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sábado, 5. diciembre 2020
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«Alle sehen und fühlen sich im Dienst an den Bedürftigen»

30 Jahre Fundación Cristo Vive

Die aus dem niederbayrischen Eichstätt stammende Karoline Mayer beschreibt im Cóndor-Interview, was ihr seit der Stiftungsgründung bis heute wichtig ist.

Die Entstehung der Fundación Cristo Vive ist nicht ohne Schwester Karoline Mayer denkbar. Vor 52 Jahren wurde sie von ihrem Orden der Steyler Missionare nach Chile entsandt. Für sie persönlich stand immer ihre Berufung im Mittelpunkt: Der Dienst an den Armen. Aber erst durch ihr Studium als Krankenschwester an der Universidad de Chile kam sie durch die Mitstudenten in Kontakt mit den Ärmsten. Nach dem Militärputsch und ihrer kurzzeitigen Rückkehr nach Deutschland konnte sie 1977 die Fundación Missio mitgründen. Präsident der katholischen Institution war Jorge Hourton, der damalige Bischof von Santiago-Nord. Hier sammelte die heute 77-Jährige viele Erfahrungen, sodass ihre Weggefährten sie drängten, 1990 eine eigene Stiftung ins Leben zu rufen.

Liebe Schwester Karoline, was ist Ihre Berufung, die Sie motiviert und Ihnen Kraft gibt, unermüdlich aktiv zu sein?

Meine tiefste Berufung war und ist immer: Den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden, Kranke zu heilen, Unterdrückte zu befreien und für die soziale Gerechtigkeit zu kämpfen! Das Verkünden der Frohen Botschaft geschieht nicht allein durch das Wort, sondern vor allem durch das Zeugnis und die gelebte Praxis. Das heißt, meine gelebte Geschwisterlichkeit, mein Verhalten in Gleichheit und Würde den andern gegenüber sind gefordert. Am meisten liegt mir am Herzen, dass wir in allem in unseren Diensten den Allerärmsten den Vorrang geben, jenen, die sich nicht helfen können, die immer die Verlierer sind…

Wenn wir von den Armen lernen, dann werden wir merken, dass diese gar nicht so arm sind, wenn wir ihren menschlichen und gemeinschaftlichen Reichtum erkennen, fördern und nutzen.

Gibt es Leitziele für Ihre Arbeit bei der Fundación?

Wir wollen immer für die da sein, die am bedürftigsten sind, die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Das zweite ist, dass wir versuchen, für sie den besten Dienst zu leisten. Und dann ist da der große gemeinsame Traum der Dringlichkeit einer «cultura del amor», einer Kultur der Liebe, in der wir allen Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen, egal ob sie auf der Straße leben, eine Suchterkrankung oder eine Behinderung haben.

Wie geht es Ihnen und der Fundación in dieser Zeit der Pandemie?

Was wir seit Monaten erleben, hätten wir uns alle wahrscheinlich nicht vorstellen können. Persönlich geht es uns gut. Inmitten des Elends und mancher Verzweiflung sind wir privilegiert. So versuchen wir den Menschen nach Kräften beizustehen. Die Mitarbeitenden der Cristo Vive haben die Pobladores in verschiedenen Stadtteilen mit Lebensmittelpaketen versorgt. Dank der solidarischen Hilfe vieler Spender war dies überhaupt erst möglich!

Die Situation ist angespannt, aber die Fundación Cristo Vive stand immer wieder vor großen Herausforderungen. Auch in den Jahren 2010 oder 2017 war es nicht leicht, finanziell über die Runden zu kommen, aber wir sind voll Vertrauen, dass wir es auch dieses Mal schaffen werden. Momentan sorgen wir uns vor allem um unsere Berufsschulen – während unsere Lehrer schon seit langem Fernunterricht halten, wird dieser erst seit wenigen Wochen vom Arbeitsministerium anerkannt. Der dadurch entstandene Zahlungsverzug des Arbeitsministeriums bereitet uns große Probleme.

Was ist Ihnen wichtig bei der Zusammenarbeit in der Fundación heute?

Ich habe das Glück, sehr kritische Mitarbeitende zu haben. Wir haben längst nicht alle die gleichen Ansichten, aber sind uns einig in einer Sache: Alle sehen und fühlen sich im Dienst an den Bedürftigen und tun alles ihnen Mögliche, um ihnen auf die Beine zu helfen. Das zeigte sich nun auch in der Pandemie: Wenn sich alle so verwirklichen und sich so begleitet fühlen, dass sie ihre Stärke ausleben können, miteinander lernen und einander zuhören, die Aufgaben auf viele Schultern verteilt werden sowie Mitverantwortung und Wachstumsprozesse gefördert werden, dann motiviert, inspiriert dies und setzt Kräfte frei.

Was sind für Sie besonders wichtige Dienste?

Der Bereich der technischen Ausbildung, unsere Berufsbildungszentren! Insgesamt haben wir über die Jahre hinweg mehr als 18.000 Personen in den Bereichen Metalltechnik, Automobil, Verwaltung, Gastronomie und Gesundheit ausgebildet. Diese Ausbildung steht allen Altersstufen offen – jeder soll die Möglichkeit haben einen Beruf zu lernen, ob 18 oder 60 Jahre alt. Vor allem ist das natürlich für junge Menschen wichtig, damit sie endlich eine Perspektive im Leben haben. Eine Herzensangelegenheit ist auch die Obdachlosenhilfe, von Schwester Teresa Winter geleitet. Die Menschen, die auf der Straße leben, sind die Ärmsten der Armen. Keiner hat freiwillig diese Lebensweise gewählt und es ist schwierig hier wieder herauszufinden.

Was sehen Sie als besondere Erfolge bei ihrer Arbeit an?

Das ist unser eigentliches Anliegen, dass diejenigen, denen wir unsere Dienste zu kommen lassen, lernen auf eigenen Beinen zu stehen und sie uns irgendwann nicht mehr brauchen: In Bolivien haben wir Kindergärten in die Eigenorganisation begleitet, einige Obdachlose konnten dieses Jahr trotz der Pandemie in eine eigene Wohnung ziehen. Außerdem freue mich ich über jeden, der mir nach Jahren begegnet und erzählt, wie positiv sich sein Leben durch die Erfahrung in der Fundación Cristo Vive verändert hat.

Die Fragen stellte Silvia Kählert.

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