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sábado, 5. diciembre 2020
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Buch: Biographie eines deutschstämmigen Offiziers

Diplomatie und Gesellschaftsleben aus militärischer Sicht

Von Walter Krumbach

Das Buch ist eine Hommage des Autors an seinen Urgroßvater. Francisco Leonel Riveros ist Oberst des chilenischen Heeres und war in dieser Eigenschaft als Militärattaché an den Botschaften in Deutschland und der Schweiz tätig. Der Vorfahre war, wie sein Enkel es bereits auf dem Buchdeckel anführt, «der erste General des chilenischen Heeres, der Sohn eines Deutschen war». 

Francisco Lagrèze Frick lebte zwischen 1873 und 1948. Kurz vor Ausbruch des 1891-er Bürgerkrieges absolvierte er die Militärschule. Die Auflösung des Heeres im Dezember 1890 unterbrach seine Ausbildung, die er im August des folgenden Jahres wieder aufnehmen konnte. Im Februar 1892 machte er als Artillerieleutnant seinen Abschluss. Kaum zwei Jahre später reichte er sein Entlassungsgesuch ein, da er nicht bereit war, in einem Heer zu dienen, deren Führungskräfte er für «politisiert» hielt. Anderthalb Jahre später nahm er jedoch die Gelegenheit wahr, den Streitkräften wieder beizutreten, weil er die Garantie zu haben glaubte, nunmehr eine professionelle – will heißen: apolitische – Laufbahn einschlagen zu können. Es war die Epoche der Modernisierung des Heeres durch Emil Körner. Nach dem bewährten preußischen Vorbild führte dieser deutsche Soldat eine gründliche Reform durch. 1894 brachte er 32 Offiziere nach Chile, mit denen er eine, wie es damals hieß, «preußische Schule» aufbaute und das Heer völlig umgestaltete. Lagrèze schloss sich dank seiner guten Deutschkenntnisse der Gruppe an, beriet die Neuankömmlinge mit seiner Kenntnis des Landes und der Mentalität seiner Bewohner und übersetzte Handbücher und Verordnungen ins Spanische.

Im Jahr 1898 wurde er nach Deutschland abkommandiert. Lagrèze war nun Oberleutnant und diente im Artillerieregiment Nummer 2 in Stettin. Hier knüpfte er Kontakte mit deutschen Kameraden und Persönlichkeiten der gehobenen Gesellschaft, die er für den Rest seines Lebens aufrechterhalten sollte.

Nach 37 Dienstjahren wurde Francisco Lagrèze gegen Ende des Jahres 1927 in den Ruhestand versetzt. Er blieb jedoch weiterhin aktiv. Als er 1935 eine Deutschlandreise plante, beauftragte ihn der Oberkommandierende des Heeres, in Europa Einrichtungen des Finanzsektors und Fabriken zu besuchen. Lagrèze frischte während der zehnmonatigen Reise somit nicht nur alte Bekanntschaften aus militärischen und diplomatischen Kreisen auf, sondern erforschte für seine Auftraggeber den aktuellen Stand der Rüstung in Deutschland und die Standpunkte seiner Kollegen über die dortigen Geschehnisse. Am  22. Mai wurde er vom Ehepaar Krupp empfangen und besichtigte deren Waffenfabrik. Am
1. August erlebte er im Berliner Olympiastadion die Eröffnung der Olympiade. 

Der chilenische General verfasste ein 390-seitiges Tagebuch über die Reise, von dem Riveros den markantesten Äußerungen ein ganzes Kapitel einräumt. So beschreibt Lagrèze am 20. April 1936 in allen Einzelheiten, wie er der Einladung zu Hitlers Geburtstagsparade Folge leistet, gibt an, wievel Mann, Pferde und Fuhrwerke daran teilnehmen und mokiert sich über «den höchst übertriebenen Parademarsch mit einem äußerst lächerlichen Hüpfer» («la marcha de parada exageradísima y con un saltito sumamente ridículo»). Am 24. April besucht er ein Konzert im Berliner Funkhaus. Die Eintrittskarten haben einen aufgeklebten Zettel mit der Aufschrift: «Juden ist der Zutritt nicht gestattet.» Lagrèzes lakonischer Kommentar dazu: «Increi-ble!»

Am 29. November 1948 verstarb er 75-jährig in Santiago.

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