valparaíso. Seine Ernennung zum Konsul erlebte er nicht mehr.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Anwesenheit deutscher Unternehmer, also der Vertreter von Bremer, Hamburger aber auch preußischer und rheinländischer Häuser, in Valparaíso verstärkt. Man kann durchaus sagen, dass nach den britischen Geschäftshäusern die deutschen von der pazifischen Westküste, über Valparaíso bis hinauf nach Kalifornien den Handel fest in der Hand hatten.

Die Schiffsregister des Hafens im Jahr 1841 vermeldeten die Ankunft von 660 Hochseeschiffen aller Nationen, unter ihnen zeigten 21 Hamburger und sechs Bremer Flagge, während 15 dänische Fahnen am Top hissten. Allerdings kamen diese meist aus Schulau oder Altona, beides Häfen, die damals dem dänischen Königreich angehörten. Sogar Preußen, das in jenen Zeiten bestimmt keine Seemacht war, ließ schwarz-weiße Fahnen zeigen: Diese Schiffe kamen aus der Hansestadt Lübeck.

So geschah es, dass der ursprünglich aus Westfalen stammende Kaufmann Bernhard Phillip Berckemeyer in Hamburg am 1. Januar 1795 die Firma Berckemeyer und Co. gründete mit der Absicht, seinen Handel mit Südamerika kräftig auszudehnen. Übrigens besteht das vor vielen Jahren gegründete Unternehmen heute immer noch, wenn auch unter einem anderen Namen. Der Firmengründer kaufte damals im Jahre 1799 ebenfalls das Landgut Groß-Thurow in Mecklenburg. Es wurde der Wohnsitz der Familie und damit auch Wohnort und Heimat des Eduard Wilhelm Berckemeyer, der uns heute beschäftigen soll.

Mutter Cecilia Böhl

Cecilia Böhl de Faber, Künstlername Fernán Caballero, Cousine von Eduard Wilhelm Berckemeyer (Porträt von Valeriano Domínguez Bécquer, 1858, Museo del Romanticismo in Madrid)

Endgültig an der Waterkant ansässig heiratete im Jahre 1796 der Firmengründer Bernard Phillip Berckemeyer die Hamburgerin Cecilia Böhl, Tochter eines angesehenen Hamburger Kaufmanns. Dieser betrieb seinerzeit auch das größte deutsche Geschäft in Cadiz in Spanien. Dazu muss erklärt werden, dass im spanischen Kolonialreich nur spanische Unternehmen auf spanischen Schiffen Handel mit den Kolonien betreiben durften. Dies veranlasste Hamburger Häuser über die «Casa de Contratación» in Sevilla, später in Cadiz, diese Bestimmung zu umgehen. Es wurden Waren sozusagen «verspanischt» und dadurch leider stark verteuert, um sie nach Südamerika auf spanische Schiffe verladen zu können. Nach Aufhebung dieser Beschränkung durch die neuen unabhängigen Republiken Lateinamerikas verloren die Niederlassungen deutscher und österreichisch-ungarischer Unternehmen in Cadiz an Bedeutung. Nun liefen die Geschäfte direkt ohne Auflagen und ohne zusätzliche Steuern rasch und erheblich billiger ab. 

In Cadiz, in der Niederlassung des Hamburger Hauses Böhl, wirkte der Bruder von Cecilia Berckemeyer geb. Böhl seines Amtes, was ihren Sohn Eduard Wilhelm Berckemeyer mehrfach veranlasste, diesen Onkel dort zu besuchen. Onkel Julian Nikolas Böhl hatte eine Spanierin aus der «Alta Sociedad» geheiratet. Aus der Ehe war Tochter Cecilia Böhl hervorgegangen, die sich bald in Spanien eines besonderen Rufes als Schriftstellerin erfreuen sollte. Allerdings nicht unter ihrem richtigen Namen, sondern als «Fernán Caballero». Denn Frauen war es im erzkonservativen, schwarzen Spanien nicht erlaubt, schriftstellerisch hervorzutreten. Zahlreiche zeitgenössische Romane gehen auf das Konto dieser Cousine unseres Eduard Wilhelm Berckemeyer. Sie alle enden mit einer wohlgemeinten moralischen Belehrung, wie man es im frommen Spanien erwartete.

