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miércoles, 14. abril 2021
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Silvester auf der Sandbank

«Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!»

Von Dietrich Angerstein

Fischkutter Walter, das Flaggschiff der Fabrik auf der Marinewerft in Punta Arenas: Einmal im Jahr musste der Bart (die Algen), die sich am Kasko, dem Rumpf, angesetzt haben, abgekratzt werden und darauf folgte ein neuer Anstrich mit wasserfester Spezial-Farbe. Die Goleta «Esmeralda» war um einige Tonnen größer.

Also eigentlich wollten wir die Neujahrsnacht ganz anders feiern, aber erst denkt der Mensch und dann kommt es doch nicht wie geplant. So geschah es auch irgendwann Ende der fünfziger Jahre. Ich arbeitete damals am Aufbau einer Fischkonservenfabrik in einem gottverlassenen Ort, der damals – genauso wie heute – Porvenir hieß und sich auf der Insel Feuerland befindet. Nicht nur damals musste man lange auf der Landkarte nach ihm suchen, nach einem Ort ohne regelmäßiges elektrisches Licht, ohne Wasserleitung und ohne vernünftige Flugverbindung, gerade gegenüber von Punta Arenas, jenseits der Magallanes-Straße. Flüge gab es nur dreimal in der Woche mit einer alten klapprigen DC-3 von LAN.

Das alles sollte sich rasch ändern, wie deutsche Investoren meinten. Sie glaubten, dass der Aufbau einer Fischkonservenfabrik rasch für Wohlstand in dieser Gegend am Rande der Welt sorgen würde. Ich muss jedoch zugeben, dass mir die Arbeit großen Spaß machte – weit entfernt von lästigen Inspektoren und Besuchern, die meist weiter nichts Besseres im Sinn hatten, als gute Ratschläge zu erteilen. Wenn auch die Unterbringung und die allgemeine Versorgung viel zu wünschen übrigließen – jedenfalls für einen verwöhnten Großstädter, aber als solcher fühlte ich mich nicht.

So geschah es! Neujahr rückte heran, der einzige Flug nach Punta Arenas war längst ausgebucht. Da saßen wir auf Feuerland: meine Wenigkeit, ein paar junge Ingenieure der Enap, andere von irgendwelchen Behörden oder Firmen, ein «Subteniente» von den Carabineros: Zusammen waren wir ungefähr 18 Mann, alle von dem Wunsch beseelt, Silvester in Punta Arenas zu feiern. Ich hatte mich zur Feier im Hotel Cosmos angemeldet, das heutige Hotel Cabo de Hornos war noch nicht einmal in Planung.

Wir heuerten die Goleta «Esmeralda» an, ein recht altersschwaches Schiff, ein Seelenverkäufer, der eigentlich dem Transport von Schafen zwischen den Inseln diente und seinem – in Chile historischen – berühmten Namen wahrlich keine Ehre machte. Sein heiserer, krächzender Dieselmotor stieß Rauchschwaden aus, die denen einer gutgehenden Dampflokomotive gleichkamen. Die Abfahrt wurde für sieben Uhr festgesetzt, bei einer berechneten Fahrtzeit zum Hafen Punta Arenas von drei Stunden, wobei der Schub, der aus der Bucht von Porvenir auslaufenden Ebbe selbstverständlich eingerechnet werden musste.

Wie zu erwarten, verschob sich die Abfahrt um eine Stunde. Ein von einem weiter entfernt liegenden «Campamento» herbeieilender Jüngling musste noch abgewartet werden. Schon liefen die Sprechfunkgeräte heiß; die immer kräftiger auslaufende Ebbe – es war Springflut-Zeit – ließ Angst aufkommen, denn als Fischerei-Betreiber hatte ich einen Kurs über Gezeiten-Berechnung absolvieren müssen. Obwohl die Meeresgezeiten über Jahre hinaus im Voraus festgehalten werden, muss jeder angehende Seemann – oder auch nicht angehende – anhand komplizierter Formeln mühsam für die Hafenbehörde büffeln und Ebbe und Flut berechnen. Chiloten, die Bewohner der Insel Chiloé, brauchen das nicht, sie sehen nur aufs Meer und wissen Bescheid.

Endlich legten wir an der Mole von Porvenir ab. Unser Dieselmotor tuckerte, sonst herrschte ausnahmslos beinahe Windstille – sehr selten im Sommer in Magallanes. An Bord stieg die Stimmung, die ersten Whisky-Flaschen wurden geköpft. Whisky war in jenen Jahren billiger als der chilenische Rotwein. Punta Arenas als Freihafen zeigte eben auch Vorteile.

Centolla-Anladung in Porvenir: Manche Prachtexemplare erreichten eine Spannweite bis zu einem Meter, ihr Fleisch füllte vier Dosen.

Aber weit kamen wir nicht. Die schmale S-förmige Ausfahrt aus der Bucht Porvenir in die Magallanes-Straße und die auslaufende Ebbe wurde zum Ende der geplanten frohen Reise. Der erste Bogen – der Seemann würde sagen: «La primera caída a babor» – war gerade noch geschafft, da knirschte es unter dem Kiel. Wir saßen fest! Nun wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt: vorwärts-rückwärts, der Motor rauchte immer stärker, unser Steuermann brüllte. Mannschaft und Reisende versuchten durch wechselseitige Belastung, Hin- und Herlaufen von Backbord zu Steuerbord, von Bug zu Heck den «Kahn» flott zu kriegen. Es half nichts, immer stärker war die Strömung der auslaufenden Wassermassen zu spüren. Nach gut einer Stunde saßen wir vollständig auf dem Trockenen und die «Esmeralda» neigte sich nach Backbord. Seile mussten nach Steuerbord ausgelegt werden, um ein Kentern des Schiffes zu verhindern.

Jedenfalls arbeiteten wir alle zusammen die ganze Nacht, hell erleuchtet von einer freundlichen Sonne, denn in Magallanes geht die Sonne im Sommer erst nach elf Uhr nachts unter. Die Dämmerung währt nahezu zwei Stunden. Obendrein belächelt von grinsenden, schadenfreudig zuschauenden zurückgebliebenen «Porvenirern», die eiligst herbeigeeilt waren – nicht um zu helfen, denn da gab es nichts zu helfen. Aber dieses Schauspiel wollten sie sich dann doch nicht entgehen lassen. Später sorgten die Schaulustigen sogar für Nachschub an Alkoholika; gefeiert wurde an Bord, unter uns und nicht so schön wie geplant im «Cosmos». Lag es am Whisky, dass die Schräglage der «Esmeralda» entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis den aufgelaufenen Fahrgästen gemessen an der eigenen Lage bald ausbalanciert schien? 

Gegen 4 Uhr morgens setzte die Flut, der Rückfluss ein, zwei Stunden später waren wir flott. Und da erinnerte ich mich eines Spruches, den mir bei den Gesprächen über den Bau einer Fischkonservenfabrik ein alter Seemann in Hamburg auf den Weg gegeben hatte: «Denken Sie daran: Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!»

Fischer am Ende der Welt sind harte, derbe Leute: In Zeiten des Centolla-Fangs lebten sie in Lagern tief in den Fjorden, weit entfernt jeder menschlichen Behausung und meist kamen sie aus Chiloé; nach Ende der Saison trug jeder einen gehörigen Batzen Geld nach Hause.

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