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domingo, 19. septiembre 2021
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100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt

Die Schweiz und ihr Fritz

Friedrich Dürrenmatt
Friedrich Dürrenmatt bei der Verleihung des Ernst-Robert-Curtius-Preises für Essayistik 1989 in Bonn, Elke Wetzig, CC BY-SA 3.0

Friedrich Dürrenmatt, einer der ganz Großen der deutschsprachigen Literatur: Im Dezember 2020 jährte sich sein 30. Todestag, im Januar sein 100. Geburtstag. Die Schweiz feiert ihren Schriftsteller und Maler.

Fieber, Schnupfen, körperliche Veränderungen. «Eine Virusepidemie war ausgebrochen», steht in der sehr aktuell wirkenden Geschichte von Friedrich Dürrenmatt, dem Schweizer Autoren und Dramatiker, der am 14. Dezember vor 30 Jahren starb. 2021 wird Jubiläumsjahr: Fritz, wie der Autor zeitlebens bei Familie und Freunden hieß, wäre am 5. Januar 100 Jahre alt geworden.

Die Virus-Geschichte spielt in Südafrika zur Zeit der Apartheid. Das Virus macht weiße Menschen schwarz. Die weiße Herrscherclique besteht darauf, dass jeder ein Emaille-Schild tragen muss: die schwarz gewordenen Weißen ein weißes mit der schwarzen Aufschrift «weiß», die anderen umgekehrt. Bis sich die einstmals Weißen erregen, dass «weiß» schwarz geschrieben ist und sie goldene Lettern fordern.

Die Erzählung wurde erst nach dem Tod Dürrenmatts veröffentlicht, den viele aus dem Deutschunterricht kennen wie «Der Besuch der alten Dame» und «Die Physiker». Im Frühjahr 2021 plant der Diogenes-Verlag einen neuen Band mit unveröffentlichten Fragmenten aus Dürrenmatts Feder.

Apropos Feder: Was viele nicht wissen, ist, dass der Autor auch gemalt und gezeichnet hat. Er hat sie nie verkauft, höchstens verschenkt. Bekannt sind mehr als 1.700 Werke. «Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen», erläuterte Dürrenmatt einmal selbst.

Dürrenmatt verbrachte 38 Jahre bis zu seinem Tod in der französischsprachigen Schweiz. Vallon d’Ermitage heißt die Gegend oberhalb von Neuchâtel/Neuenburg. Dort wuchsen seine drei Kinder auf, dort starb seine erste Frau Lotti 1983. Seine zweite Frau, die deutsche Regisseurin Charlotte Kerr, trieb den Ausbau des Wohnhauses zu dem im Jahr 2000 eröffneten Museum Centre Dürrenmatt voran.

Als Maler hat der Künstler sich auch an den eigenen Wänden verewigt: Sixtinische Kapelle wird eine Gästetoilette genannt, in der Dürrenmatt jeden Zentimeter mit Figuren aus seinen Werken bemalt hat. Dort sind unter anderem Romulus und Minotaurus zu sehen und auch ein kleiner Papst, die alle auf das stille Örtchen hinunterstarren.

Der Autor schrieb sich seinen Ruhm in jungen Jahren zusammen: Anfang der 60er Jahre, mit Anfang 40, stand er auf dem Zenit seiner Karriere. Erschienen waren die Prosa «Der Richter und sein Henker» (1952), «Der Verdacht» (1953) oder «Die Panne» (1956) und die Theaterstücke «Der Besuch der alten Dame» (1956) und «Die Physiker» (1962). Die spätere Bilanz war durchwachsen, Dürrenmatt fiel mit mehreren Theaterstücken bei Publikum oder Kritikern durch. Trotzdem hat er weiter geschrieben, an Charlotte in den 80er Jahren auch verliebte Blödelverse: «Das Nashorn schreibt der Tigerin/ich habe nichts als dich im Sinn/denn ich denke vorne/über meinem Nasenhorne/Unter meiner Stirn/liegt das dich liebende Gehirn.»

«Der Besuch der alten Dame» wird bis heute in aller Welt gespielt. «Durch Dürrenmatt halten viele Chinesen die Schweizer für sehr klug und humorvoll», sagte etwa ein chinesischer Literaturprofessor 2015 in der Zeitschrift «Du». Der senegalesische Regisseur Djibril Diop Mambéty hätte mit dem verfilmten Stoff («Hyänen») 1992 fast die Goldene Palme in Cannes bekommen.

Dürrenmatt wurde als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt, den er aber nie bekam – genauso nicht wie der andere große Schweizer Autor des 20. Jahrhunderts, der zehn Jahre ältere Max Frisch («Biedermann und die Brandstifter», «Andorra»). Sie verband eine schwierige Freundschaft mit Konkurrenzgehabe, wie Ueli Weber in einer neuen Biografie schreibt.

Auf einer gemeinsamen Venedig-Reise 1967, erwähnt Weber Erinnerungen von Frischs Frau Marianne Frisch-Oellers, seien die beiden am Morgen nach der Verkündung des Nobelpreisträgers einzeln aus dem Hotel geschlichen, um in der Zeitung zu schauen, wer den Preis bekommen hatte – das war ja lange vor den Zeiten des Internets. Beide seien mehr erleichtert gewesen, dass nicht der andere gewonnen hatte, als dass sie bedrückt gewesen seien, übergangen worden zu sein.

Bis zu den Welterfolgen plagten Dürrenmatt, der schon als Schüler beschloss, Maler oder Schriftsteller zu werden, Geldsorgen. In einer Art Crowdfunding ermunterte die Zeitschrift «Beobachter» Leser 1952, Dürrenmatt im Gegenzug für Fortsetzungsgeschichten über drei Jahre monatlich mindestens fünf Franken zu zahlen.

Der Schriftsteller war Diabetiker und erlitt mit 48 Jahren den ersten Herzinfarkt. Er war sich sicher, nicht alt zu werden, was ihn von Essgelagen mit Freunden und weinseligen Abenden mit Schätzen aus seinem wohlbestückten Weinkeller nicht abhielt. Als jemanden mit hemdsärmeligem Humor beschreiben ihn Weggefährten in Webers Biografie. Auch mit Arroganz: Über (den späteren Nobelpreisträger) Günter Grass meinte er, der sei «zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben». Frisch sei ein flotter Kerl, «aber was er schreibt, ist manchmal ganz furchtbar». Er habe nicht gewusst, dass diese Aussagen veröffentlicht würden, sagte Dürrenmatt später.

Ein Provokateur war er auch, der bei Auftritten für Überraschungen gut war. Kurz vor seinem Tod hielt Dürrenmatt 1990 in Rüschlikon eine seiner berüchtigten Reden. Anlass war eine Preisverleihung an Václav Havel, den Schriftsteller und ehemaligen Dissidenten, der einst im Gefängnis saß und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende 1989 Präsident der Tschechoslowakei geworden war. Auch die Schweiz sei ein Gefängnis, in dem die Gefangenen gleichzeitig die Wärter seien, sagte Dürrenmatt vor versammelter konsternierter Politprominenz.

Charlotte Kerr wollte den Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag am 5. Januar 1991 mit Fritz entfliehen und auf Weltreise gehen. Große Lust habe Dürrenmatt nicht gehabt, berichteten Freunde laut Biografie. «Tüet mi nid gäng spränge» sagte er – auf Hochdeutsch etwa: «Hetzt mich nicht die ganze Zeit.» Vor der Abreise starb er – zehn Tage vor Heiligabend – zu Hause.

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