Erster Besuch in Valparaíso

Eduard Wilhelm Berckemeyer kam am 20. November 1798 in Hamburg mit einer körperlichen Behinderung zur Welt, die es ihm im späteren Leben nicht erlaubte im Geschäft des Vaters oder gar in der Verwaltung des Gutes Groß-Thurow tätig zu werden. Diese, als Verwachsung geschilderte Behinderung, zwang ihm einerseits die ständige Begleitung eines Dieners auf, förderte dagegen andererseits seine geistigen Fähigkeiten. Im Gespräch mit ihm hinterließ er einen intelligenten und kultivierten Eindruck. Zudem reiste er viel, um seinen Horizont zu erweitern.

Nach dem unerwarteten Tod seines Vaters im Jahre 1816 und mehreren Besuchen des Böhlschen Unternehmens in der spanischen Hafenstadt Cadiz, teils auf dem damals sehr beschwerlichen Landweg, teils auf dem Seeweg, beschloss er im Revolutionsjahr 1824 zum ersten Mal seinen Fuß auf südamerikanischen Boden zu setzen. Er reiste über Spanien nach Buenos Aires. Dort trat er in die Firma John Parish, Robertson & Co. ein, die jedoch Anfang 1827 schließen musste. Der Krieg zwischen Argentinien und Brasilien hatte das Geschäft zum Erliegen gebracht. John Parish, Robertson & Co. schloss die Pforten. 

Eduard Wilhelm Berckemeyer scheute kein Wagnis. Er durchquerte den südamerikanischen Kontinent, reiste quer durch die Pampa nach Chile, wo er im Mai des Jahres 1927 in Santiago eintraf. Dort traf er seinen alten Freund Gustav Busch, der auch schon allerhand lebensgefährliche Abenteuer überstanden hatte.

Dieser unglückliche Freund – er wurde ein halbes Jahr später nahe Montevideo ermordet – stellte ihn Herrn Dubern, Geschäftsführer des Hauses Dubern, Rejo & Co., vor. Dieser bot ihm eine Stelle zu günstigen Bedingungen in seiner Filiale in Tacna/Peru an. Heute würde man ihn als Controller bezeichnen.

Tacna war damals der wichtigste Umschlagplatz für Waren, die nach La Paz in Bolivien weitergeleitet wurden und da geschah so allerlei. Regelmäßig passierte es, dass das Geld für kommissionierte Ware, das über Tacna nach Bolivien floss, nur zur Hälfte den Weg zurückfand, die andere Hälfte als Reibungsverlust irgendwo unterwegs hängenblieb. Aufgabe von Eduard Wilhelm Berckemeyer sollte sein, Warenfluss und Geldeingang zu kontrollieren, was ihm wahrlich schwergemacht wurde – sogar vom Sozius seines Arbeitgebers Fermín Rejo.

Es kam, wie es kommen musste: Die Gelder verschwanden zwischen Peru und Bolivien. Eine schöne Dame aus Lima, die sich der besonderen Gunst des Teilhabers Rejo erfreute, trug auch kräftig zum Verlust zu ihren Gunsten bei. Unter solchen Umständen sah sich Eduard Wilhelm Berckemeyer veranlasst, der Firma Dubern, Rejo & Co. den Rücken zu kehren und über Valparaíso im November 1828 nach Hamburg zurückzukehren. Kein erfreuliches Ende seines ersten Besuches in Chile. 

Zweiter Besuch in Valparaíso

Es sollte nicht bei dieser ersten Reise bleiben. Neun Jahre später trat er die zweite an, dieses Mal am 29. Juni 1837 an Bord der dänischen Fregatte «Creole» unter Kapitän Jörgensen. Auf dieser Reise, die bis Valparaíso ganze 126 Tage in Anspruch nahm, erlebte er nur Widrigkeiten. Der Reeder, ein Däne aus Apenrade, hatte durch Glück, Sachkenntnis, eine erbärmliche Ausrüstung des Schiffes und durch die schlechte Behandlung seiner Mannschaft viel Geld verdient. Die «Creole» war der Beweis. Alle Lebensmittel waren von der schlechtesten Qualität: die Eier, die der Kapitän mitgenommen hatte, verfault, die Heringe nicht mehr frisch, die Schinken verdorben, das Wasser faulte in den Pipen.

Trotz Magenverstimmung aller Reisegäste und starker Stürme bei der Überwindung des Kap Hoorn kam Eduard Wilhelm Berckemeyer am 4. November 1837 wohlbehalten in Valparaíso mit Diener Friedrich und Sekretär Karl Christian Eberhard Hilliger an. Letzterer wird auch öfters als Jorge Hilliger bezeichnet, was sich jedoch später als Irrtum erweisen sollte. 

Valparaíso hatte sich in den verflossenen neun Jahren gewaltig verändert, jedenfalls war Eduard Wilhelm erstaunt über die Verbesserungen. Die Stadt empfing ihn bei heiterem Wetter und mit freundlichen Blicken, wie er selbst es beschrieb. Die alten Geschäftshäuser waren gewachsen, Handel und Wohlstand hatten sich vermehrt – es gab viele Verbesserungen, die den Reisenden täglich erneut überraschten. Auch die angesehensten Kaufleute teilten seine Meinung.

Da sich Eduard Wilhelm Berckemeyer auf einen Aufenthalt von mindestens fünf Jahre einrichtete, bezog er ein freundliches Haus auf dem «Cerro Alegre» Er bezeichnete es als klein und fügte in einem Brief an seine Mutter gleich eine Zeichnung bei. Es kann aber bei heutiger Betrachtung wirklich nicht als klein bezeichnet werden. Akribisch und pedantisch, Eigenschaften, die ihn seit jeher kennzeichneten, fügte er der Beschreibung auch eine Aufstellung der Lebenskosten in Valparaíso bei sowie Preise für Lebensmittel, Grundstücke, Gebrauchsgegenstände und Berechnungen der zurückgelegten Entfernungen – sowohl der Seereise als auch der im Inland. Da ihm bewusst war, dass diese Preise in chilenischen Pesos oder Reales in Groß-Thurow in Mecklenburg nicht verständlich sein dürften, fügte er auch gleich eine Umrechnungstabelle in britischen Pfund, Dollar und Courantmark der hanseatischen Währung bei. Alles das gerichtet an seine Mutter, der «edlen Frau Wwe. Cecilia Berckemeyer geb. Böhl, ehrfurchtsvoll» gewidmet von ihrem Sohn. Dies sind Dokumente, denen wir heute eine ausführliche Beschreibung der damaligen Verhältnisse und Lebenskosten in Valparaíso verdanken.

Konsul in Valparaíso und Selbstmord auf dem Cerro Alegre

Eduard Wilhelm Berckemeyer schreibt selbst, dass er in seiner Absicht, mindestens fünf Jahre in Valparaíso zu bleiben, bald schwankte. Denn kaum zeigte sich eine günstige Gelegenheit, ein lohnendes Geschäft zu machen, so vergaß er alle früheren Pläne und schiffte sich schon nach drei Monaten wieder auf der britischen «Brigg Rimac» unter Kapitän William Dixon nach Liverpool ein, wo er am 27. Mai 1838 eintraf. Mit hanseatischer Akribie errechnete er Zeit und Entfernung, kam auf 107 Tage für die Reise Valparaíso-Liverpool und eine zurückgelegte Entfernung von 2.867 deutschen Meilen.

Nur kurz sollte sein Besuch in Hamburg sein. Zunächst traf ihn ganz überraschend die Ernennung zum argentinischen Konsul in der Hafenstadt, was er ablehnte. Grund war wohl auch seine Unkenntnis über die Veranlassung dieser unerwarteten Ehrung. Außerdem zog es ihn mit Eile wieder nach Valparaíso. Über die Abwicklung des «geldlohnenden Geschäftes» in Hamburg ist wenig bekannt, jedoch schon Mitte 1839 traf man ihn wieder in Valparaíso an, wo er als Vertreter des Hamburger Konsuls Mutzenbecher auftrat. 

Konsul Heinrich Mutzenbecher, einer alten hanseatischen Kaufmannsfamilie angehörig, war Teilhaber einer der ältesten deutschen Unternehmen in Valparaíso, der Firma Huth Grüning & Co. Aus Gesundheitsgründen sah er sich gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren, versprach aber nach ungefähr einem Jahr wiederzukommen. Inzwischen sollte Eduard Wilhelm Berckemeyer das Amt als Vertreter des Konsuls weiterführen. 

Anfangs glaubte Eduard Wilhelm Berckemeyer, das Amt eines hanseatischen Konsuls nicht mit seinem Geschäft vereinbaren zu können und schlug bei verschiedenen Gelegenheiten vor, einen neuen Vertreter zu ernennen. Es fand jedoch
sein Gesuch beim Hamburger Senat kein Gehör, zu gut waren seine allgemeinen Berichte über die mit der Abfertigung Hamburger Schiffe zu verrichtenden Arbeiten, überhaupt alle Nachrichten, die aus Valparaíso in Hamburg eintrafen. Ganz besonders bemühte sich Berckemeyer auch um die Betreuung der aus Deutschland und aus Mitteleuropa eintreffenden Einwanderer.

Die Abwesenheit des Konsuls Mutzenbecher verlängerte sich, denn trotz Behandlung und Seebädern verschlechterte sich sein Zustand, sodass er «dem von ihm verwalteten Consulate zu Valparaíso entsage». Mutzenbecher kehrte nicht nach Chile zurück, er starb in Hamburg im April 1848.

Es dauerte eine geraume Zeit, bis man sich in Hamburg entschloss, den bisherigen Vertreter Eduard Wilhelm Berckemeyer endgültig zum neuen Konsul in Valparaíso zu ernennen. Der lange Seeweg beanspruchte zusätzliche Monate, bis die endgültige Ernennung in Valparaíso eintraf, aber da war es leider schon zu spät.

Eduard Wilhelm Berckemeyer war am 4. November 1843 freiwillig aus dem Leben geschieden. Ein Freund, dem er als Bürge gedient und der ihn um sein ganzes erspartes Vermögen gebracht hatte, bewog ihn zu diesem endgültigen, tragischen Entschluss. Über Nacht stand er völlig mittellos da, für E.W. Berckemeyer war der Suizid die letzte mögliche Konsequenz geworden.

Seine letzte Amtshandlung als Vertreter des Hamburger Konsuls liegt heute in der Commerz-Bibliothek in Hamburg vor: Es ist der Bericht über die eingelaufenen Schiffe in Valparaíso im Jahre 1842, erstellt im Januar 1843. Es wurden 725 Hochseeschiffe registriert, darunter allein unter Hamburger Flagge 32 Schiffe mit einer Ladung von 7.800 Tonnen. 

Eduard Wilhelm Berckemeyer ist nicht zu verwechseln mit den Vorfahren der Familie Berckemeyer, die heute in Peru politisch und wirtschaftlich eine bedeutende Rolle spielt. Diese sind Nachkommen von Johann Hinrich Berckemeyer, Bruder und Geschäftspartner von Bernard Philipp Berckemeyer, der 1816 gestorben ist..

Quelle: Tagebuch der Reise von Hamburg nach Valparaíso mit dem dänischen Schiff Creole. Sammlung von Briefen und Beschreibungen von Eduard Wilhelm Berckemeyer an seine Mutter, herausgegeben von Ernst Hierke, Hamburg 1855

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